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Protagonist der Alltagskultur

Hermann Bausinger, der Vater der Empirischen Kulturwissenschaft, wird 85

"Empirische Kulturwissenschaft" - es gibt kaum eine kulturelle Einrichtung im Land, wo nicht Vertreter dieses Faches mitmischen. Maßgeblich geprägt hat es Hermann Bausinger, der am Samstag 85 wird.

13.09.2011
  • HENNING PETERSHAGEN

Herr Bausinger, früher hieß dieses Fach schlicht Volkskunde, heute Empirische Kulturwissenschaft (EKW). Wo ist der Unterschied?

HERMANN BAUSINGER: Die Volkskunde war ein relativ strikt umgrenztes Fachgebiet, das sich auf die bäuerliche Kultur konzentriert hat. Die Stadt war kein Thema. Alarmierend war, dass sich mit dieser Begrenzung der Anspruch verband, dass damit die ganze volkstümliche Kultur erfasst sei.

Als Durchbruch der modernen Volkskunde gilt Ihre Habilitationsschrift "Volkskultur in der technischen Welt". Wurde die auch außerhalb Deutschlands wahrgenommen?

BAUSINGER: Ja. Es gab Übersetzungen ins Englische und Französische, Teilübersetzungen ins Ungarische und Serbokroatische, und jetzt ist gerade ein weltweiter Hype: Die Griechen haben es in ihr Studienprogramm aufgenommen, die Italiener haben es übersetzt, dann die Japaner. Und zur Zeit läufts bei den Chinesen und Koreanern.

Warum nennt sich die moderne Richtung nicht "Volkskunde" sondern "Empirische Kulturwissenschaft"?

BAUSINGER: Am Anfang lief sie schon noch unter "Volkskunde". Die Namensänderung geschah unter starkem studentischem Einfluss in der 68er-Zeit, als Vorschläge kamen wie "marxistische Volkskunde" oder "Subkulturforschung" usw. Damals fiel mir der Begriff "Empirische Kulturwissenschaft" ein. "Kulturwissenschaft" alleine ging nicht, da sich auch andere, die sich mit der Hochkultur befassen, so nannten. Also haben wir das Stichwort "empirisch" dazugenommen.

Warum "empirisch"?

BAUSINGER: Das bedeutet "auf Erfahrung beruhend" und sollte deutlich machen, dass man ins Feld geht und sich tatsächlich in der Realität umsieht. Das bezeichnet auch die Wendung zur Alltagskultur.

Wem nützt die Empirische Kulturwissenschaft?

BAUSINGER: Vor allem denen, die sie studieren. Sie bekommen eine wache Perspektive auf die Dinge, die sie hoffentlich später im Beruf beibehalten. EKW ist ja nach wie vor Rekrutierungsfeld für Medienarbeit, Erwachsenenbildung, Museumsarbeit . . .

Kann die EKW, die sich ja mit gesellschaftlichen Phänomenen befasst, etwas bewirken oder verändern?

Je länger ich das Fach betreibe, umso unsicherer bin ich geworden, was irgendwelche Lösungen anlangt. Beispiel Integration. Eine Zeitlang hat man gemeint, mit dem Stichwort "ethnische Identität" sei alles gelöst: Die Leute müssen bei ihrer Kultur bleiben. Dass sich diese Kultur zum Teil stößt mit der einheimischen Kultur einschließlich rechtlicher Vorgaben - dieses Problem hat man so kaum gesehen. Bis heute ist die Frage nach einer vernünftigen Perspektive offen.

Das klingt eher verhalten. Gibt es auch positive Beispiele?

BAUSINGER: Ja. Zum Beispiel gab es kürzlich am Institut ein Projekt über Integration von Ausländern bei der Feuerwehr und beim Roten Kreuz, das herausarbeitete, warum der Ausländeranteil dort so gering ist. Das hat ungeheuer eingeschlagen. Nur darf man, wie gesagt, den Einfluss auch nicht überschätzen.

Sie sind ja der Schwabenkundler schlechthin und halten dauernd überall Vorträge in vollen Sälen.

BAUSINGER: Ja, die Rückmeldung ist überraschend gut. Es kann allerdings sein, dass ich, wenn ich einen Vortrag über schwäbischen Dialekt halte, der Jüngste im Saal bin, wenn ich etwas übertreiben darf.

