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Prozess

„Hexenkessel“ ohne Kontrolle

Wer ist schuld am Eppinger Fasnets-Unfall? Keiner will für den Bottich mit heißem Wasser zuständig gewesen sein, keiner will etwas gesehen haben.

06.12.2018

Von HANS GEORG FRANK

Nichts gesehen, nicht zuständig: Der 33-jährige Angeklagte weist jede Verantwortung von sich. Foto: Christoph Schmidt/dpa

Heilbronn. Richter Oliver Raschke bemüht sich um eine detaillierte Aufklärung eines Vorfalls, der selbst im europäischen Ausland für Schlagzeilen gesorgt hat. Beim Eppinger Nachtumzug erlitt eine Zuschauerin schwere Verbrühungen an den Beinen, weil sie ins heiße Wasser eines mobilen Wurstkessels geriet. Wer schuld ist an der fahrlässigen Körperverletzung, das ist vor dem Heilbronner Amtsgericht umstritten. Die Beweisaufnahme ist so aufwendig, dass für 21. Dezember ein dritter Verhandlungstag anberaumt werden musste. Ob dann eine Entscheidung zu erwarten ist, vermochte Raschke nicht zu sagen.

Der Angeklagte, ein 33-jähriger Versicherungskaufmann, weist den ihm zur Last gelegten Vorwurf vehement zurück. Er schloss sogar aus, dass jemand aus seiner freien Gruppe „Bohbrigga Hexebroda“ (Bahnbrücker Hexenbraten) schuld sein könnte. Er hält es auch für möglich, dass die eigenen Freunde des Opfers der Minijobberin Janine W. die schweren Verletzungen zugefügt haben. Von seinen Leuten wollen die meisten „nichts mitbekommen“ haben, sagten sie wortgleich.

Chaotische Umstände

Der rollende Kessel mit Holzfeuer und heißem Wasser blieb während des Umzugs trotz chaotischer Umstände immer mal wieder unbewacht, berichteten die als Zeugen befragten Akteure. Der Elektriker, der den Karren „zum Großteil“ gezogen hat, konnte angeblich nicht sehen, was hinter ihm passiert. Andere Mitglieder der unorganisierten Gruppe wollen nicht immer mitbekommen habe, was an ihrem Bottich geschieht. Ein 52-Jähriger hat die Verhältnisse in Eppingen schon vor Beginn als „unschön“ empfunden: „Da war ein riesiges Getümmel, unkontrolliert.“ Auch alkoholisierte Zuschauer hätten sich unter die Teilnehmer gemischt: „Das ist Halli Galli extrem.“

Der „Hexebroda“ gehörte zu den letzten von rund 80 Gruppen. Am Ende des närrischen Zuges habe es bereits kurz nach dem Start „Auflösungserscheinungen“ gegeben, „da ist alles durcheinander“, sagte ein Prokurist. Es mache „keinen richtigen Spaß mehr, da mitzulaufen“, gestand der Elektriker.

Dennoch wurde keinerlei Vorsorge getroffen, dass die brodelnde Brühe im Gedränge nicht zur Gefahr werden kann – oder jemand damit riskanten Schabernack treibt. Abschrankungen entlang der Strecke gab es nicht. Keine der „Hexen“ war angeblich zuständig für den Schutz ihres Markenzeichens. Ein Polizist hat sich darüber und über die Folgen für das Opfer vor Gericht gewundert. Er sprach von „charakterlosen Leuten, die keine Verantwortung übernehmen wollen“.

Schuld der Stadtverwaltung?

Im Prozess war – mit Ausnahme des Verteidigers – von den befragten „Hexenbraten“-Mitläufern kein Wort des Bedauerns zu hören. „Wir sind immer und überall gern gesehen worden“, behauptete der Kesselzieher, der in den letzten 14 Jahren „zwischen 60 und 70 Umzüge“ erlebt hat. Der Prokurist erklärte dem Richter: „Generell gehen wir nicht auf einen Umzug, um Zuschauern Schaden zuzufügen.“ Seit dem Vorfall von Eppingen waren die Bahnbrücker nicht mehr bei einem Narrenkorso.

Die Schuld für die Verbrühungen der 18-Jährigen und damit auch für die finanziellen Folgen, liegt nach Ansicht des Verteidigers Manfred Zipper eindeutig beim Veranstalter. Stadtverwaltung und Hexenzunft Eppingen hätten seiner Ansicht nach verhindern müssen, dass eine Gruppe mit offenem Feuer und kochendem Wasser mitmarschiert: „Die hätten so etwas niemals genehmigen dürfen.“ In Eppingen waren nur motorisierte Fahrzeuge überprüft worden. Der Ziehkarren blieb unkontrolliert.

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Erstellt:
6. Dezember 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
6. Dezember 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 6. Dezember 2018, 06:00 Uhr

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