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„Das Wort des Ministers wiegt mehr“

Hermann über seine Rolle, Positionen und Projekte

Winfried Hermann weiß, was er nicht will: „Ich werde kein reisender Minister, der nicht mehr zum Nachdenken kommt.“ Das sagte Baden-Württembergs neuer Verkehrsminister am Abend vor der Sitzung des 15. Landtags.

13.05.2011

Von Ute Kaiser

Tübingen. Das Gespräch in der TAGBLATT-Redaktion begann mit Verspätung. Winfried Hermann hatte am Mittwoch in Berlin zum letzten Mal die Sitzung des Bundestags-Verkehrsausschusses geleitet und noch einen Termin bei Peter Ramsauer. Obwohl der Bundesverkehrsminister dem Tübinger Abgeordneten sein Dienstfahrzeug überließ, verpasste Hermann den Flieger. Das Gespräch in der Redaktion dauerte bis kurz vor 23 Uhr. Kaum auf der Treppe begann er, seine E-Mails zu checken.

Das Pendeln zwischen Tübingen und Berlin, das er „mit Wehmut“ verlässt, bleibt dem Landesminister noch eine Weile. Hermanns Frau Doris und die Tochter Lena werden ihren Lebensmittelpunkt noch mindestens ein Jahr lang in Berlin haben. Die Neunjährige findet es zwar „cool“, dass ihr Vater Minister wird. Vom Umzug dagegen ist sie nicht begeistert, weil sie sich in ihrer Schule „pudelwohl fühlt“, wie ihr Vater sagt. Den Wohnsitz in Tübingen wird er wohl erst im Sommer aufgeben, um nach Stuttgart zu ziehen.

Das Ministerium muss noch aufgebaut werden

„Ich kann nicht nebenbei auch noch einen privaten Umzug organisieren“, so Hermann. Viel Energie ist dadurch gebunden, dass er ein Ministerium neuen Zuschnitts mit 200 bis 300 Beschäftigten „samt der gesamten Führungsebene aufbauen muss“. Ein Raum der Führungsakademie im „Argonhaus“ am Österreichischen Platz soll binnen zwei Tagen in sein künftiges Ministerbüro umgestaltet werden. Dort residierte bis 1996 der CDU-Verkehrsminister Hermann Schaufler aus Reutlingen.

Den Posten des Ministerialdirektors – „die zentrale Beamtenstelle, die den politischen Willen in bürokratische Abläufe umsetzt“ – hat Hermann noch zu vergeben. Er lässt deutschlandweit suchen. Das Problem dabei: „Es gibt auf dieser Ebene noch nicht sehr viele Grüne mit Erfahrung.“ Einige Personalien dagegen sind schon geklärt. Der Tübinger Verkehrsexperte und Grünen-Kreisrat Gerd Hickmann soll die „Taskforce Stuttgart 21“ leiten – das schwierigste Thema für die neue grün-rote Landesregierung.

Mit Aussagen dazu sorgte Hermann tagsüber für Furore. Falls S 21 gegen seinen Willen realisiert werde, wolle er die Zuständigkeit dafür nicht unbedingt behalten. Sondern sie an ein anderes Ministerium abgeben, das von der SPD geführt werde. Das klang am Abend moderater. Hermann ist überzeugt, der Stresstest, der vollständig transparent sein soll, werde zeigen, dass der neue Bahnhof nicht 30 Prozent mehr Leistung bringe. Und der zusätzliche Aufwand werde den Kostendeckel von 4,5 Milliarden sprengen. „Das bliebe an der Bahn hängen.“ Aus seiner Sicht wäre es „das Eleganteste“, wenn die Bahn auf S 21 verzichtet.

Hermann will „einen rationalen Diskurs aller Beteiligten“ über einen Ausstieg ankurbeln, „weil alle davon profitieren“. Wenn keiner mehr das Projekt wolle, „braucht man keinen Volksentscheid“. Er entnimmt einer Fülle von Mails, dass das Milliarden- Projekt auch von großen Teilen der SPD-Basis abgelehnt wird: „Sie will das Geld für anderes ausgeben.“

Sollte es keinen Ausstieg geben, wäre die Volksabstimmung „auch eine Abstimmung über die Regierung“. Ginge die für S 21 aus, dann sei nicht das Land Bauherr, „das ist die Bahn“. In diesem Fall müsste der Ministerpräsident mit dem Kabinett überlegen, „wer das Projekt kritisch begleitet“. „Als Demokrat trete ich nicht zurück, wenn sich das Volk für S 21 entscheidet.“ Außerdem gebe es noch viele andere wichtige Verkehrsprojekte, die er nun vorantreiben möchte. Etwa die Regionalstadtbahn Neckar-Alb. Oder die Gäubahn. Aber auch die Rheintalbahn, die für ihn „Priorität hat“.

Der bekennende Bahnfahrer ist als Minister auch für Straßen zuständig. In der Region wird weiter heftig über die B 28 gestritten. Der gebürtige Rottenburger sieht es als seine Aufgabe an, den Konflikt um die Brücke bei Kiebingen „zu befrieden und eine allgemein akzeptierte Lösung zu finden“. Er habe sich stets dafür stark gemacht, „dass dort die Planung korrigiert wird“.

Auch das Thema B 27 begleitet Hermann seit Jahren. Seit er 1998 in den Bundestag gewählt wurde, tritt er für eine Tunnellösung ein und will davon auch als Minister nicht ablassen. Das unterscheidet ihn von Tübingens OB Boris Palmer. Der hatte im Dezember 2010 gegenüber dem TAGBLATT gesagt, „möglicherweise ist die Zeit für so teure Straßenbauten vorbei“. Als Bundes- und Landespolitiker sei er daran interessiert, „dass die Hauptachsen funktionieren“, erklärt Hermann. Allerdings müsse auch klar sein, dass der vierspurige Ausbau „auf Jahre die Bundesmittel in der Region schluckt“.

Zwölf Jahre lang in die Themen eingearbeitet

Durch die neue Aufgabe hat sich einiges verändert. Das merkte Hermann, als er vergangenen Freitag durch Stuttgart schlenderte. Immer wieder lockten ihn Leute in Straßencafés an ihre Tische. Er merkt es aber auch an der gestiegenen Anzahl der Interviews. „Das Wort des Ministers wiegt mehr“, sagt der langjährige Abgeordnete. Er habe jetzt mehr Einfluss – allerdings solle man „die Möglichkeiten auch nicht überschätzen“. Vor den Aufgaben, die auf ihn zukommen, ist dem 58-Jährigen nicht bange: „Ich hatte zwölf Jahre Zeit, mich einzuarbeiten.“

Den Stecker im linken Ohrläppchen will Winfried Hermann auch als Minister tragen. Künftig wird der 58-Jährige – wie gestern bei der Bestätigung des Kabinetts im Landtag – öfter mit Krawatte auftreten. Den Wunsch nach einem Minister-E-Bike hat der Tübinger schon angemeldet. Doch der Grüne wird bei Terminen auch mit dem Dienstwagen vorfahren. Seinen künftigen Fahrer will er anweisen, „sich an Geschwindigkeitsbegrenzungen zu halten“ – anders als der Taxifahrer, der ihn nach Tübingen brachte. Bild: Sommer

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Erstellt:
13. Mai 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
13. Mai 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 13. Mai 2011, 12:00 Uhr

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