Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Chinas Führung unterbindet jede Art von Protest auf Pekings zentralem Platz

Himmlischer Frieden streng bewacht

Kaum ein Ort in China wird so streng bewacht wie der Tiananmen-Platz. Polizisten unterbinden jede politische Äußerung. Dabei wurde er dafür angelegt.

06.08.2016
  • FELIX LEE

Peking. Er wurde festgenommen, stundenlang verhört und dann abgeschoben. Dennoch wertete David Demes damals seine Aktion als Erfolg: „Ich würde es jederzeit wieder tun“, sagte der zu der Zeit 21-jährige Tibet-Aktivist. Anfang August 2008 war das, zu Beginn der Olympischen Spiele. Die ganze Welt blickte auf Peking. Demes wollte diese Aufmerksamkeit für sein politisches Anliegen nutzen. Er beschmierte sich mit roter Farbe, hüllte sich in eine tibetische Flagge und legte sich mitten auf dem Platz des Himmlischen Friedens auf den Boden. Nach nicht einmal zehn Minuten führten Sicherheitskräfte ihn ab.

Heute sind solche Szenen auf diesem politisch so symbolträchtigen Platz im Herzen der chinesischen Hauptstadt nicht mehr vorstellbar. Der Tiananmen-Platz gilt mit fast 40 Hektar als einer der größten Plätze der Welt – zugleich aber auch als einer der am schärfsten bewachten.

Um überhaupt auf den mit Zäunen abgesperrten Platz zu kommen, müssen Besucher unter einer Unterführung durch und sich umfangreichen Kontrollen unterziehen. Taschen werden geröntgt, Polizisten tasten einen gründlich ab, die Mitnahme von Trinkflaschen auf den Platz ist ebenso verboten wie Gegenstände, die auch nur in Ansätzen spitz sein könnten. Hunderte zum Teil schwer bewaffnete Polizisten laufen am Rand des Platzes auf und ab. Die Sicherheitskräfte achten akribisch darauf, dass es auch niemand wagt, auf dieser Fläche in der geographischen Mitte Pekings zu protestieren. Dabei war der Platz einst genau für diesen Zweck angelegt worden.

Genau genommen heißt der Platz auf Chinesisch „Platz vor dem Tor des Himmlischen Friedens“ (Tiananmen-guangchang). An der Nordseite steht das mächtige Tor des Himmlischen Friedens, dem Tianan Men. Dahinter erstreckt sich die Verbotene Stadt, der von Ming-Kaisern einst angelegte Kaiserpalast. Bis 1911 war weder der Palast öffentlich zugänglich, noch der im Vergleich zu heute deutlich kleinere Platz davor. Als der Kaiser abdanken musste und auch in China die Demokratie Einzug halten sollte, wollten die neuen Stadtoberen einen Ort, der genau das Gegenteil der bleiernen Kaiserzeit symbolisiert: Er sollte offen für alle sein. Sie bauten den Tiananmen-Platz aus, sodass mindestens eine Million Menschen drauf passten. Er sollte zur wichtigsten und größten Demonstrationsstätte der neuen Republik werden.

Doch Bürgerkrieg und der Angriff der Japaner im Zweiten Weltkrieg stoppten das Ansinnen der Republikgründer, China in eine funktionierende Demokratie umzuwandeln. Als die Kommunisten nach dem Zweiten Weltkrieg die Macht übernahmen, wussten die neuen Führer die beabsichtigte Funktion des Platzes sehr schätzen. Vom Tor des Himmlischen Friedens rief Mao Tsetung 1949 die Volksrepublik aus. Zehntausende auf dem Platz jubelten ihm zu.

Um seine Volksnähe zu demonstrieren, errichtete Mao in den Folgejahren im Westen des Platzes zunächst die Große Halle des Volkes, in der seitdem einmal im Jahr die 3000 Mitglieder des Nationalen Volkskongresses zusammenkommen – zum größten Parlament der Welt. Der ebenfalls in dieser Zeit erfolgte Bau des großen Nationalmuseums im Osten des Platzes sollte zugleich das neue Nationalbewusstsein Chinas symbolisieren.

