Atommüll

Herbst der Vorentscheidung

Bald werden Gebiete, die für ein Endlager in Frage kommen, eingegrenzt. Kritiker warnen, alte Konflikte könnten wieder aufbrechen.

15.07.2020

Von KLAUS WIESCHEMEYER UND IGOR STEINLE

Ein künstliches Atomfass steht am Schacht Konrad in Salzgitter. Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Berlin. Die Wucht des Widerstands ist auch heute noch spürbar im Wendland: Am Ortseingang des Dörfchens Jameln sind aufgeschlitzte Traktorreifen der Anti-Castor-Demos aufgereiht, gelbe Atomfass-Attrappen stehen herum. An Scheunen, in Gärten oder am Feld – das gelbe X der Gegner von Atommülltransporten ist allgegenwärtig. Es erinnert an einen Kampf, der ikonische Bilder produzierte. Wie die eines Landwirts, den Polizisten 1996 traktierten und blutend aus seinem Traktor zogen.

Jahrzehntelang gärte es in der Region: 1980 räumten Polizei und Bundesgrenzschutz wenige Kilometer weiter bei Gorleben die „Freie Republik Wendland“, ein Hüttendorf an einem Test-Bohrloch für ein Atomendlager. Es war einer der ersten Höhepunkte einer Eskalation um Gorleben, die das Wendland und die Bundesrepublik umkrempeln und den Grünen den Weg in die Parlamente ebnen sollte. Dabei galt die dünnbesiedelte Region nahe der innerdeutschen Grenze bis Mitte der 1970er-Jahre als verschlafen. Dann kam Niedersachsens Ministerpräsident Ernst Albrecht auf die Idee, einen Salzstock in der Nähe der Grenze zum Endlager für Atommüll zu machen. Warum die Wahl auf Gorleben fiel, wurde nie geklärt.

40 Jahre nach der Räumung wird in Deutschland wieder nach einem Atomendlager gesucht. Dieses Mal soll alles anders werden. Man wolle „die Fehler der Vergangenheit“ nicht wiederholen, sagt Wolfram König, Präsident des Bundesamts für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (Base). Deshalb soll die Suche nach dem endgültigen deutschen Atomendlager dieses Mal besonders transparent, nachvollziehbar und mit sehr viel Dialog vonstatten gehen. Das dürfte dementsprechend lange dauern: Laut dem nach Königs Worten sehr ambitionierten Zeitplan soll der Standort 2031 feststehen, der Atommüll ab 2050 einfahren.

Klagen über mangelnde Teilhabe

Nur: Atomkraftgegner sind nicht überzeugt von der Vorgehensweise. Das Verfahren werde den Ansprüchen nicht gerecht, kritisieren sie. „Da wird Beteiligung simuliert“, sagt Angela Wolff von der Organisation „Ausgestrahlt“. Engagierte Bürger könnten zwar Stellungnahmen abgeben, diese müssten jedoch nicht berücksichtigt werden. „Es reicht, wenn sie abgeheftet werden“, kritisiert sie. Außerdem hätte man nicht genug Zeit, sich in die Teilentscheidungen einzuarbeiten.

Währenddessen stehen die Castorbehälter mangels Endlager an den Atommeilern, denn Gorlebens Erkundung wurde abgebrochen. Wenn Deutschlands letzte Kernkraftwerke 2022 vom Netz gehen, dürften bundesweit etwa 1900 Behälter mit hochradioaktivem Inhalt die nur noch wenige Jahre genehmigten Zwischenlager füllen.

Wo der ganze Atommüll danach hin soll, ist offen, Politiker sprechen gerne von einer „weißen Landkarte“ – überall soll gesucht werden. Sicher ist, dass das Endlager in Deutschland, mindestens 300 Meter unter der Erde und in Salz, Ton oder Granit liegen soll. Während Salz eher unter Norddeutschland vermutet wird, gibt es geeigneten Ton unter großen Teilen der Schwäbischen Alb, an der deutsch-schweizerischen Grenze sowie im Westen Brandenburgs. Granit findet sich unter anderem im Schwarzwald sowie in Oberfranken und Sachsen. Der erdbebenbedrohte Schwarzwald dürfte wohl ausfallen, denn das Lager soll eine Million Jahre lang halten.

Die Kritiker bezweifeln allerdings, dass die Landkarte tatsächlich so weiß ist, wie die Behörden vorgeben. Schwammige Formulierungen in den Gesetzen würden bei der Auswahl Interpretationsspielraum lassen. „Diese Spielräume können am Ende politisch genutzt werden“, sagt Wolff. Ein Bundesland gibt sich dabei alle Mühe, diesen Verdacht zu nähren: Bayern versucht nicht nur immer wieder, Granit als mögliches Wirtsgestein auszuklammern. CSU und Freie Wähler haben im aktuellen Koalitionsvertrag auch festgelegt, dass ihr Land generell ungeeignet für ein Endlager ist.

Doch noch ist der Freistaat Teil der weißen Landkarte, die bald weniger weiß werden soll. Derzeit arbeitet die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) an einer ersten Vorauswahl grundsätzlich geeigneter Regionen. Doch auch hier gibt es Streit, denn ein Großteil der geologischen Daten ist in privater Hand und deswegen für die Öffentlichkeit nicht einsehbar. „Für die Menschen wird nicht nachvollziehbar sein, warum gerade ihr Standort in Frage kommt“, sagt Wolff. Zwar soll das Nationale Begleitgremium – eine Gruppe honoriger Persönlichkeiten, die den gesamten Prozess der Endlagersuche kritisch begleitet – die geheimen Daten stichprobenweise überprüfen. Wolff jedoch hält das für völlig unzureichend. „Wir reden von zehntausenden Datensätzen.“

Bayern schließt sich aus

Dennoch soll die Vorauswahl am 30. September vorgestellt werden. Der Termin wird mit Spannung erwartet, denn je konkreter die Planungen werden, desto größer dürfte der Widerstand vor Ort werden. Auch das ist eine Lehre des Wendlands: Wo es Zweifel gibt, dass der Standort der beste ist, fassen die Gegner nach, hinterfragen und kritisieren. Deshalb soll jedes Ergebnis öffentlich diskutiert werden.

Dass die Endlagersuche derzeit öffentlich kaum ein Thema ist, hält Base-Chef König dabei für trügerisch. Sobald der BGE-Bericht da ist, werde die Debatte Dynamik aufnehmen. „Ausgestrahlt“-Sprecher Jochen Stay hält es gar für denkbar, dass das ganze Verfahren wegen bevorstehender Proteste Betroffener „in zehn, fünfzehn Jahren an die Wand gefahren“ wird. An einer Tatsache ändert das für König jedoch nichts: „Die Abfälle sind ja vorhanden. Sie werden durch Augenverschließen nicht verschwinden.“

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Erstellt:
15. Juli 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
15. Juli 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 15. Juli 2020, 06:00 Uhr

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