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Leitartikel Politikbetrieb

Heiter bis gelassen

Der Mensch, das muss man immer im Hinterkopf haben, gewöhnt sich an alles, besonders schnell aber an die guten Dinge. Zum Beispiel daran, morgens ohne Jacke und Regenschirm aus dem Haus zu gehen und abends trocken und gut gelaunt zurückzukommen. Das Fahrrad zu nehmen, ohne vorher den Regenradar zu checken. Sich ohne Plan B zum Grillen zu verabreden.

21.07.2018
  • ULRIKE SOSALLA

Ulm. Draußen zu sitzen, das Farbspiel am Abendhimmel beobachten und das Leben zu genießen. Genau das ist der Sommer 2018, der diesmal eigentlich schon irgendwann im April begonnen hat, und das Beste ist: Jetzt geht es erst richtig los.

Wenn sich nun das politische Berlin in die Wahlkreise zurückzieht und sogar die Ferien-Nachzügler Baden-Württemberg und Bayern ihre Schüler in die Freibäder und auf die Autobahnen entlassen, dann ist der richtige Moment, um sich kurz zurückzulehnen und tief durchzuatmen. Selbst für diejenigen unter uns, die Hitze und Sonne nichts abgewinnen können, bieten die kommenden Wochen Grund zur Entspannung: Straßen, Büros und Supermärkte sind leerer als sonst, die Daheimgebliebenen gelassener, die Schlangen vor den Eiscafés kürzer. Und, ganz wichtig: Der hektische Politikbetrieb, der in den vergangenen Wochen parallel zur Wetterlage heißgelaufen war, kehrt, so ist zu hoffen, zur Normaltemperatur zurück.

Anlass zur Hoffnung gibt es. Die CSU, die aus Sorge um die Landtagswahl im Herbst anlasslos eine Asyldebatte losgetreten hatte, ist von den jüngsten Meinungsumfragen derart schockiert, dass sie wenigstens ein paar selige Wochen lang zögern wird, ein zweites Sommertheater aufzuführen, und ohne die krachledernen Wortführer dürfte die Debatte alsbald wieder verstummen.

Was auch logisch ist, denn nüchtern betrachtet hat dieses sonnenbeschienene Land derzeit kein größeres oder kleineres Flüchtlingsproblem als sechs Monate zuvor. Übrigens auch kein größeres oder kleineres Problem mit Rechtsextremen, Linksextremen, Sprechverboten oder dem demokratischen System. Auch bei dieser Erkenntnis ist die sonnige Jahreszeit hilfreich. Wann, wenn nicht jetzt, ist Gelegenheit, vor die Tür zu gehen, einen Schwatz mit Fremden zu halten, sich durch die Stadt treiben zu lassen und die Augen offen zu halten. Was man dabei sieht und hört, ist in den meisten Fällen doch eher erfreulich; ein Land in Auflösung sieht anders aus.

Das soll kein Freibrief für die Politik sein, sich nicht mehr zu kümmern. Noch weniger ist es ein Freibrief für die Bürger, die Politik einfach laufen zu lassen. Sich einzubringen, Lösungen einzufordern und Meinungen zu äußern ist wichtiger denn je in einer Zeit, in der weltpolitische Gewissheiten ins Rutschen geraten und der Alltag sich rasant verändert. Doch umso wichtiger ist es, zwischendurch tief durchzuatmen und zu unterscheiden zwischen Gefühl und Wirklichkeit, zwischen Gerede und Lösungsversuch. Und was könnte sich dafür besser eignen als ein sonniger Sommertag im Grünen.

leitartikel@swp.de

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21.07.2018, 06:00 Uhr
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