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Alles zum Besten kehren

Hermann Steinthal, der langjährige Rektor des Uhland-Gymnasiums, ist gestorben

Eine der schönsten Geschichten über Hermann Steinthal geht so: Als einmal an seiner Schule, dem Tübinger Uhland-Gymnasium, besorgniserregend viele Schüler zu spät zum Unterricht kamen, berieten die Lehrer, ob sie nicht härtere Strafen einführen müssten. Hermann Steinthal, der Rektor, verfolgte die Diskussion interessiert, bat aber um ein wenig Geduld. Er wolle erst noch etwas anderes ausprobieren. Am nächsten Morgen stand er dann in aller Frühe vor dem Eingang der Schule.

02.04.2014

Von Ulrich Janßen

Ein kleiner würdiger Herr mit Einstein-Frisur, der sehr ernsthaft und zugleich sehr freundlich jeden einzelnen Schüler mit Handschlag begrüßte, auch die verspäteten. Es dauerte nur wenige Tage, dann kamen, ganz ohne Strafen, die Schüler wieder pünktlich.

Ein Rektor wie Hermann Steinthal ist ein Glücksfall für jede Schule. 23 Jahre leitete und prägte er das Uhland-Gymnasium. Er war nicht der große Verwalter, der Schul-Manager, der einen Lehrplan effektiv durchstrukturiert und ein Kollegium auf Linie bringt. Dennoch besaß er große Autorität, eine Autorität, die nicht erarbeitet werden muss, sondern mit Haltung zu tun hat und innerer Freiheit.

Steinthal war ein Mensch, der zuhörte und eine Sache gründlich bedachte, ehe er handelte. Ein liberaler Geist, der die Dinge gern treiben ließ, um zu sehen, ob sie nicht von selbst in die richtige Richtung trieben. Bescheiden und mit sanftem Humor formulierte er einmal als Ziel, er wolle an seiner Schule „möglichst wenig Sinnloses geschehen lassen“. Tatsächlich aber war ihm sehr daran gelegen, dass die Schüler sich Gedanken machten über den Sinn oder Unsinn ihres Tuns. Liberalität hieß für ihn nicht Gleichgültigkeit.

Den 68-ern, die in seiner Amtszeit auch die Schüler politisch bekehren wollten, begegnete er mit Skepsis. Ihre Anmaßung, die gesamte Gesellschaft ändern zu wollen, war ihm zutiefst suspekt. Zugleich aber hatte er Respekt vor dem politischen Interesse, das sie bei seinen Schülern auslösten.

Studiert hatte Steinthal, der im westfälischen Haspe geboren wurde, in Tübingen und Frankfurt: Altgriechisch, Deutsch, Philosophie. Sein Studium ging er, wie er freimütig einräumte, nicht besonders systematisch an, eher wie ein Liebhaber auf der Suche nach Schönheit, mal hier, mal dort verweilend.

Besonders schätzte er die griechische Sprache und Philosophie. Über Platon schrieb er nach seiner Pensionierung noch einige lesenswerte wissenschaftliche Aufsätze. Und auch Aristophanes mochte er sehr. In dessen schrägen Komödien erkannte er die Tragödie, die sich dahinter verbarg.

Als Philologe und Pädagoge war Steinthal weit über Tübingen hinaus bekannt. 1972 wurde er Ehrenprofessor der Tübinger Universität, fünf Jahre später zum Vorsitzenden des Deutschen Altphilologen-Verbands gewählt.

Mehr noch als das Wissen in seinem Fach war es aber die große Gelassenheit, Lebensklugheit und Freundlichkeit, mit der er andere Menschen beeindruckte. „Alles zum Besten kehren“, hieß sein, von Luther übernommener Wahlspruch, an den er sich stets hielt, gerade auch im Umgang mit seinen Schülern.

Nicht zum Besten zu kehren war freilich der Schrecken der Nazizeit, den Steinthal als Sohn eines jüdischen Vater leibhaftig zu spüren bekam. Von den Mitschülern am Gymnasium in Feuerbach wurde er mit „Jude, Jude!“-Rufen über den Hof gehetzt. Der Vater kam mehrfach ins KZ, überlebte aber wie durch ein Wunder in Theresienstadt. In seinen Erinnerungen, die im Jahr 2008 im TAGBLATT-Verlag erschienen sind, schildert er ausführlich diese Zeit, über die er lange geschwiegen hatte.

Sehr offen schreibt er dort auch über die Alzheimer-Erkrankung seiner über alles geliebten Ehefrau Christa, mit der er 53 Jahre verheiratet war und zwei Töchter hatte. Ihre Pflege war eine unerwartete Herausforderung, die er aber geduldig annahm: „Vieles bei der Alzheimer-Demenz sieht sich, wenn es erstmals vorkommt, sehr schlimm an, und hinterher merkt man, dass es doch nur halb so schlimm ist.“

Nach dem Tod seiner Frau im Jahr 2005 lebte er zunächst allein in seinem Haus in Lustnau, ehe vor ein paar Jahren eine Enkelin einzog. Bis zum Schluss versorgte er sich selbst. Obwohl ihm das Gehen große Mühe bereitete, schaffte er doch jedesmal noch die steile Treppe zu seiner Haustür. Geistig blieb er sehr präsent, verlor auch nie seine Gelassenheit und Freundlichkeit.

Am Tage seines Todes frühstückte er noch bei guter Laune mit seiner Enkelin. Irgendwann ist er dann tot umgefallen. Er wurde 88 Jahre alt.

Hermann Steinthal im Jahr 2008

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Erstellt:
2. April 2014, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
2. April 2014, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 2. April 2014, 12:00 Uhr

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