Was fällt Ihnen beim Verhältnis der Schwaben zu ihrem Dialekt auf?

BAUSINGER: Dass viele ihn reduzieren auf Schimpfwörter oder die Verniedlichungssilbe -le. Das kann man 20 Mal sagen, aber das ändert nichts an der allgemeinen Haltung, dass die Leute glücklich sind, wenn sie das Wort "Muggaseggele" hören.

Warum?

BAUSINGER: Der Dialektgebrauch ist nicht mehr selbstverständlich und nimmt zum Teil museale Qualität an - so wie die Tracht, die man in den Glaskasten stellt. Es geht manchen Leuten dabei nicht mehr um Verständigung im Dialekt, sondern um einzelne Markierungen nach dem Muster "Muggaseggele: Des isch Dialekt."

Was halten sie von den zahllosen schwäbischen Mundart-Gedichten und -Geschichten, die unablässig den Buchmarkt überschwemmen?

BAUSINGER: Mich ärgert, dass das nach wie vor so ein gutes Geschäft ist. Theodor Heuss hat einmal gesagt, dass es in Württemberg kein dichterfreies Oberamt gebe. Heute gibt es in Baden-Württemberg keine mundartdichterfreie Gemeinde. Natürlich gibt es auch gute Mundart-Literaten, aber die ersaufen in dieser Fülle.

Woran liegt das?

BAUSINGER: Zum Teil vielleicht daran, dass hier der Lokalpatriotismus und die Identitätsorientierung eine sehr einfache Lösung gefunden haben: Wir Schwaben.

Sie zählen ja auch zu denen, die bisweilen am schwäbischen Selbstbild kratzen. Ist dieses Selbstbild denn überhaupt aufrechtzuerhalten?

BAUSINGER: Manches daran ist nach wie vor nicht falsch, etwa das von der rigideren Lebensart, die hier zu Hause war und nachwirkt. Mein Kollege Utz Jeggle hat einmal über die Einwohner eines Dorfes am Neckar gesagt, sie litten unter dem Hunger ihrer Vorfahren.

Wie steht es mit der pietistischen Sittenstrenge?

BAUSINGER: Vieles ist heute aufgeweicht, scheint aber noch vorhanden. So ist im Altwürttembergischen die Zahl unehelicher Kinder sehr viel geringer als in Baden. Was übrigens die rigide Moral betrifft, findet man, wenn man ein paar Jahrzehnte zurückgeht, hierzulande die gleichen Modalitäten wie heute noch bei vielen Türken: Auch hier wurden früher die Ehepartner von den Eltern ausgesucht, und zwar nach ökonomischen Prinzipien.

Woran arbeiten Sie derzeit?

BAUSINGER: In erster Linie bin ich Verlagssklave für die "Kleine Landesbibliothek" des Klöpfer & Meyer-Verlags. Das Werk von Leuten vorzustellen, die als Namengeber für Straßen und Gymnasien fungieren, liegt mir am Herzen. Gerade sind die "Dorfgeschichten" von Berthold Auerbach fertiggeworden, der neben Goethe, Schiller und Uhland zu den international bekanntesten deutschen Dichtern zählte. Er wurde später in die Kitschecke abgedrängt und dann als Jude von den Nazis ausgesondert.

Was kommt als nächstes?

BAUSINGER: Wir suchen gerade krampfhaft nach weiteren alten badischen Autoren. Da hatten wir Johann Peter Hebel und Heinrich Hansjakob, aber jetzt hörts fast schon auf. Das ist übrigens einer der wenigen größeren Unterschiede zwischen Badenern und Württembergern: Die Literatur war im 19. und 20. Jahrhundert im Neckarraum tatsächlich sehr viel stärker ausgeprägt als in Baden.

Hermann Bausinger, der Vater der Empirischen Kulturwissenschaft, wird 85
Inmitten von Bücherbergen arbeitet Hermann Bausinger in alter Frische an der Herausgabe von Klassikern des Landes und eigenen Projekten. Foto: Manfred Grohe

Hermann Bausinger, der Vater der Empirischen Kulturwissenschaft, wird 85

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13.09.2011, 12:00 Uhr
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