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Mundart

Hochdeutsch für Schwaben

Die Stuttgarterin Ariane Willikonsky bringt bei, wie man Dialekt spricht. Beim Schnupperkurs ist jeder Satz eine Herausforderung.

03.02.2018

Von NADJA OTTERBACH

Wer akzentfrei spricht, wirkt kompetenter, findet Sprachlehrerin Ariane Willikonsky (stehend). Foto: Ferdinando Iannone

Stuttgart. Was der Lehrer lehrt, fällt den Kindern schwer.“ „Die Wurst macht großen Durst.“ Liest ein Schwabe diese Zeilen, hört sich das ungefähr so an: „Was der Lährer lährd, fällt den Kindern schwär.“ Oder: „Die Wurscht macht großen Durscht.“

Matthias Jungbeck wirkt motiviert, wie er da sitzt und die Übungsblätter fixiert. Ein ums andere Mal wiederholt er die Sätze und versucht dabei so zu klingen, dass er nicht sofort als Schwabe identifiziert wird. Man kann sagen: Der 54-Jährige wurschtelt sich so durch.

Jungbeck ist einer von vier Teilnehmern, die ins Fon-Institut nach Bad Cannstatt gekommen sind, um sich selbst zu beweisen: „Wir können alles – auch Hochdeutsch“. Das nämlich behauptet Diplom-Sprecherzieherin Ariane Willikonsky. Die 52-Jährige hat zum Schnupperkurs geladen: Hochdeutsch für Schwaben. Sie lacht viel und laut, lobt überschwänglich und korrigiert. Matthias Jungbeck ist gebürtiger Cannstatter, also ein Vorzeigeschwabe, der nicht mehr schwätzen, sondern reden möchte, seit er eine Freundin aus Bremerhaven hat, die die schwäbische Mundart nicht besonders gut versteht. Jungbecks drei Jahre ältere Schwester Andrea sitzt neben ihm, weil auch sie oft gen Norden reist, dort aber nicht belächelt werden möchte.

Rosemarie Mahler nickt wissend. Auch sie, die eine Bäckerei in Aalen leitet, möchte ernst genommen werden. Beim Urlaub mit einer Verwandten aus Düsseldorf hatte sie ihr schwäbisches Aha-Erlebnis. „Ich war entsetzt, dass die uns nicht versteht, wenn mir schwätzet. Ich kam mir da wie a Dubbele vor.“

Kretschmann war schon da

Und dann ist da noch Harald Hentschel vom Rande der Schwäbischen Alb. Als Lehrer spricht der 32-Jährige viel vor seinen Schülern, als Zauberkünstler tritt er deutschlandweit auf – künftig gerne dialektfrei, so sein Wunsch.

Bei Ariane Willikonsky sind die vier in guten Händen. Die Stuttgarterin ist bekannt für ihre Hochdeutsch-Seminare. Topmanager kommen zu ihr, Moderatoren und Politiker wie Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Sie betont, dass es nicht darum gehe, jemandem das Schwäbisch abzugewöhnen, das sei schlicht unmöglich. Vielmehr sieht sie Hochdeutsch als Zweitsprache, die vor allem im Beruflichen nützlich sein kann. Wer Karriere machen wolle, wirke kompetenter mit akzentfreier Sprache. Manchmal schicken Chefs ihre Angestellten zu ihr. Das Ziel sei, mühelos vom Dialekt in Hochdeutsch wechseln zu können.

Bevor sich das Schwaben-Quartett in Cannstatt an die Übungssätze macht, steht Theorie auf dem Programm. Tipps von Willikonsky: Langsamer sprechen, den Mund weiter öffnen, die Lippen runder machen. „Schwaben bilden die Laute weit hinten in der Kehle“, sagt die Trainerin. Das könne unkommunikativ und unengagiert wirken. Sie spricht vom typisch schwäbischen Bruddler, der „seinen Mund nicht aufkriegt“, und von Quäkern – meist Frauen –, die mit hoher Stimme lautstark tratschen. Willikonsky lässt alle vier einen Daumen in den Mund stecken und laut zählen. „Eine der wirksamsten Übungen für eine deutliche Aussprache.“ Sie lässt das stimmhafte S üben, das R betonen und macht den Reporter zum Reporta.

Die Aussprache ist das eine. Mit der Grammatik nehmen es Schwaben auch nicht so genau. „Das ist der Mann, der wo gestern angerufen hat“ – Sätze wie diesen gilt es auszumerzen.

Wichtig ist tägliches üben

Matthias Jungbeck macht schnell Fortschritte. „Durch die Kirche hindurch fegt ein furchtbarer Sturm“, liest er fehlerfrei. Und erntet einen anerkennenden Blick seiner Schwester, die sich nun doppelt zu bemühen scheint. „Ein kleines Schwein hat nur ein Bein“, trägt sie vor, und nach zwei Wiederholungen klingt Schwein nicht mehr wie Schwain. Ariane Willikonsky ist am Ende sehr zufrieden. Am wichtigsten sei es, das Gelernte täglich zu üben, sagt sie, etwa bei einem Telefonat oder beim Bäcker. Acht bis zehn Kursstunden empfiehlt sie Teilnehmern normalerweise, um Hochdeutsch zu lernen.

Im Alltag lässt es sich Willikonsky selbst nicht nehmen, hin und wieder zu schwäbeln. Sympathisch findet sie das. Und gesellig. Wenn sie am Imbissstand eine Rote bestellt, sagt sie „Wurscht“. Immer. Ihrem Mann gefällt das. Der kann nämlich alles – außer Hochdeutsch. Die Sprechtrainerin liebt ihn trotzdem, ihren Bruddler.

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Erstellt:
3. Februar 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
3. Februar 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 3. Februar 2018, 06:00 Uhr

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