Pop

Dota Kehr: „Hoffnung muss da sein“

Die Berlinerin Dota Kehr veröffentlicht „Wir rufen dich, Galaktika“. Ein Gespräch über Fridays for Future, politisches Engagement und ihre Kindheit.

27.05.2021

Von Lena Bautze

Dota Kehr mit ihrer Band. Von links: Patrick Reising (Keyboard), Jan Rohrbach (Gitarre), Alex Binder (Bass) und Janis Görlich (Schlagzeug). Foto: Annika Weinthal

Dota Kehr mit ihrer Band. Von links: Patrick Reising (Keyboard), Jan Rohrbach (Gitarre), Alex Binder (Bass) und Janis Görlich (Schlagzeug). Foto: Annika Weinthal

Berlin. Ihre Musik bringt Realität auf den Punkt, ist politisch und auch humorvoll. Die Sängerin und Songwriterin Dota Kehr aus Berlin, früher bekannt als Kleingeldprinzessin, füllt deutschlandweit die Clubs und singt auch bei politischen Aktivisten. Die SÜDWEST PRESSE sprach mit ihr über Zoom in ihrem Musikzimmer über ihr neues Album „Wir rufen dich, Galaktika“ (Kleingeldprinzessin Records/Broken Silence).

Ihr neues Album trägt den Titel „Wir rufen dich, Galaktika“. Das Zitat kommt aus der Kinderserie „Hallo Spencer“. Was verbinden Sie mit der Serie?

Dota Kehr: Kindheitserfahrungen einfach. Es hat so etwas Hoffnungsvolles. Eigentlich bezog sich das Lied auf Klimapolitik, aber man kann es auch auf die Pandemie beziehen – wir bekommen es einfach nicht hin, wenn eine gemeinsame Anstrengung gebraucht wird, die von jedem etwas erfordert. Natürlich ist das wahnsinnig schwer und manchmal möchte man daran verzweifeln. Das fand ich dann eine erträgliche Art, das zu formulieren. Weil Hoffnung da sein muss, um nicht zu verzweifeln, aber man sie fast nicht ernst nehmen kann.

Was würden Sie sich von einer Fee wünschen?

Ich würde mir natürlich einfach die Lösung aller Probleme wünschen, den Weltfrieden, das Ende der globalen Ungerechtigkeit, der Ausbeutung und der Umweltzerstörung.

In Ihrem Song „keine Zeit“ geht es um den Klimawandel. Sie singen auch über die Aktivisten von Fridays for Future. Was verbindet Sie mit der Bewegung?

Eine große Hoffnung. Wir hätten das auch machen sollen in unserer Generation. Ich erinnere mich da genau an meinen Bruder, als er mir in der zweiten Klasse von dem Bericht des Club of Rome, „Grenzen des Wachstums“, erzählt hat, der die Klimakrise schon vor 50 Jahren vorausgesagt hat. Dass ein begrenzter Planet und unendliches Wachstum nicht geht – das ist einfach logisch. Wir werden den Kapitalismus verändern müssen.

Wären Sie als Kind und Jugendliche auch auf die Straße gegangen, um zu protestieren?

Auf jeden Fall! Und da es die Bewegung heute gibt, geh ich jetzt auch auf die Straße.

Wie nachhaltig kann so ein Popkünstlerleben sein, mit Tourneen im Bus und Tonträgern aus Kunststoff?

Jeder hinterlässt seinen Fußabdruck und beim Touren auch. Konzerte kann man nicht ersetzen durch Streaming, auch wenn das weniger CO2-Ausstoß bedeutet. Es ist immer noch besser, wenn wir als Band in die Städte kommen und nicht alle Fans nach Berlin. Das ist natürlich ein Gewissenskonflikt. Wir fahren auch oft mit der Bahn. Ich hatte dagegen vor kurzem ein ganz tolles Erlebnis und habe das erste Mal auf einer Festivalbühne gespielt, die komplett solarbetrieben war.

Wo war das?

Bei den Klimaaktivisten im Dannenröder Wald, die für die Verkehrswende protestieren. Es war eine politische Veranstaltung mit Musik.

Was sollte sich Ihrer Meinung nach politisch ändern?

Wir haben viel zu lange zugelassen, dass die Verantwortung für Umweltschutz oder Umweltzerstörung von Politik und Wirtschaft an die Verbraucher zurück delegiert wurde und sie fast ausschließlich als Folge individueller Konsumentscheidungen dargestellt wurden. Die großen Entscheidungen von Energie- und Verkehrswende müssen von der Politik kommen, sie muss Regeln für die Wirtschaft aufstellen. Es ist natürlich wichtig, dass wir den politischen Druck aufrechterhalten und Unternehmer verantwortlich gemacht werden können für Umweltzerstörung – egal, wo sie stattfindet. So wie es das geforderte Ökozid-Gesetz vorsieht.

In Ihrem Song „Ich bin leider schuld“ singen Sie, dass Menschen mit ihren Angewohnheiten zum Klimawandel beigetragen haben. Was machen Sie selbst, um Ihre Klimabilanz zu verbessern?

Ich kaufe überhaupt wenig Sachen und brauche wenig Kleidung, die ich dann meist aus Second-Hand-Läden habe. Außerdem versuche ich, regionale Lebensmittel zu kaufen, und achte darauf, dass sie nicht weggeschmissen werden.

Gibt es einen Verzicht, der Ihnen besonders schwerfällt?

Ich glaube Flugreisen. Ich habe eine Schwester, die im Ausland wohnt, die ich öfters besuchen würde. Mit der Bahn dauert es doch zu lange.

Sie haben auch schon Streaming-Konzerte gespielt. Hilft das, den Kontakt zu den Fans zu halten?

Ja, auf jeden Fall. Ich sehe die positiven Seiten. Am Anfang ist es schon befremdlich, ins Stille rauszuspielen. Die Stücke knallen so direkt aufeinander und man muss wie ein Radiomoderator an- und abmoderieren. Und natürlich fehlen die Reaktionen, die Wärme und den Leuten in die Augen zu gucken.

Was ist in Zukunft geplant?

Wir hoffen, im Juni Open-Air-Konzerte spielen zu können. Alles mit Abstand, und ich würde nicht so richtig einsehen, warum es ausfallen soll. Da hat man meiner Meinung nach weniger Risiko als bei einem Besuch im Park. Was im Herbst passiert – keine Ahnung.

Sie haben vergangenes Jahr angefangen, Gitarren-Tutorials auf YouTube hochzuladen. Wie finden Sie das, wenn Fans jetzt Ihre Songs covern?

Ich fühle mich geehrt. Das ist doch die höchste Ehrung, die man als Songwriter erfahren kann, wenn Leute das nachspielen wollen und ihre eigenen Interpretationen dazu machen. Ich bin total gerne Sängerin – habe aber vor allen Dingen einen Anspruch an mich als Songwriterin und Textdichterin.

Vom Medizinstudium zur Musik

Dota Kehr hat erste musikalische Erfahrungen auf der Straße gemacht. Früher hieß ihre Band Dota und die Stadtpiraten, jetzt schlicht Dota. Eigentlich hat die Berlinerin Medizin studiert – doch in die Praxis oder an den OP-Tisch zog es sie dann doch nicht. Ihr erstes Album „Kleingeldprinzessin“ ist 2003 erschienen. Seitdem hat sie laut eigenen Angaben um die 190 Songs veröffentlicht. Kehr ist Mutter von zwei Kindern.

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Erstellt:
27.05.2021, 06:00 Uhr
Lesedauer: ca. 3min 45sec
zuletzt aktualisiert: 27.05.2021, 06:00 Uhr

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