Als Mao sich 1966 nach heftigen Machtkämpfen seiner parteiinternen Widersacher entledigen wollte, wusste er das Fassungsvermögen des Platzes erneut zu schätzen. Vor hunderttausenden fanatisierten Jugendlichen rief er vom Tor des Himmlischen Friedens aus zur Großen Proletarischen Kulturrevolution auf. Diese Kampagne versetzte das Riesenreich in den folgenden Jahren in Angst und Chaos. Sogenannte Rotgardisten verprügelten ihre Lehrer, denunzierten ihre Eltern und zerstörten sämtliche alte Kulturgüter. Mit allem „Alten“ sollte aufgeräumt werden. Trotz dieser Schreckenszeit, die Mao unmittelbar zu verantworten hatte, liegt seine Leiche seit seinem Tod 1976 einbalsamiert in einem gewaltigen Mausoleum auf dem südlichen Teil des Platzes. Bis heute wird der grausame Diktator in China verehrt.

Als Studenten 1989 den Platz dazu nutzen wollten, um ihrerseits ihren politischen Willen zum Ausdruck zu bringen, rollten die Panzer. Hunderttausende Demonstranten hatten in den Wochen zuvor den Platz besetzt und eine Demokratisierung Chinas gefordert. Doch die chinesische Führung zeigte sich von ihrer unerbittlichen Seite. In der Nacht zum 4. Juni 1989 ließ sie den Protest gewaltsam niederschlagen. Wahrscheinlich kamen tausende Demonstranten ums Leben. Die Ereignisse dieser als historisch zu bezeichnenden Nacht sind bis heute nicht aufgearbeitet.

Die jetzige Führung unter Xi Jinping fürchtet nichts mehr, als dass sich auf dem Platz die Ereignisse von 1989 wiederholen könnten. Tagsüber wird der Tiananmen-Platz von hunderten Polizisten streng bewacht, nachts ist er komplett abgesperrt. Trotzdem ist es einzelnen Aktivisten immer wieder gelungen, Transparente zu entrollen oder Flugblätter zu verteilen.

Den wahrscheinlich größten Schrecken der jüngeren Zeit jagten Ende der 1990er Jahre Anhänger der Falungong-Sekte den kommunistischen Machthabern ein, als sie sich zu Tausenden vor dem Haupttor des Regierungssitzes hinsetzten und eine Massenmeditation abhielten. Die Anhänger werden seitdem politisch verfolgt, Tausende von ihnen sind seitdem ins Arbeitslager gesteckt worden.

Trotz dieser scharfen Überwachung besuchen täglich Zehntausende zumeist Touristen den Platz, an manchen Tagen sind es sogar Hunderttausende. Papierdrachen wie einst in den 80er Jahren sind nicht mehr erlaubt, Drohnen – die moderne Variante – auch nicht.

Um ihre Macht zu demonstrieren, hatten die Ming-Kaiser nach ihrer Eroberung Pekings im 14. Jahrhundert mit dem Bau des Kaiserpalastes eine gewaltige Befestigungsanlage errichtet. Das „Mandat des Himmels“ sei auf sie übergegangen, behaupteten die chinesischen Herrscher damals. Damit meinen sie so etwas wie die göttliche Legitimation des tüchtigeren und erfolgreicheren Herrschers. An diesem Gedanken hät auch die heutige kommunistische Führung fest: Wer die Gegend um den Platz des Himmlischen Friedens kontrolliert, hat das Mandat des Himmels.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

06.08.2016, 06:00 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden

Newsletter-bestellen

· Samstags verschicken wir die News der Woche, unser Klassiker: Die wichtigsten Themen und Geschichten direkt im E-Mail-Postfach. So bleiben Sie auch in der Ferne immer informiert, was in und rund um Tübingen passiert.
· Werktags versenden wir um 9 Uhr die News am Morgen mit den wichtigsten aktuellen Nachrichten.
· Sonntagabend kommt unser Sport-Newsletter mit den wichtigsten Lokalsport-Berichten und Ergebnissen vom Wochenende.

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder sich neu als Benutzer registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter (nur falls Sie weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese) verwendet. Ihre Daten werden nicht an andere Unternehmen weitergegeben.
Nachrichten via Messenger
Die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region liefern wir Ihnen auch per WhatsApp & Co. aufs Smartphone. Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp bitte mit einem entsprechenden Mobilgerät.
Heute meistgelesenNeueste Artikel

Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil
Neueste Artikel
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular