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Holder Friede dank Schranke
Foto: Eibner
Marbach

Holder Friede dank Schranke

Vor dem Schiller-Denkmal in Marbach am Neckar treffen sich immer mehr PS-Proleten. Die Stadt baut dort nun eine Schranke auf, um dem Einhalt zu gebieten.

05.09.2016
  • HANS GEORG FRANK

Könnte jener Friedrich Schiller, für den 32 Tonnen französischer Geschützbronze eingeschmolzen wurden, das Treiben zu seinen Füßen kommentieren, hätte er sich vielleicht an sein Gedicht vom Spaziergang erinnert: „Wild ist es hier.“ Eine besondere Form der Freiheit, die Schiller „die wilde Begierde“ nannte, möchten vor seinem Denkmal in Marbach am Neckar (Kreis Ludwigsburg) jene Zeitgenossen ausleben, deren Intelligenzquotient anscheinend umgekehrt proportional ist zur PS-Zahl ihrer Vehikel.

Schauplatz der lärmenden Angeberei ist die Schillerhöhe, eine Art deutscher Poeten-Olymp, ein Refugium der schriftstellenden Lichtgestalten. Auf der Erhebung befinden sich neben dem Schiller-Nationalmuseum zwei der bedeutendsten Institutionen der Republik – das Deutsche Literaturarchiv und das Literaturmuseum der Moderne.

Der Denkmal-Schiller hat die Szenerie im Blick. Keinerlei Achtung kann er von seinem Sockel aus erkennen. Die Auspuff-Aufschneider drehen auf dem Platz ihre Vollgasrunden, obwohl er dafür keineswegs vorgesehen ist. Es handelt sich in Wirklichkeit um einen Ort der Wertschätzung literarischer Höchstleistungen und der Bewahrung des Nachlasses der Wortgewaltigen. Diesen Ruhmeshallen verweigern die lärmenden Automobilisten jeden Respekt, als wollten sie es den Ungehorsamen in Schillers „Wilhelm Tell“ gleichtun, die den Hut des ungeliebten Vogtes Gessler ignorierten. Lieber hinterlassen die übermotorisierten Angeber deutlich sichtbare Spuren ihrer Pneus auf dem Pflaster.

Das Denkmal konnte sich dazu verständlicherweise nicht äußern. Dafür tat die Deutsche Schillergesellschaft mit ihren 2500 honorigen Mitgliedern als Trägerin des Nationalmuseums kund, dass sie die Protzerei der Tuningszene nicht länger hinnehmen werde. Ab heute Abend, 19 Uhr, ist Schluss mit dem Radau. Nicht nur ein simpler Riegel wird vorgeschoben, eine stabile Schranke ist festgemauert in der Erden wie weiland bei Schillers Glockenguss. Die Zufahrt wird damit bis zum anderen Morgen um 7 Uhr versperrt. Ermahnungen seien wirkungslos geblieben, lautet die Begründung.

Auch die genervten Anwohner dürften mit ihrem allseits geschätzten Schiller und dessen bereits zitiertem „Lied von der Glocke“ fortan ausrufen: „Holder Friede, süße Eintracht, weilet, weilet friedlich über dieser Stadt.“

Fraglich ist allerdings, ob die missliebigen Rundendreher und Profilabrubbler auf Dauer der ruhebedürftigen Schillerstadt fernbleiben, wie dies deren bedeutendster Sohn einst selber getan hat. Wahrscheinlicher ist, dass die Krachmacher sich eine andere Reibefläche suchen. „Verstand ist stets bei wenigen nur gewesen“, mag Schiller rückblickend mit seinem Fürsten Sapieha resümieren. Aber der kluge Dichter hat schon für sein 1784 im fernen Frankfurt uraufgeführtes Trauerspiel „Kabale und Liebe“ eine Erkenntnis formuliert, die auch für die mobilen Ruhestörer der Neuzeit gelten kann: „Zwang erbittert die Schwärmer immer, aber er bekehrt sie nie.“

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05.09.2016, 06:00 Uhr
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