Hinter den LTT-Kulissen

Herr der Lichter, Schraubenkönig

Tübingen. Er nimmt die Sonnenbrille ab: „Im Freien muss auch ich mich manchmal gegen das Licht schützen.“ Und: „Da leg ich auch wert d?rauf, dass man das noch hört.“ Gemeint ist sein hessischer Dialekt. Herborn, oberhalb von Frankfurt, 10 000 Einwohner, da ist er geboren, da ist er zur Lehre gegangen, als Elektroinstallateur bei den örtlichen Stadtwerken, wurde übernommen. „Da hätte ich bis zur Rente bleiben können. Und dann bin ich halt ausgebrochen.“

07.08.2009

Von Peter Ertle

Paul Anding hat einen festen Händedruck und eine laute Stimme. Er sagt: „Was wollen Sie wissen?“ Er weiß gern, woran er ist. Bei ihm weiß man es auch. Auf dem Weg zum großen Saal des LTT fragt er einen Kollegen, ob die Bühne frei wäre. „Wenn du da bist, nicht mehr“, kommt es zurück. Wir merken uns also vorläufig: Wenn Paul Anding wo ist, dann ist dort auch wer.

Auf der Bühne lässt er eine Reihe Scheinwerfer runter. Das war sein Vorschlag, seine Idee, fürs Foto. Er nimmt die Dinge gern in die Hand, wenn die anderen damit einverstanden sind. Sie sind es oft, denn sie sind dann meist in guten Händen. „Ich hoff?, dass der Paul das Licht fährt“, hat man schon mal von einem lokalen LTT-Gastierer gehört.

Und so beschreibt er selbst seine Tätigkeit: „Wenn in einer Inszenierung eine Laterne vorkommt, muss die Ausstattung sie hinstellen. Wenn in der Laterne eine Kerze drin ist, ist es die Requisite. Wenn die Kerze von einer Batterie betrieben wird, ist es die Beleuchtung. Also in dem Fall ich.“

Man kann seine Arbeit auch noch anders darstellen: Herr über 250 Scheinwerfer, davon 155 im Einsatz. Abteilungsleiter von (nach Stellen:) sechseinhalb Beleuchtern, die er optimal und gerecht einzusetzen hat. Anwesend bei der ersten Bauprobe über die Beleuchtungsprobe bis zu den Abendvorstellungen, wo die einprogrammierten Lichteinstellungen überwacht und je nach Fall per Hand korrigiert oder ergänzt werden. Hauptarbeitsplätze: Hinterm Lichtpult, auf der Bühne, im Lager, oder hinterm Schreibtisch, wo er Material bestellt, Dienstpläne schreibt, mit Abstecherorten oder demnächst am LTT zu sehenden Gastspiel-Veranstaltern Kontakt hält und abzuklären versucht: Wer braucht wann wo wieviel Licht? Und wie kann man das so gut und so ökonomisch wie möglich organisieren.

1992 bewarb sich der Elektroinstallateur in sicherer Stellung beim Frankfurter Schauspiel, das einen Beleuchter suchte. Ein Bekannter hatte ihn darauf gebracht. „Ich wusste überhaupt nicht, was mich da erwartet, was ein Beleuchter eigentlich ist und tut.“ Aber er wohnt damals noch bei seinen Eltern. Und er will raus aus der Provinz, in die große Stadt. „Das war schon ein Schritt“ sagt er heute. Und ein noch größerer, als er tatsächlich genommen wird.

