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Berlinale

Hunde auf Bärenjagd

Die 68. internationalen Filmfestspiele von Berlin beginnen mit zahlreichen Stars auf dem roten Teppich und dem wunderhübschen Animationsfilm „Isle of Dogs“.

16.02.2018

Von SIMON RAYSS

Auftritt auf dem roten Teppich: Der Regisseur von „Isle of Dogs“, Wes Anderson, mit zwei seiner Stars, Greta Gerwig (rechts) und Tilda Swinton. Foto: Ralf Hirschberger

Berlin. Bären, Filme, Stars – und Wartezeit. Das macht für viele Kinofans die Berlinale aus. Sie lagern in Schlafsäcken nachts vor den Ticketschaltern in einem Einkaufszentrum am Potsdamer Platz und nehmen schon am frühen Nachmittag Aufstellung vorm Berlinale-Palast, um auf die Eröffnungsgala und ihre berühmten Gäste zu warten.

Als es am Donnerstagabend endlich soweit ist, läuft neben deutscher Prominenz wie Heike Makatsch, Sandra Hüller und Bjarne Mädel auch jede Menge Hollywood über den roten Teppich: Bill Murray, Greta Gerwig, Tilda Swinton und Jeff Goldblum haben sich in Schale geschmissen und winken den rufenden Fotografen und Fans zu, die zu einer stattlichen Menge angewachsen sind.

Eröffnet wird die Berlinale dann von Kulturstaatsministerin Monika Grütters, dem Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller, Jury-Präsident Tom Tykwer und Dieter Kosslick, der seine vorletzte Berlinale als Direktor erlebt. Draußen trommelt eine Gruppe japanischer Musiker fernöstliche Rhythmen, die Kameras rattern, die eisige Berlinale-Luft beißt in die geröteten Wangen – fast alles wie immer also.

Das könnte manch ein Besucher auch mit Blick auf den Eröffnungsfilm sagen: schon wieder Wes Anderson. Zum vierten Mal ist der US-Regisseur mit einem Beitrag auf den Berliner Filmfestspielen zu Gast. Nach „Die Royal Tenenbaums“ und „Die Tiefseetaucher“ eröffnete sein „Grand Budapest Hotel“ 2014 ebenfalls das Festival.

Nun bringt er „Isle Of Dogs“ mit zur Berlinale, einen Animationsfilm. Das klingt weniger spektakulär, als es tatsächlich ist. Anderson hat mit einer Crew von rund 670 Mitarbeitern einen zweijährigen Kraftakt vollbracht: einen Puppen-Trickfilm, der aus mehr als 130 000 Standbildern besteht. Dafür kommt die altgediente Stop-Motion-Technik, mit der Anderson auch schon in „Der fantastische Mr. Fox“ gearbeitet hat.

Mit äußerster Akribie sind die Puppen aus Metallskelett, Silikon und Schaumstoff entstanden, überzogen mit einem Fell aus Alpaka- und Merinowolle, das sich sanft im Wind wiegt. All dem Perfektionismus zum Trotz ist das Ergebnis bewusst unvollkommen gehalten, damit der schrullige Charme entsteht, der Andersons Filme ausmacht.

Die Hunde bewegen sich leicht ruckartig über die „Isle Of Dogs“, und auch ihre menschlichen Kompagnons bleiben jederzeit als Puppen zu erkennen, die in einer detailverliebt modellierten Welt leben. Das Auge des Zuschauers will sich kaum eine Pause gönnen, um möglichst viel von diesem Zauber zu erfassen. Dabei ist die „Insel der Hunde“ alles andere als schön: eine Müll-Insel, die zum Exil für alle Vierbeiner der fiktiven japanischen Megasaki City wird, als dort eine Hundegrippe ausbricht.

Auf Geheiß des Bürgermeisters werden alle Hunde auf das Eiland verbannt, auch Spots, der Beschützer seines Pflegesohns Atari. Der Zwölfjährige begibt sich auf die Suche nach Spots und strandet auf der Insel. Dort helfen ihm fünf verlauste Hunde, seinen Gefährten wiederzufinden, und stoßen auf eine Verschwörung. Auch der Bürgermeister ist darin verwickelt.

Das Ganze erzählt Wes Anderson mit Sinn für Humor: Das Timing stimmt, die Pointen sitzen, auch dank des komödiantischen Talents der erwähnten Hollywoodriege, die den Figuren ihre Stimme leiht. Dabei ist „Isle Of Dogs“ kein Kinderfilm: Die Handlung hat ihre Härten, etwa wenn den ausgestoßenen Tieren der Tod im Konzentrationslager droht. Tierversuche, Korruption, mediale Hetze gegen Hunde: Ausgerechnet mit einem Animationsfilm ist dem 48-Jährigen sein bisher politischstes Werk gelungen. „Vielleicht fand der ein oder andere reale Aspekt Eingang in den Film“, stapelt Anderson tief, als er sich am Donnerstagmittag den Fragen der Journalisten stellt. „Wir mussten die Politik dieser Stadt erfinden. Doch das ist eine Geschichte, wie sie überall geschehen könnte.“

Kunst, nicht Politik

Einige Stunden zuvor haben an gleicher Stelle die Mitglieder der Wettbewerbs-Jury eine Pressekonferenz bestritten und klargemacht, dass es ihnen in erster Linie um die Kunst geht. Der japanische Komponist Ryuichi Sakamoto sagt: „Ich möchte die Filme aus künstlerischer Sicht bewerten, nicht aus politischer.“ Jury-Präsident Tykwer („Lola rennt“) ergänzt: „Wir wollen erstmal als Zuschauer von dem Film erwischt werden.“

An ihre Aufgabe gehen der Regisseur Tykwer, Sakamoto, die französische Schauspielerin Cécile de France, der spanische Fotograf und Filmwissenschaftler Chema Prado, die US-Independent-Produzentin Adele Romanski und die US-Kritikerin Stephanie Zacharek durchaus ernsthaft heran. „Wir haben ein Problem, wenn wir 15 Meisterwerke sehen“, sagt Tykwer. „Aber das ist ein Problem, auf das wir heimlich hoffen.“ Mit „Isle Of Dogs“ ist diese Hoffnung ein erstes Mal in Erfüllung gegangen.

Der Berlinale-Eröffnungsfilm „Isle of Dogs“ ist ein so aufwändiger wie schrulliger Animationsstreifen. Foto: Fox

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Erstellt:
16. Februar 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
16. Februar 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 16. Februar 2018, 06:00 Uhr

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