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Ausflug in die Eisenbahnhistorie

Hermann Gökeler veranstaltet Führungen in den ersten 300 Meter langen Rosensteintunnel

Einst war er ein schönes Bauwerk direkt unter dem königlichen Landhaus Rosenstein gelegen: der alte Rosensteintunnel. Heute ist er längst stillgelegt. Hermann Gökeler hält die Erinnerung an ihn wach.

02.09.2011

Von ULI NAGEL

Stuttgart Versteckt hinter Büschen und Bäumen schlummert der Rosensteintunnel vor sich hin, darauf wartend, dass sich vielleicht wieder ein Liebhaber, wie vor Jahrzehnten ein Champignonzüchter, findet und das Bauwerk einer sinnvollen Nutzung zuführ. Als solch einen "Liebhaber" darf sich Hermann Gökeler durchaus bezeichnen. Allerdings liegt dem 75-Jährigen viel mehr daran, vor allem den Bad Cannstattern den geschichtsträchtigen, gut 300 Meter langen Tunnel wieder verstärkt in ihr Gedächtnis zu rufen. "Denn vielen ist heute gar nicht mehr bewusst, dass er auf Cannstatter Gemarkung liegt", so der Eisenbahnenthusiast. Gökeler selbst ist kein Cannstatter. Aufgewachsen ist er im Eisenbahnerdörfle in der Nähe zum Rosensteinmuseum. Kein Wunder - sein Vater war ein waschechter Eisenbahner und auch sein Bruder arbeitet später ebenfalls für die Bahn.

Doch zog es den jungen Gökeler schon in seiner Kinderheit immer wieder hinab zum Neckar. Und obwohl er beruflich einen anderen Weg als seine Familie einschlug, hat ihn die Liebe zu Lokomotiven, Tunnels und Schienen ein Leben lang begleitet. Heute veranstaltet Gökeler in losen Abständen Führungen, natürlich in enger Absprache mit dem Land als dem Besitzer des Tunnels.

"Ziemlich genau über uns steht Schloss Rosenstein", sagt Hermann Gökeler zu den gut 30 Besuchern, die sich an einem heißen Sommertag zu einer spannenden Reise in die Eisenbahn-Vergangenheit aufgerafft haben. Doch hier, rund 15 bis 20 Meter unterhalb des Schlosses, herrschen angenehme 14 Grad. Mit seiner starken Taschenlampe leuchtet der 75-Jährige hinauf zur Decke. Angst vor einem Einsturz müssen die Besucher nicht haben. Der Tunnel ist in einem sehr guten Zustand.

"Es fehlt kein Ziegel", so der Experte, was viel über die Qualität der damaligen Bauweise sagt. Dennoch herrscht eine beklemmende Feuchtigkeit, es wachsen sogar Tropfsteine. Vor Jahren habe er mit einigen Bekannten den im Jahr 1914 stillgelegten Tunnel aufgeräumt. "Denn hier lebten eine Zeit lang Obdachlose", so der 75-Jährige, der bei seinen Wort jedoch keine Abscheu sondern eher Mitleid mit diesen Menschen durchsickern lässt. Und damit sich seine Besucher sicher durch die gut 300 Meter lange Röhre bewegen können, hat er den gut einen halben Meter tiefen Drainagekanal mit Bändern gesichert.

Während der gut zweistündigen Führung, die am Schloss Rosenstein beginnt, erzählt Gökeler auch von den Bauarbeiten der Jahre 1844 bis 1846. Wasserbassins des zwischen 1822 bis 1830 erbauten Schlosses waren undicht. Das führte gut zehn Meter tiefer zu einem Wasser- und Schlammeinbruch und schlussendlich auch dazu, dass die erste Eisenbahn nicht zwischen Stuttgart und Cannstatt, sondern von Cannstatt nach Untertürkheim fuhr. Der Eisenbahnliebhaber erinnert auch an den Erbauer des Tunnels: Carl Etzel, einem Mann, der seiner Meinung nach heute etwas in Vergessenheit geraten sei und nicht mehr entsprechend gewürdigt werde.

"In den Ausbuchtungen sind die Streckenläufer untergestanden, wenn Züge kamen". Diese Männer gingen die Gleise entlang und klopften mit Hämmern an bodenlangen Stielen auf die Schienen. Je nach Tonlage der Schläge erkannten sie sofort, ob sich Risse gebildet oder Schrauben gelockert hatten. Ein Schraubenschlüssel mit riesiger Maulweite hing immer an ihrem Gürtel.

Mit etwas Fantasie lässt sich vorstellen, wie die Männer im Dampf und Ruß der Lokomotiven zur Seite traten. Die Sicht wird diffus gewesen sein, denn Abzüge hat der etwas über 300 Meter lange, sieben Meter breite und gut sechs Meter hohe Tunnel nicht. Von einer brauchbaren Signaltechnik konnte in jenen Gründerzeiten der Eisenbahn keine Rede sein. Deswegen regelte ein Tunnelwart die Einfahrt der Züge.

Faszinierende Reise in die Eisenbahn-Vergangenheit: Der 75-jährige Hermann Gökeler führt seine Zuhörer in den 300 Meter langen Rosensteintunnel, der schon vor über 100 Jahren stillgelegt wurde. Los gehts allerdings überirdisch.

1910 schlug die letzte Stunde der alten Tunnelröhre. Fotos: Uli Nagel

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Erstellt:
2. September 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
2. September 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 2. September 2011, 12:00 Uhr

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