Erst in Frankfurt am Schauspiel merkt er, dass seine bisherige Arbeit nicht sein Ding war. „Am Theater weiß man oft nicht, was der nächste Tag bringt. Man hat mit Künstlern zu tun, das sind manchmal sehr eigene Leute“, sagt er. Und das gefiel ihm, dem Beleuchter, über den heute auch alle sagen, dass er ein sehr eigener Mensch, ja ein richtiges Theateroriginal ist, der aber stets betont, dass er kein Künstler sei. „Ich will mithelfen, dass der Steuerzahler was sieht für sein Geld.“

Anding legt die Prüfung zum Beleuchtungsmeister ab und die zum Theatermeister. Das gibt es heute nicht mehr, die Ausbildung zum Veranstaltungstechniker fasst inzwischen beides zusammen. Brandschutz, sozialer und technischer Arbeitsschutz, Elektrik, Statik, Bühnenbau. Viel Theorie. In der Praxis, am Frankfurter Schauspiel steigt er schnell zum Stellwerksbeleuchter auf, fährt abends Vorstellungen, betreut Beleuchtungsproben und ist die graue Eminenz seines Chefs, wenn es um organisatorische Belange, Dienstpläne und ähnliches ging. „Er war für die Kunst zuständig, ich für den Rest.“ Der Rest war so, dass es sich rumsprach in der Szene. Peter Spuhler fragte, ob er nicht Beleuchtungschef in Tübingen werden wolle.

Tübingen? Anding musste nachschauen, wo das liegt, er hätte es eher in Thüringen vermutet. Dann traf er sich mit Spuhler am LTT. „Wenn Sie jemand für die Kunst suchen, bin ich der Falsche“, sagte er gleich, sein ewiges Credo. „Wenn Sie jemand suchen, der Kunst ermöglicht, bin ich vielleicht der Richtige“. Genau so jemand suchte Spuhler.

Im Theater und beim Besuch der abendlichen Vorstellung fiel Anding etwas auf: „Die Leute hier gehen ins Theater, weil sie neugierig sind und eine Verbindung zu ihrem Theater haben. In Frankfurt ging man ins Theater, weil man ins Theater geht. Trotzdem macht er Spuhler wenig Hoffnung. „Ich wollte nicht aus Frankfurt in die Provinz.“ Und dann, im Zug Richtung Stuttgart, kurz nach der Abfahrt, da tauchte noch einmal das LTT-Logo auf dem roten Gemäuer der Stuhlfabrik auf. „Ich weiß, das hört sich pathetisch an, aber das war der Moment, da dachte ich, Mensch, das wäre schade, wenn du das nicht machst.“

2003 trat er die Stelle an. Und hatte gleich seine Vorstellungen. Punkt eins: Die Mitarbeiter müssen frühzeitig zu ihren Dienstplänen kommen. Punkt zwei: Sparen. Oder umgekehrt. Jedenfalls: „Das Geld ist ja knapp. Da muss man gut kalkulieren.“ Ja, er sei auch ein großer Anhänger von „Tübingen macht blau“. „Wenn ich hier im Haus unterwegs bin, und ich seh, dass irgendwo ein Licht zu viel ist, mach ich's aus.“ Nur die Bühnenbeleuchtung sei nicht der rechte Ort, um Strom zu sparen. Die LED-Technik sei noch nicht auf dem Stand, um für die Bühne zu taugen. Und die konventionellen Scheinwerfer wandeln halt nur zehn Prozent der Energie in Licht um. „90 Prozent geht als Wärme raus.“

Bei den Vorstellungen, die er selbst fährt, kann er irgendwann den Text mitsprechen. Manchmal genießt er das, es gibt Stücke, da tut ihm der Abschied bei der Dernière weh, bei anderen ist es im schlimmsten Fall eine standhaft ertragene Qual. Mit Schmerzen erinnert er sich an den rauf und runter gespielten „Besuch der alten Dame“ in Frankfurt. „Mit Stücken ist das so wie mit Menschen: Die einen mag man, mit den anderen arbeitet man auf einer sachlich-kollegialen Ebene.“

Mit am liebsten ist ihm Theatersport. Shakespeare auf dem Friedhof als Horrorszenario – da muss der Beleuchter genauso mitimprovisieren wie die Schauspieler auf der Bühne. Der Beleuchter als Künstler? Nein, auch hier nicht: „Theatersport ist für mich wie Gehirnjogging, eine Art mentale Entspannung.“

