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Fernsehen

„Hier ist Berlin!“

Vor 50 Jahren lief die erste „Hitparade“ im ZDF. Die legendäre Schlagershow mit Dieter Thomas Heck wurde TV-Kult. Kein deutschsprachiger Sänger kam an der Sendung vorbei.

18.01.2019

Von CORNELIA WYSTRICHOWSKI

Oft in der „Hitparade“: Cindy & Bert. Foto: dpa

Hier ist Berlin!“ Mit diesen Worten begrüßte ein energiegeladener Dieter Thomas Heck vor genau 50 Jahren die Zuschauer der ersten Ausgabe seiner „Hitparade“ im ZDF. Zum zackigen „Guten Abend“ machte der Moderator am 18. Januar 1969 einen tiefen Diener vor dem Publikum im Studio und in den heimischen Wohnzimmern – in vielen guten Stuben hieß es danach samstagabends: „Nach dem Bade Hitparade.“

Dabei hatten Skeptiker der Schlagershow kein langes Leben prophezeit, da damals ganz andere Töne in Mode kamen. An die Bedenken erinnerte sich Dieter Thomas Heck (1937–2018) noch Jahre später: „Junge, das kann doch nicht dein Ernst sein. Du willst eine Sendung machen ohne Stones, ohne Beatles, ohne Bee Gees?“ Er glaubte aber an das Konzept, das auf seiner Radiosendung „Die deutsche Schlagerparade“ beruhte, und behielt Recht.

„Wir leben in einem Land, wo man Deutsch spricht, warum soll man nicht auch Deutsch hören?“, befand Heck. Während im 1965 gestarteten „Beat-Club“ von Radio Bremen angesagte englischsprachige Bands wie „The Who“ auftraten, trällerte in der ersten Ausgabe der „Hitparade“ Roy Black „Ich denke an dich“, Karel Gott sang „Weißt du wohin?“ und Bata Illic schmachtete „Mit verbundenen Augen“.

Die Zuschauer liebten den Schlagermix. 1971 bekam die Show die „Goldene Kamera“ als beste Sendung für junge Leute. Zu Glanzzeiten schalteten 25 Millionen Zuschauer pro Folge ein.

Die „Hitparade“ war eine Erfolgssendung zwischen Kult und Kommerz. Die Umsätze der Plattenindustrie schnellten nach jeder Ausgabe in die Höhe, und Jürgen Drews erinnert sich: „Sie war das Sprungbett für den Schlagersänger schlechthin.“

Der beliebteste Hit wurde vom Publikum anfangs per Postkarte und später telefonisch aus mehreren vorgestellten Songs gewählt. Es war ein offenes Geheimnis, dass die Plattenfirmen auf die Abstimmung Einfluss nehmen wollten, indem sie die Fanclubs mobilisierten. Der für seine Stakkatomoderationen berühmte Heck, der im Krieg als Kind bei einem Bombenangriff verschüttet worden war und danach jahrelang stotterte, musste sich gar die Frage gefallen lassen, ob er bestechlich sei.

Jahrelang machten Interpreten wie Katja Ebstein, Roland Kaiser oder Peter Maffay mit ihren oft schnulzigen Liebesliedern die vorderen Plätze unter sich aus. Doch dann kam die Neue Deutsche Welle und änderte vieles: 1983 stand die Band „Trio“ mit dem anzüglichen „Anna – Lass mich rein, lass mich raus“ auf Platz eins und drehte den Fans der Heile-Welt-Schlager eine lange Nase.

Später verlor die Show ihren Nimbus, auch weil deutsche Musik weniger gefragt war. Nach 183 Ausgaben gab Heck die Moderation ab: 1985 übernahm Viktor Worms, 1990 Uwe Hübner. Am Konzept der Sendung wurde mehrfach mit durchwachsenem Erfolg geschraubt, bis 2000 schleppte das ZDF das Format noch durch – nach 368 Ausgaben war Schluss. Eine Neuauflage bei RTL2 verschwand 2011 nach nur sechs Folgen in der Versenkung.

Schweißflecken auf dem Hemd

Seit dem Erfolg von Helene Fischer ist der deutsche Schlager wieder beliebt, im Fernsehen geben ihm Shows wie Florian Silbereisens „Feste“ im Ersten oder „Willkommen bei Carmen Nebel“ im ZDF eine Bühne. Wer sich auf YouTube alte Folgen der „Hitparade“ anschaut, wird unweigerlich nostalgisch. Hecks Mikrofon hatte ein langes Kabel und Costa Cordalis Schweißflecken auf dem Hemd; die Show wirkt aus heutiger Sicht erfrischend unperfekt.

Dabei wird oft vergessen, dass die „Hitparade“ in gewisser Hinsicht eine progressive Sendung war, denn sie war bunt (das Farbfernsehen gab es erst seit zwei Jahren) und wurde live gesendet. Und manchmal war Heck sogar recht frech: Einmal bat er Bata Illic, auf einer Weltkarte Hawaii zu zeigen, der Barde suchte bei Indonesien.

Stets seinem Publikum zugewandt: Moderator Dieter Thomas Heck Foto: ZDF/Barbara Oloffs.

Michael Holm in den 1970ern. Foto: dpa

Der junge Bernd Clüver. Er starb mit 63. Foto: dpa

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Erstellt:
18. Januar 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
18. Januar 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 18. Januar 2019, 06:00 Uhr

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