Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Syrische Darsteller spielen im Theater am Torbogen Stationen ihrer Flucht nach

Herr Rashu und seine Familie

Fremd und gleichzeitig bewegend war die öffentliche Probe eines deutsch-syrischen Theaterstücks am Montag im Rottenburger Theater am Torbogen. Syrische Darsteller spielten vor 90 Zuschauern die Stationen ihrer Flucht nach Deutschland nach – auf arabisch.

29.09.2015

Von Werner Bauknecht

Rottenburg. Das Stück heißt „Herr Rashu hört nicht auf zu nähen“ und erzählt die Geschichte der Familie Rashu aus Damaskus. Der Vater ist Schneider. Er liebt seinen Beruf. An der Leinwand auf der Bühne sieht man Bilder wie aus „2000 und einer Nacht“ – Damaskus in Friedenszeiten, der bunte Orient wie auf Postkarten. Auch als ein Freund Herrn Rashu (Fadi Alahmad) vor dem Krieg warnt, glaubt der nicht daran. Er täuscht sich. Das nächste Bild zeigt die Familie, verwirrt und trotzig, im Hintergrund ist Kanonendonner zu hören.

Jetzt gilt es, dem Schrecken zu entkommen. Eine Szene zeigt eine Schleuserkneipe, in der Herr Rashu verhandelt. Andere Gäste ziehen an der Wasserpfeife, der Schleuser ist knallhart: Das Geld reicht nicht. Und das Baby der Rashus – das kann nicht mit, sein Geschrei könnte die Grenzpatrouillen alarmieren.

„Die Familien, die flüchteten, mussten ihr gesamtes Hab und Gut verkaufen“, erzählte Regisseurin Heidi Heusch, „nichts blieb zurück.“ Das macht auch Familie Rashu, selbst ihren geliebten Mantel muss die Ehefrau verkaufen. Nur seine Nähmaschine kann Rashu retten. Die Szene, als er weinend vor der Maschine niedersinkt, sie umarmt, bewegt die etwa 90 Besucher im prall gefüllten Theater.

Seit Juni proben sie an dem Stück. Fadi Alahmad, der einzige Profi unter den Darstellern, war bereits in Syrien ein bekannter Schauspieler. Doch ohne den arabischen Berater Rashmani wäre es schwer gewesen, das Stück zu realisieren. Er übersetzte es ins Arabische, vor allem diente er als Dolmetscher zwischen den Syrern und den Deutschen. Und klärte kulturelle Unterschiede: Im Stück sollte ein Hund vorkommen. Als die Syrer etwas bedröppelt guckten, klärte Rashmani auf: Hunde gelten in Syrien als unrein. Also wurde eine Katze aus dem Hund. Was Heusch feststellte: In ihrem Drang nach Perfektionismus seien sich Syrer und Schwaben „sehr ähnlich“.

Im Stück reicht den Rashus selbst der Verkauf ihres Hausstands nicht aus, um die Schleuser zu bezahlen. Ohne Schleuser kein Platz auf dem Boot. Der Onkel wird angebettelt. Er bezahlt. Er nimmt sogar das Baby in seine Obhut. Auch hier bleibt einem ein Kloß im Hals stecken. Die Mutter steht da, weinend, während der Säugling im Arm des Onkels liegt. Die Zuschauer wissen, dass viele Syrer, vielleicht sogar die auf de Bühne, dies genau so erlebt haben. Sie haben am Stück und seinem Inhalt mitgearbeitet.

Schauspielerei als

Traumabewältigung

Heusch ist überzeugt davon, dass die Theaterarbeit für manche der Akteure Traumabewältigung ist. „Ein Medizinstudent hat ein halbes Jahr nicht mehr geredet“, berichtet die Regisseurin, „dann kam er her und jetzt spielt er mit. Er hat Furchtbares im griechischen Gefängnis erlebt, jetzt spielt er einen seiner Peiniger. Das erschreckt einen.“

Mit den Flüchtlingen könne man über ihre Vergangenheit in Syrien reden, auch über ihr Leben in Deutschland. „Nie aber hat einer über die Flucht gesprochen, sie können das nicht“, so Heusch. Umso bemerkenswerter, dass die Aufführung keine todernste, wehleidige Darstellung ist. Die Figur des Onkels ähnelt einem grauhaarigen Harlekin, der Grimassen schneidet. Rusha sticht versehentlich einen Kunden bei der Anprobe. Die Kinder im Publikum lachen. Was auffällt: Die Laienschauspieler agieren ganz ausgezeichnet. Sie stecken in ihrer Rolle. Vielleicht auch deshalb, weil sie ihr eigenes Leben darstellen.

Am Montag wurden sechs Szenen aus dem ersten Akt gezeigt. Insgesamt besteht das Stück aus drei Akten. Die anderen zeigen die Überfahrt übers Meer und Rashus Ankunft in Europa. Stets wird auf arabisch und deutsch gespielt – wie im wirklichen, im neuen, im „deutschen“ Leben der Flüchtlinge. Am Ende Riesenbeifall, aber auch Nachdenklichkeit.

Das sind die Akteure des deutsch-syrischen Theaterprojekts am Theater am Torbogen. Zwei deutsche Darsteller werden noch für den dritten Akt gesucht. Links Theatermacherin Heidi Heusch. Bild: Bauknecht

Vermutlich im Januar wird das Stück „Herr Rashu hört nicht auf zu nähen“ im Theater am Torbogen aufgeführt. Für den dritten Akt („Rashus Ankunft in Europa – Hölle oder Paradies?“), der in Deutschland spielt, werden noch zwei männliche deutschsprachige Darsteller gesucht. Heidi Heusch vom Theater am Torbogen entwickelt das ganze Stück gemeinsam mit den (Laien-)Schauspielern während der Proben. Gefördert wird das Projekt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung.

Zum Artikel

Erstellt:
29. September 2015, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
29. September 2015, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 29. September 2015, 12:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.
Das Tagblatt bei Whatsapp & Co.
Wir liefern die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region immer aktuell aufs Smartphone: per Whatsapp & Co.

Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp  mit einem entsprechenden Mobilgerät.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen

Faceboook      Instagram      Twitter           Google+      Google+      Google+