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Leitartikel

Hilfsorganisationen im Zwielicht: Ideal und Wirklichkeit

Sex-Partys mit Prostituierten in Haiti, Vergewaltigungen im Südsudan, Missbrauch in der Demokratischen Republik Kongo: Übles Machtgebaren und kriminelle Handlungen von Mitarbeitern haben nun ausgerechnet den Teil der Zivilgesellschaft in Misskredit gebracht, der seine ganze Existenz auf Vertrauen und Glaubwürdigkeit aufbaut: Hilfsorganisationen.

21.02.2018
  • TANJA WOLTER

Ulm. Auch wenn die Entgleisungen bei Oxfam oder den Ärzten ohne Grenzen nach bisherigen Erkenntnissen kein System haben, ist der Schaden riesig. Unter dem warmen Deckmantel der Humanität wurde Not nicht gelindert, sondern neue Not gebracht. In anderen Fällen tobten sich offenbar Mitarbeiter an Kolleginnen aus. Das muss schonungslos aufgearbeitet werden, in jedem Einzelfall.

Der Skandal offenbart ein grundsätzliches Problem: Die gute Absicht, die alle Hilfsorganisationen eint, verdeckt mögliche Schwachstellen. Normalerweise blicken wir mit großer Bewunderung auf die Arbeit von NGOs. Ohne diesen Respekt, gepaart mit Hilfsbereitschaft, fließt erst gar kein Geld von privaten Spendern. Aber Hilfswerke agieren nicht in einem Vakuum, wo das Ideal der Menschlichkeit über allem steht und völlig selbstlose Wesen die Wunden der Welt salben. Ein Machtgefälle wie im erdbebenzerstörten Haiti kann Selbstverherrlichung fördern – und damit auch Fehlverhalten.

Das ist nur eine von mehreren Schattenseiten: Hilfsorganisationen bewegen sich stets in einem Spannungsfeld aus eigenen Ansprüchen, wirtschaftlicher Abhängigkeit und politischen Interessen. So ist der Wettbewerb um Gelder brutal. Einzelne Organisationen scheuen sich dabei nicht, mit stereotypen Kinderfotos Mitleid zu wecken oder sich an spendable Großkonzerne zu binden, deren Geschäfte nicht immer den eigenen ethischen Standards entsprechen. Große Player wie Oxfam gleichen von Struktur und Hierarchie her inzwischen sogar selbst einem Konzern und treten wie Lobbyisten auf. Aber auch die Arbeit vor Ort ist oft eine Gratwanderung: Wie weit darf bei Hilfseinsätzen die Zusammenarbeit mit Systemen und Gruppen gehen, die in kriegerische Auseinandersetzungen involviert sind? Wofür werden Spenden letztlich eingesetzt?

Ein sachlicher, nüchterner Blick auf die Hilfsarbeit ist notwendig – ohne Schwärmerei. Doch dürfen die Taten und Fehler Weniger nicht zu einer pauschalen Verurteilung von Organisationen oder gar der Helferszene insgesamt führen. Tag für Tag engagieren sich Abertausende in der Nothilfe, Mediziner genauso wie Logistiker oder Techniker. In manchen Regionen riskieren sie dabei ihr Leben, um anderen das Überleben zu sichern.

Am wenigsten aber dürfen, etwa durch Spendenentzug, diejenigen aus dem Blick geraten, um die es geht: Flüchtlinge, Hungernde, Kriegs- und Katastrophenopfer. 93 Millionen Menschen in 33 Ländern waren 2017 nach UN-Angaben auf humanitäre Einsätze angewiesen. Es wäre fatal, wenn die Exzesse Einzelner letztlich dazu führen, dass den Schwächsten dieser Welt weniger Hilfe zukommt. Die Übeltäter haben sich schon genug überhöht.

leitartikel@swp.de

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21.02.2018, 06:00 Uhr
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