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In den Archiven erwacht sein Forschergeist

Historiker Hellmut G. Haasis erhält heute den Ludwig-Uhland-Preis

Ein sperriger, unangepasster Mann, dieser Helmut G. Haasis. Der schwäbische Schriftsteller, der den Widerstandskämpfer Georg Elser rehabilitierte, wird heute mit dem Ludwig-Uhland-Preis ausgezeichnet.

26.04.2013

Von RAIMUND WEIBLE

Reutlingen Die Kaiser und Könige, all die Herrschaften an der Spitze der Gesellschaft - die haben den Historiker Hellmut G. Haasis nie interessiert. Das überlässt er, so formuliert er maliziös, den Lehrstuhlinhabern an den Universitäten. Der 71-jährige Autor und Verleger bemüht sich um jene, die unter die Räder kamen, um die Verkannten und Vergessenen. Um solche Leute wie Georg Elser, den Schreiner aus Hermaringen, der Adolf Hitler ins Jenseits befördern wollte, um zu verhindern, dass der Diktator den größten Krieg aller Zeiten anzettelt.

Die Biographie "Den Hitler jag ich in die Luft", 1999 erschienen, ist das bekannteste Buch des Autors aus Reutlingen-Betzingen. Durch die Arbeit von Haasis fand der von den Nazis ermordete Attentäter spät die ihm zustehende Anerkennung als Widerstandskämpfer. Nebenbei klärte Haasis auch die Umstände auf, wie Elser im KZ Dachau umgekommen ist. Sein Mörder schlich sich in Turnschuhen von hinten an. Eine Frucht fleißiger Archivarbeit. Haasis verbringt erstaunlich viel Zeit in den Archiven. Für sein Buch über Joseph Süß Oppenheimer, dem jüdischstämmigen Finanzfachmann am württembergischen Hof, der vor 275 Jahren Opfer eines Justizmords wurde, durchforschte Haasis in sechs Jahren siebeneinhalb Regalmeter Akten.

Unter der selbst gepflanzten Blutbuche in seinem Garten beschreibt Haasis sein Motto: "Du musst alle Quellen selbst lesen." Gründliches Quellenstudium steht bei ihm vor jeder Publikation. Bei der Archivarbeit entwickelte er eine riesige Ausdauer. "Da erwacht mein Forschungseifer", bekennt der Mann mit dem markanten Schädel und der grauen Mähne. Er fühlt sich eher als Kriminalist denn als Historiker. "Du musst eine Freude am Schnüffeln haben", sagt Haasis, der als Privatgelehrter seinen Weg gegangen ist. Ökonomisch beurteilt er diese Arbeit als "völlig unsinnig".

Die Publikationsliste von Haasis ist lang, aber von seinen Büchern allein kann Haasis nicht leben. Im Nebenberuf besucht er als Märchenclown "Druiknui" die Schulen. Im Kostüm des Spaßmachers kann er seinen schrägen Humor und sein Erzähltalent voll ausleben.

Für sein Werk empfängt der sperrige, nonkonformistische Autor heute Abend in Ludwigsburg den Ludwig-Uhland-Preis. Der von Carl Herzog von Württemberg gestiftete und mit 10 000 Euro dotierte Preis wird alle zwei Jahre verliehen. Zuletzt ging der Preis an die Gründer des Theaters Lindenhof, Bernhard Hurm und Uwe Zellmer.

Eigentlich wollte der in Mühlacker an der Enz geborene Haasis Pfarrer werden. Aber nach der Hälfte des Studiums wurde ihm klar, dass er dafür nicht taugte. Er bestand das Examen, seine beiden Doktorarbeiten wurden jedoch "auf schandbare Weise" abgelehnt. Statt einer Anstellung im Wissenschaftsbetrieb führt Haasis das Leben eines "freien Vogels" . Mit großer Lust fährt er fort, Geschichten auszugraben. Eine davon ist die des "gescheiten Narrs" Heisel Rein. Das war der Till Eulenspiegel von Betzingen.

Mit seinen Späßen amüsierte und ärgerte er die Leute. Als vermeintlich Erbkranker steckten ihn die NS-Psychiater in die Anstalt Weißenau. 1940 war Heisel Rein eines der ersten Opfer des "Euthanasie"-Programms der Nazis. Sie vergasten ihn auf Schloss Grafenberg bei Münsingen. Haasis: "Als Professor in Duisburg hätte ich den Heisel Rein nie geschrieben."

Haasis beschreibt sich als "libertären Sozialisten". In Beschlag nehmen lässt er sich von niemandem. Der Linken wirft er vor, die DDR-Zeit nie aufgearbeitet zu haben.

Widmet sich den Verkannten: Hellmut G. Haasis in seiner Gelehrtenstube mit dem Totengedenkblatt des Joseph Süß Oppenheimer. Foto: Manfred Grohe

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Erstellt:
26. April 2013, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
26. April 2013, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 26. April 2013, 12:00 Uhr

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