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Stuttgart 21

Hopfenzitz sprach über das „Milliardenprojekt“

Der Mössinger Widerstand gegen Stuttgart 21 nimmt zu. Über 100 Interessierte folgten am Dienstag der Einladung zu einem Vortrag des ehemaligen Bahnhofsleiters Egon Hopfenzitz im Feuerwehrhaus.

24.02.2011

Von Jürgen Jonas

Mössingen. Bundesbahnoberrat a. D. Egon Hopfenzitz, 80 Jahre alt. Ein Beamter, aber keine Dienstpfeife. Die, mit der er früher das Signal zur Abfahrt gab, nimmt er seit langem in Gebrauch, um bei Demonstrationen Geräusch zu machen. Mit vielen tausend anderen, die gegen die Verlegung des Stuttgarter Bahnhofs unter die Erde protestieren. Man solle es aber bitte nicht verraten, sonst gebe es eventuell noch ein Disziplinarverfahren wegen Pfeifenmissbrauchs.

In seinen Ansichten ist der ehemalige Bahnhofsleiter weniger vorsichtig. Beim Bahnhofs-Projekt geht es laut Hopfenzitz um „Milliardengewinne“, die „gewisse Herren“, die einst S 21 in die Welt setzten, „witterten“. Allesamt selbstverständlich keine Eisenbahner, aber „alle in der gleichen Partei“. Namentlich erwähnte er die Verkehrspolitiker Hermann Schaufler und Matthias Wissmann, Alt-Ministerpräsident Erwin Teufel, Stuttgarter Alt-OB Manfred Rommel und Alt-Bahnchef Heinz Dürr.

„Alle in der gleichen Partei“, diesen Satz lässt Hopfenzitz öfter fallen – auch als es um die Bauherrengesellschaft ECE geht, in der Stuttgarts jetziger OB Wolfgang Schuster und die baden-württembergische Verkehrsministerin Tanja Gönner als Beiräte fungierten und die er als Drahtzieher des Bahnhofsprojektes vermutet. Hopfenzitz und seine Frau sind mit dem Zug angereist. Die Stationen Tübingen, Derendingen, Dußlingen, Nehren, Mössingen kann er im Schlaf aufzählen. Vierzig Jahre lang hat er für die Bahn gearbeitet, zwanzig im Stuttgarter Hauptbahnhof, vierzehn als dessen Leiter. Er ist katholisch, konservativ, ein kreuzbraver Bürger. Aber da ist diese bohrende Frage: Warum soll ein leistungsfähiger, mit siebzehn Gleisen ausgestatteter, pünktlicher Großstadt-Bahnhof in einen Kellerbahnhof verwandelt werden?

„Lügenberichte“ und „Trickserei“ bei Grafiken

Das wollen viele andere auch wissen. Über hundert Gäste konnte Albrecht Esche von der „Aktionsgruppe Steinlachtal für K 21“ willkommen heißen, die meisten vermutlich Gegner des Projekts, das „entgegen allen Argumenten, fast gewalttätig“ durchgesetzt werden soll. Hopfenzitz? Gattin begrüßte Esche besonders, weil er sie im Fernsehen gesehen und sagen gehört habe, „des hätt? i? auch nicht denkt?“ – dass sie und ihr Egon noch einmal „zom demonschtriere“ gehen täten. Auch am 30. September waren sie dabei, dem „schmutzigen, schwarzen Donnerstag“, dem Wasserwerfer-Tag, der einen Demonstranten das Augenlicht kostete.

Erklären kann Egon Hopfenzitz das Projekt Stuttgart 21 schon, aber verstehen kann er es nicht. Der Ex-Bahnhofsleiter zeigte viele Bilder, ging „Lügenberichten“ über vertaktete Fahrpläne nach, entlarvte alles, was über reduzierte Fahrzeiten oder über „deutliche Kapazitätssteigerungen“ in Umlauf gebracht wurde, als Propaganda, enthüllte Tricksereien bei den Werbegrafiken, sprach über das unter Verschluss gehaltene SMA-Gutachten, in dem die Infrastruktur des geplanten Bahnhofs als zu knapp bemessen bezeichnet wird.

Auch über die Grundwasserabsenkung oder das gefährliche Gefälle auf den neuen Bahnsteigen machte er sich so seine Gedanken – und über seine Liebe zu seiner Heimatstadt Stuttgart, zum alten, königlichen Park. Vieles nannte er „einen rechten Murks“. Er spottete über die viel beschworene „Bratislava-Magistrale“ und die von der Verkehrsministerin erfundene „Hybridlokomotive“. Egon Hopfenzitz gab zwar keine Wahlempfehlung, meinte aber, wer die derzeitigen Regierungsparteien wähle, müsse wissen, dass, wenn sie eine Mehrheit erhalten würden, „das Wahnsinnsprojekt“ gebaut werde.

Die Zuhörer hatten viele Fragen. Wie es mit der Elektrifizierung der Region weitergehen werde und ob Stuttgart 21 ein in sich schlüssiges Konzept darstelle, wollten sie wissen. Nein, sagte Hopfenzitz, der die Entwicklung schon viele Jahre mit kritischem Blick verfolgt. Ob sich die Bahn an den Schlichterspruch halten werde? Auch dies hielt der Vortragsredner für unwahrscheinlich. Nach zweieinhalb Stunden war der 80-Jährige immer noch nicht müde.

Lumpenlieder vom „Nimmersatt Mappus“

Stimmgewaltige Unterstützung bekam er von Liedermacher Thomas Felder, der zur Standhaftigkeit aufforderte: „Bleibet oben, bis der Bahnhof oben bleibt!“ Auf die Melodie von „Horch, was kommt von draußen rein“ leuchtete der Gönninger Künstler dem „nimmersatten Mappus“ heim, „bis die Bande abmarschiert, die mit Pfefferspray regiert“. Und legte noch ein Lied zur Frage drauf, warum es im Rathaus so „g?schleckt“ ausschaut: wegen der „Putzlomba“. Die Herrschaften bräuchten viele Putzlumpen, man solle sich nicht, Felders Rat, zu solchen machen lassen.

TAGBLATT-Fotograf Manfred Grohe übergab Egon Hopfenzitz zum Schluss Luftaufnahmen des Stuttgarter Hauptbahnhofs, und der Beifall für den Redner donnerte wie eine Dampflok durch den Saal.

Alles über das Bahnprojekt gibt es auf www.tagblatt.de/s21

Katholisch, konservativ, kreuzbrav: Alt-Bahnhofsvorstand Egon Hopfenzitz sprach vor rund 100 Zuhörern im Mössinger Feuerwehrhaus. Bild: Franke

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Erstellt:
24. Februar 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
24. Februar 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 24. Februar 2011, 12:00 Uhr

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