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Erziehung

Himmel und Hölle im Jugendheim

Die Berichte über ein Auslandsprojekt für schwierige Heranwachsende in Rumänien könnten nicht unterschiedlicher sein: Von Prügel und Sklavenarbeit sprechen die einen, von einer Super-Zeit die anderen.

21.09.2019

Von DPA

Das Haupthaus des Projekthofs im rumänischen Maramures. Dort sollen mehrere Jugendliche misshandelt worden sein. Foto: Kinder- und Jugendhilfe Wildfang GmbH/dpa

Bothel/Bukarest. Nebel steigt aus den Wiesen, im Hintergrund erheben sich die Gipfel der Karpaten, auf anderen Bildern sind Pferdewagen und Holzhütten zu sehen: Mit idyllischen Fotos wirbt der niedersächsische Jugendhilfeträger Wildfang für das Projekt Maramures in Rumänien. „Das Geheimnis unserer Arbeit ist ein stets respektvoller und immer klarer Umgang mit den Jugendlichen“, steht auf der Internetseite des in Bothel ansässigen Trägers, der seit Jahren Teenager aus schwierigen Lebensverhältnissen in die von einem deutschen Ehepaar geführte Einrichtung vermittelt.

Doch seit 29. August stehen schwere Vorwürfe im Raum: In dem Projekt sollen mehrere Jugendliche misshandelt worden sein. Die auf organisiertes Verbrechen spezialisierte Staatsanwaltschaft in Bukarest teilte nach einer Razzia mit, die 12- bis 18-Jährigen sollen in dem Heim nahe der ukrainischen Grenze „in Bedingungen wahrhafter Sklaverei“ ausgebeutet worden sein.

Der deutsche Projektleiter sowie mehrere Mitarbeiter sind verhaftet worden. Die Polizei beschlagnahmte Akten, Computer und rund 145 000 Euro. Ermittelt wird wegen Menschenhandels, Handels mit Minderjährigen und illegaler Freiheitsberaubung von 2014 bis August 2019.

Nahrungsentzug und Isolierhaft

Ein geflohener Jugendlicher hatte die Behörden alarmiert. Er und drei andere Teenager aus Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Hessen wurden vom rumänischen Kinderschutzamt in Obhut genommen.

Die Staatsanwaltschaft spricht von Schlägen, Nahrungsentzug und einer Art Isolationshaft. „Wenn wir irgendeinen Fehler machten, wurden wir bedroht und übel verprügelt“, zitiert der NDR aus den Ermittlungsakten. Der Anwalt des festgenommenen Deutschen, Ioan Sas, sagte, es werde geprüft, ob die Aussagen der Jugendlichen glaubhaft seien.

Häufig werden Mädchen und Jungen von den Jugendämtern in Auslandsprojekte gesteckt, wenn Hilfen in Deutschland gescheitert sind. Es können Schulverweigerer sein, Kinder mit Suchtproblemen oder krimineller Karriere. Voraussetzung ist die Einwilligung der Sorgeberechtigten.

Die Hilfen zur Erziehung im Ausland werden nur in Ausnahmefällen gewährt. Rund 400 sind es jährlich bundesweit. Die Tagessätze in Maramures sind laut Wildfang mit den Kosten der Unterbringung in deutschen Einrichtungen vergleichbar.

Das Projekt sei mehrfach von rumänischen Kinderschutzbehörden überprüft worden, betont der Träger. Zudem werde es von kontinuierlichen Besuchen, Beratungen und Supervisionen aus Deutschland begleitet. Zuletzt waren 23 Jugendliche über Wildfang in Maramures untergebracht, die meisten in Gastfamilien. Fünf von ihnen reisten laut niedersächsischem Sozialministerium nach den Festnahmen freiwillig aus. Die Mehrheit wolle aber bleiben und habe die Vorwürfe der vier in Obhut genommenen Jugendlichen nicht bestätigt, hieß es.

Jonelle Kooi wurde vom für sie zuständigen Jugendamt Leer zurück nach Deutschland geholt. „Freiwillig wäre ich da nicht weggegangen. Mir hat es super dort gefallen“, sagt die junge Frau. Fast zwei Jahre war die 18-Jährige in dem Projekt – zuletzt in einer Gastfamilie. Von Schlägen oder Sklavenarbeit habe sie nichts mitbekommen, betont Kooi. „Wenn man Holz reintragen muss, ist das keine Sklavenarbeit.“

Kühe melken, Zäune reparieren, Wassereimer schleppen: Viele Dinge tun die Jugendlichen auf dem Bauernhof zum ersten Mal in ihrem Leben.

Es gibt Foto- und Filmreportagen, die schildern, wie die Kinder durch harte Arbeit und strenge Regeln wieder in die Spur finden. Allerdings gab es schon früher auch Zweifel an dem pädagogischen Konzept.

Der Hof des Paares aus Sachsen-Anhalt stand bereits vor zehn Jahren in der Kritik. „Werden niedersächsische Jugendliche Opfer „schwarzer Pädagogik“ und als billige Arbeitskräfte missbraucht?“, fragte die SPD im Landtag von Hannover. Der Landkreis Celle hatte Ende 2009 ein Mädchen aus dem Projekt abgezogen. Dem Kind seien die Haare abrasiert worden – begründet als Behandlung gegen Lausbefall. Außerdem habe es in Gruppenberichten beleidigende Äußerungen über namentlich genannte Jugendliche gegeben, sagt Kreissprecher Tore Harmening.

Werner Freigang, Professor für Pädagogik, Sozialpädagogik, Erziehungs- und Familienhilfen in Neubrandenburg, war seit 2017 achtmal für drei bis sechs Tage in Maramures, teils in Begleitung von Studierenden. Ein System der Sklavenarbeit erscheine ihm weit hergeholt, sagt er. „Einige Jugendliche baten um Verlängerung ihres Aufenthalts, was gegen Versklavung spricht, aber natürlich auch ein wenig dafür, wie schwer und angstbesetzt es ist, aus dieser Welt wieder nach Deutschland zurückzukehren.“

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Erstellt:
21. September 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
21. September 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 21. September 2019, 06:00 Uhr

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