„Sie sagen, was sie haben wollen, ich versuche es umzusetzen“: Ob die Zusammenarbeit mit den Regisseuren immer so einfach ist, wissen wir nicht. Manchmal haben die ja ausgefallene Wünsche. Zum Beispiel eine Handtasche, die leuchtet, wenn man sie öffnet. „Jetzt gehen Sie mal ins Kaufhaus und fragen, ob die so ?ne Handtasche haben. Und kucken mal, wie die Sie anschauen.“ Klar, da muss Anding selber ran. Was für ein Licht muss da rein, damit es hell genug ist, die Tasche aber nicht zu schwer, und es auch keinen Kurzschluss gibt, das Ding kein Feuer fängt. Da ist der Bastler und Tüftler gefragt, das gefällt ihm. Oder der Kühlschrank, der in einer Nachtszene geöffnet wird und das Gesicht des Schauspielers erleuchtet. So was sieht man ja oft, auch in Filmen, bloß: „Kein Kühlschrank ist so hell. Dann baut man da hinten alles raus und dafür dicke Scheinwerfer rein.“

Manchmal sind die einfachsten Dingen schwer und das größte Hirnen bringt nichts. Stundenlang hat der Beleuchter einmal vergeblich an glaubwürdigen Sonnenstrahlen gearbeitet, bis er nach einer Pause, quasi im Vorbeigehen, das richtige Sonnenrezept aus dem Ärmel schüttelte. „Wer zu viel nachdenkt, kriegt ein Brett vor den Kopf“, sagt er. Und: „Meinem Kollegen Milan Basaric fallen die Lösungen immer nachts ein“.

Basaric übernimmt nächste Spielzeit die künstlerische Leitung bei den Beleuchtern, Paul Anding wird als Erbfolger Helmut Scheuerles in die Leitung der Haustechnik wechseln. Während unseres Gesprächs kommen ständig Mitarbeiter herein. Der eine fragt, welches Auto er nehmen soll. Der andere, wo die X-Leuchter liegen. Der nächste, wo die Y-Kabel sein könnten. „Die dicken, langen sind beim Helmut im Kabuff“ sagt er dann zum Beispiel. Und: „Ich kenn? im LTT jede Schraube.“

Nur die Tübinger kennt er kaum. „Ich habe hier das Theater, meine Wohnung, den Handelshof, und den Bahnhof“. Vom Bahnhof aus geht es vorzugsweise nach Frankfurt oder Berlin. „Da wohnt mein ?Lebensabschnittsgefährte?, wie das ja so schön heißt“. Außerdem wollte er ja schon immer in eine Großstadt.

„Ich hab? mein Hobby zum Beruf gemacht“, sagt Paul Anding. Und: „Nehmen wir einen Pfarrer. Wenn der keine Mission mehr hat, kann er seinen Beruf nicht mehr ausüben.“ Genau so sei das bei ihm auch. Also: Paul Anding ist der Pfarrer, der noch eine Mission hat, allerdings als Theatermensch. Aber keinesfalls als Künstler. Das ist eigentlich gar nicht so kompliziert.

ich habe hier das Theater, meine Wohnung, den Handelshof und den Bahnhof.

Wenn ich hier im Haus unterwegs bin und ich seh, dass irgendwo ein Licht zu viel ist, mach ich?s aus.

Wenn Sie jemand für die Kunst suchen bin ich der Falsche. Wenn Sie jemand suchen, der Kunst ermöglicht, bin ich vielleicht der Richtige.

Sie halten zehn bis 15 Jahre, manchmal auch länger, jeder von ihnen kann einzeln angesteuert werden: Paul Andings Scheinwerfer im LTT. Bild: Metz

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Erstellt:
7. August 2009, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
7. August 2009, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 7. August 2009, 12:00 Uhr

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