Soziales

Hilfe für Heimkinder

Gewalt und Leid in Einrichtungen von Kirche und Staat wurden erst spät anerkannt. Für Opfer gibt es jetzt eine neue Anlaufstelle in Stuttgart.

26.01.2021

Von Alfred Wiedemann

Tausende Kinder erlitten in Heimen Unrecht und Leid. Bis heute wirkt das nach. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

So richtig herumgesprochen hat es sich noch nicht, dass es seit November wieder eine Beratungsstelle eigens für ehemalige Heimkinder gibt. In Stuttgart, in der Schloßstraße 57B. „Das muss noch besser bekannt werden“, sagt Stefani Brenner, „Auch unsere neue Homepage ist noch nicht fertig.“ Anfragen bekommt die Sozialpädagogin aber schon: Von anderen Beratungsstellen, von früheren Heimkindern, von Angehörigen früherer Heimkinder.

Warum bin ich damals ins Heim gekommen, was ist da passiert? Stefani Brenner versucht, bei solchen und ähnlichen Antworten zu helfen. „Der Bedarf ist da, eindeutig“, so Brenner. „Schlimme Erfahrungen im Heim sind ja nicht weg, nur weil sie lange her sind.“ Traumatische Erfahrungen prägten das weitere Leben – auch wenn sie einem nicht bewusst sind, wenn das „normale“ Leben gut funktioniert. Stresssituationen wie Trennungen oder Tod eines Elternteils könnten Auslöser sein, dass man sich mit Verdrängtem beschäftigt. Für ehemalige Heimkinder, die dann Hilfe brauchen, gibt es die Beratungsstelle.

„Corona macht die Arbeit viel schwieriger“, sagt Brenner. Wenn wegen des Ansteckungsrisikos nur Telefon oder Mails bleiben, wird das Reden über belastende Erfahrungen schwer. Daheim isoliert, beschäftigt man sich auch eher mit der Vergangenheit. „Da ist es wichtig, wenn man weiß, dass es Hilfe gibt“, sagt Brenner.

„Frühkindliche Erfahrungen prägen uns“, so Brenner. Traumatische Erfahrungen können ganz unerwartet Angststörungen und Panikattacken auslösen. Manchmal seien es auch Fragen nach Lücken in der Biographie, die sich erst nach Jahren stellen. „Was war denn da, wo kommt das her?“ Eine Frau habe angerufen, die wegen der kranken Mutter ins Heim gekommen war. Abgeholt in den 1960ern vom Jugendamt. Auch sie wollte wissen, was damals passiert war, warum Kontakt mit den Eltern verwehrt wurde. Akten geben Auskunft, aber nicht immer.

Sozialpädagogin Stefani Brenner. Foto: privat

Antworten seien wichtig für die Lebensbilanz. „Man kann die Vergangenheit nicht ändern“, sagt Brenner. Man könne aber nachforschen, darüber reden, Hilfe annehmen. „Und vielleicht stolz darauf sein, dass man trotz schlechter Startbedingungen aus seinem Leben was gemacht hat.“

Brenner gehört mit der Beratungsstelle zum unabhängigen Ombudssystem Kinder- und Jugendhilfe. Von der Landesregierung finanziert, beim Kommunalverband für Jugend und Soziales Baden-Württemberg angedockt, ersetzt es das im Frühjahr 2020 beendete Vorläuferprojekt der Liga der freien Wohlfahrtspflege. Mit der Ombudschaft (schwedisch: Treuhänder) sollen Kinder und Jugendliche zu ihrem Recht kommen, beispielsweise um Jugendämter geht.

Ex-Heimkinder sollten aber nicht unter den Tisch fallen. Für sie gibt es seit November 2020 die eigene Beratungsstelle. Von 2012 bis 2018 hatte es schon eine gegeben. Anstoß war der Runde Tisch Heimerziehung zur Aufarbeitung des Schicksals von 1,2 Millionen Kindern, die zwischen 1949 und 1975 in Heimen in der Bundesrepublik und der DDR untergebracht waren.

Viele waren Züchtigungen und sexueller Gewalt hilflos ausgeliefert. Betroffene konnten ab 2012 Hilfeleistungen eines bundesweiten Fonds beantragen. Die Anlauf- und Beratungsstelle zählte mehr als 2400 Betroffene, das Landesarchiv half bei 1800 Anfragen wegen Unterlagen. Als 2018 der Fonds beendet wurde, sperrte auch die Anlaufstelle in Stuttgart zu. Sozialminister Manne Lucha versprach damals weitere Hilfe für die früheren Heimkinder. Mit der neuen Beratungsstelle hat der Grünen-Politiker Wort gehalten.

Stefani Brenner richtet sich auf viel Arbeit ein, auf viele Gespräche und Anfragen, wenn das Hilfsangebot erst landesweit bekannt ist. Bammel vor der Aufgabe? „Nein“, sagt Brenner, „ich bin schon lange in der Beratung tätig, da lernt man, auch Krisen auszuhalten, wenn es nötig wird.“

Wehrlos gegen Strafen, Zwang und Übergriffe

Die damalige Anlauf- und Beratungsstelle Baden-Württemberg hat im Abschlussbericht 2018 erschütternde Fakten vorgelegt:

92 Prozent der Ex-Heimkinder berichteten laut Stichprobenauswertung von körperlicher Gewalt, 98 Prozent von psychischer Gewalt im Heim.

70 Prozent der beratenen Ex-Heimkinder erlebten religiösen Zwang, 47 Prozent berichten von Zwangsernährung.

55 Prozent, mehr als die Hälfte, wurden im Heim eingesperrt. Fast zwei Drittel mussten als Kinder arbeiten.

33 Prozent wurde eine Ausbildung verweigert, das traf vor allem junge Frauen in den Heimen.

31 Prozent der insgesamt 1846 Betroffenen im Südwesten, die schließlich Leistungen aus dem Heimkinder-Fonds erhielten, berichten von sexualisierten Gewalterfahrungen. In fast der Hälfte der Fälle von sexualisierter Gewalt waren Betreuungspersonen die Täter.

Kontakt zur neuen Beratungsstelle per Mail: brenner@ombudschaft-jugendhilfe-bw.de oder: 0711/656781-15.

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Erstellt:
26. Januar 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
26. Januar 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 26. Januar 2021, 06:00 Uhr

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