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Zaun und Zotteltier

Herdenschutz vor Wolfsattacken

Zwei Jahre haben Schafzüchter und Naturschützer Elektronetze und spezielle Hunde getestet, um Weidetiere vor Wolfsattacken zu schützen. Das Ergebnis: Es braucht mehr Wissen, andere Regelungen und bessere Beratung.

22.09.2017
  • Fabian Ziehe

Baiersbronn. Zeit für ein Machtwort: „Seid ihr da zum Babbeln oder zum Zuhorchen?“, schmettert Jörg Frey im Schäfer-Bass in die Runde. Er, kräftige Statur, blonde Haare, hellblaues Poloshirt, erläutert gerade Vor- und Nachteile verschiedener Elektronetze. Die sollen bei Wolfsangriffen die Herde schützen. Die Zuhörer aber – Kollegen, Naturschützer, Verwaltungsleute – ratschen munter miteinander. Unordnung in der Herde, einer wie Frey weiß, was da tun.

Der Schäfer zeigt den gut 50 Zuhörern seine Weiden entlang von Murg, Schönmünz und Langenbach. Frey hat für das Projekt „Herdenschutz in der Praxis“ des Landesschafzuchtverbandes und des Nabu Baden-Württemberg Weidezäune getestet. Nun, zur Abschlusstagung nach zwei Jahren Versuchszeit, trifft man sich in Baiersbronn im Nordschwarzwald, um Erfahrungen und Ergebnisse zu diskutieren. Eine Exkursion führt auf Freys Weiden.

Das Tal offen halten

Der Schäfer betreibt Koppelhaltung. Er beweidet mit 650 Mutterschafen verstreut liegende, steile Wiesen. „Das Tal wächst sonst zu ohne die Schafe.“ 70 Prozent seines Einkommens sind Landschaftspflegemittel, den Rest bringen die Tiere ein. Eine fragile Finanzierungsbasis. Nun sollen bald die Wölfe zurückkehren, was die Lage verschärfen wird. Einzeltiere wurden im Land schon beobachtet.

Deshalb das Projekt, das mit jenen Mitteln des Landwirtschaftsministerium finanziert wird, über die die Landtagsfraktion der Grünen verfügen kann. Neben festen Zäunen und Elektronetzen ging es um Herdenschutzhunde. Fazit: alles ist machbar – aber es kostet, hat Tücken und macht Arbeit.

Die Elektronetze etwa müssen wie eine Eins stehen. Nur so werden mindestens 90 Zentimeter Höhe erreicht, um Wölfe vor dem Überspringen abzuhalten. Sitzt der erste stromführende Draht zu nah am Boden, ist der Stromverlust durch Bodenkontakt zu groß. Sitzt diese erste „Litze“ zu weit oben, schlüpfen die Wölfe durch. Die Netze müssen leicht sein und gut zu verankern. Denn Frey schleppt sie hunderte Meter den Hang hinauf und hat mit felsigem Boden zu kämpfen. Darum holte man beim Projekt ein Hersteller mit ins Boot, der nun Prototypen entsprechend der baden-württembergischen Anforderungen gebaut hat. „Ein guter Anfang“, meint Anette Wohlfahrt, Geschäftsführerin des Landesschafzuchtverbandes.

Zurück zum Tagungsort im Bus. Gleich hinter dem Fahrer sitzt Herbert Schaible. Der kahlköpfige, hoch gewachsene 50-Jährige betreibt in Aidlingen-Dachtel im Kreis Böblingen eine Schäferei mit 450 Tieren. Schaible hat vier Pyrenäenberghunde getestet: groß, weiße, zottelige Tiere mit Leibwächter-Mentalität. Es sind herausfordernde, mitunter aggressive Hunde. Die Schafe sollten sie als Beschützer akzeptieren, als „good dog“. Bislang kannten sie aber nur Hütehunde, also „bad dogs“. Bei denen galt es, Abstand zu halten. Das zu vermitteln, war keine leichte Aufgabe für Frey. „Zumal Schafe sehr vergesslich sind.“

Schaible war der erste, der für das Projekt Hunde testete. Er bewertet die Testphase mit gemischten Gefühlen: „Herdenschutz und Schafe, das harmoniert nicht unbedingt“, sagt er. Herdenschutzhunde – zumal wenn man wie benötigt gleich ein halbes Dutzend in einer Herde einsetzt – und Hütehunde können kaum miteinander. Frey hat sie nie zusammen agieren lassen.

Im Testbetrieb von Manfred Voigt aus Michelbach bei Schwäbisch Hall hatte man schon gewonnene Erfahrungen genutzt. Zu ihm kamen vier Schafe mit, die mit den Hunden vertraut waren. Während bei Schaible die Herde sich oft panisch in eine Ecke quetschte und einmal gar auszubüchsen drohte, beruhigten bei Voigt die vier erfahrenen Schafe die Herde. Noch besser waren die Erfahrungen auf einem Windberghof bei St. Blasien im Südschwarzwald, der Ziegen hält: Die Tiere folgten ihren Beschützern bald Schritt auf Tritt.

Fortsetzung sollte folgen

Zurück am Tagungsort formulierten die Verbandsvertreter ihre Anliegen. Nabu und Schafzüchter fordern, dass Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU) bestehende Regelungen anpassen muss (siehe Kasten). „Passiert ist da bislang wenig“, klagt Nabu-Landeschef Johannes Enssle. Auch brauche es ein Folgeprojekt, da viele Fragen noch offen sind. „Da sind zwei Jahre zu wenig“, sagt Anette Wohlfahrt. Zudem brauche es Beratungsangebote für Weidetierhalter und auch Infokampagnen. „Herdenschautzhunde sind keine Schoßhunde“, sagt Enssle – das müssten Spaziergänger und Jogger wissen.

Uneins bleibt man bei einer Kernfrage. „Der Nabu will den Wolf zurück, wir nicht unbedingt. Doch er kommt ja so oder so“, sagt der Vorsitzende des Landesschafzuchtverbandes Alfons Gimber. Anders als in anderen Bundesländern setze man im Südwesten deshalb auf Kooperation statt auf Streit. „Und momentan läuft das gut.“

Forderungen an Land und Kommunen

Neuregelungen Nabu und Landesschaftzuchtverband fordern vom Landwirtschaftsministerium, die Tierschutz-Hundeverordnung nachzubessern, um Herdenschutzhunde rund um die Uhr einsetzen zu können. Das Land müsse (wie Niedersachsen) bei der EU beantragen, dass Herdenschutz und Riss-Entschädigungen von den restlichen Fördergeldern entkoppelt werden, da diese einer Obergrenze unterliegen. Auch Haftungsfragen müssten geklärt werden, sollten Tiere wegen Wolfsangriffen ausbrechen und auf Gleise oder Straßen laufen. Die Kommunen sollten größere Flächen für Nachtpferche bereitstellen. ⇥zie

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22.09.2017, 06:00 Uhr
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