Helfen wie bei Hochwasser

Hunderte Flüchtlinge finden Obdach in Ex-Polizeiakademie in Wertheim

Mit der kurzfristigen Aufnahme von fast 600 Flüchtlingen gelang in Wertheim eine vorbildliche Leistung. Die Helfer haben die Zusammenarbeit schon mehrfach erprobt - beim Kampf gegen Hochwasser.

15.09.2015

Von HANS GEORG FRANK

Wertheim Stolz und Dankbarkeit sind Stefan Mikulicz, CDU-Oberbürgermeister von Wertheim, deutlich anzusehen. Am Tag nach der kurzfristigen Aufnahme von 444 Flüchtlingen ist "toll" eine der meistgebrauchten Vokabeln. Dabei erfuhr die nördlichste Stadt des Landes am Sonntag völlig unerwartet, dass Asylsuchende aus München in diese beschauliche Ecke des Main-Tauber-Kreises gebracht werden. "Da ist etwas über uns hereingebrochen", denkt Mikulicz zurück. Um 12.30 Uhr informierte ihn das Regierungspräsidium Stuttgart, dass 600 Personen auf dem Weg seien und in der früheren Polizeiakademie beherbergt werden müssten.

"Das hat mich sehr überrascht", gibt der OB zu. Denn kurz zuvor war der früher vereinbarte Zeitplan bestätigt worden. Demnach wäre die Umnutzung der Akademie als Landeserstaufnahmeeinrichtung (Lea) erst am 15. Oktober erfolgt. Doch mit Lamentieren hielt sich Mikulicz nicht auf. "Es ist Solidarität angesagt", lautete seine Parole. Also trommelte er die wichtigsten Mitarbeiter der Stadtverwaltung, Feuerwehr, Rotes Kreuz und Vertreter des Vereins "Willkommen in Wertheim" zusammen. Um 15 Uhr fand bereits die erste Lagebesprechung statt.

"Wir haben innerhalb kürzester Zeit geordnete Verhältnisse hergestellt", fasst der Stadtchef zusammen. Jetzt konnte Mikulicz umsetzen, was er versprochen hat: "Wir wollen in Wertheim über die Flüchtlingsverwaltung hinausgehen, wir wollen eine spürbare Betreuung." Als gegen 18.30 Uhr die ersten Busse aus der bayerischen Hauptstadt eintrafen, stand bereits das Begrüßungsspalier. Wertheimer empfingen die erschöpften Flüchtlinge mit Beifall, Blumen, Kuscheltieren und versprachen "Peace", Frieden, wie auf Plakaten stand. Es waren so viele Einheimische in den Stadtteil Reinhardshof gekommen, dass jeder "seinen" Flüchtling hatte. Auch Ausländer, die schon länger in der Stadt leben, eilten herbei, um als Dolmetscher die Sprachbarrieren zu überwinden. Die Bundeswehr kommandierte 22 Soldaten eines Jägerbataillons aus Donaueschingen ab an Main und Tauber. Verena Flicker vom "Willkommen"-Verein ist "total begeistert" von den Spenden.

"Absolutes Lob für Wertheim", betont Clemens Bohnacker, der bisherige Vize-Chef der Polizeiakademie und neue Lea-Beauftragte. Er habe nach Mitternacht zu Bett gehen können mit dem Gefühl, "das ist richtig gut gelaufen". Denn nicht nur bürgerschaftliches Engagement entfaltete seine segensreiche Wirkung, auch die medizinische Betreuung geriet mustergültig. Neben DRK-Experten boten niedergelassene Ärzte ihre Unterstützung an. "Bis zu 15 Ärzte sämtlicher Fachdisziplinen" zählte Wilhelm von Lamezan, Leitender Notarzt, "die Hilfsbereitschaft war einfach toll". Die Spezialisten hätten nicht nur gesichtet, "sondern auch sichtbar geholfen". Drei Personen hätten ins Krankenhaus gebracht werden müssen, viele Säuglinge litten unter Durchfall. Lange Märsche hatten schmerzliche Folgen: "Manche Füße sehen einfach nur grässlich aus."

Gestern Abend konnten die Wertheimer ihre Form der Willkommenskultur erneut beweisen: Von der österreichischen Grenze kamen 150 weitere Flüchtlinge auf den Reinhardshof, ließ das Innenministerium in Stuttgart am frühen Nachmittag wissen.

In Wertheim machte sich bezahlt, was bei den vielen erfolgreichen Kämpfen gegen Hochwasser bereits mit Erfolg praktiziert wurde. Die dafür notwendige enge Zusammenarbeit der Helfer habe "gut verzahnte Strukturen geschaffen", erklärt Stadtbrandmeister Ludwig Lermann. Seine Erkenntnis aus dem Einsatz gegen die Mainflut: "Nichts ist so schlimm, dass es nicht auch einen Vorteil hat."

444 Personen haben erfahrene Helfer des DRK am Sonntagabend namentlich auf speziellen Formularen registriert. Dann erst konnten sie die mit Feldbetten des Technischen Hilfswerks umgerüsteten Vierbettzimmer beziehen. Zuvor war dort nur Platz für zwei Absolventen der Polizeiakademie. OB Mikulicz geht davon aus, dass mit jetzt 600 Flüchtlingen das Maximum erreicht ist, "mehr kann ich mir nicht vorstellen". Allerdings schließt er nicht aus, dass auch in Gemeinschaftsräumen noch weitere Betten aufgestellt werden.

Wie lange die Flüchtlinge bleiben, ist unklar. Mikulicz geht von wenigen Wochen aus, "nicht mehrere Monate". Die ersten Gäste auf Zeit sind bereits gestern morgen weitergezogen. Entweder wurden sie von Bekannten abgeholt oder bestiegen einen Zug mit unbekanntem Ziel.

Kaffee und Babybrei im Zeichen von Schwarz-Rot-Gold: In der Wertheimer Landeserstaufnahmestelle helfen ehrenamtliche Mitglieder des Roten Kreuzes bei der Versorgung der Flüchtlinge. Foto: Hans Georg Frank

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Erstellt:
15. September 2015, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
15. September 2015, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 15. September 2015, 12:00 Uhr

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