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Angewandte Orientalistik

Heinz Gaube lebt und forscht im Sultanat Oman

Heinz Gaube, einer der großen Tübinger Orientalisten, entschied sich für einen Jungbrunnen. Er hat sich nach der Pensionierung ein völlig neues Forschungsfeld erschlossen: Das Sultanat von Oman.

18.05.2011
  • Hans-Joachim Lang

Er habe bei Null angefangen, behauptet Heinz Gaube mit einem kräftigen Schuss Understatement. „Ich wusste damals kaum, wo Ostafrika liegt.“ Vorgekommen sei er sich wie ein Erstsemester im Alter von 18. Damals, das war vor drei Jahren, doch in seinem Pass ist als Geburtsjahrgang nach wie vor 1940 eingetragen.

„Ich habe hier in Tübingen unterrichtet bis ich 68 war“, sagt Gaube, bis dahin Professor der Irankunde am Orientalischen Seminar der Universität. 68, das ist die absolute Obergrenze. „Dann war mir klar, ich muss aus Tübingen weg.“

Über Bachelor und Master „und all das Zeug“ wollte er sich nicht mehr länger ärgern, weil er die Bologna-Reform für verhängnisvoll hält. „Das passt für unsere Fächer absolut nicht, das macht sie kaputt.“ Er selbst hatte vor seiner akademischen Laufbahn eine Optikerlehre absolviert, danach Islamkunde, Iranistik, Semitistik, Kunstgeschichte, Klassische Archäologie, Theologie (Altes Testament) in Hamburg, Wien, Leningrad, Beirut und London studiert. Keine Schmalspur also, und trotzdem war er nach zehn Semestern promoviert.

Niedergang alter Oasensiedlungen

Ein Angebot aus Princeton, einer der angesehensten Universitäten der Welt, schlug er nach seiner Pensionierung aus. Lieber lebt er seither mit seiner Frau, einer Iranerin, in Maskat, der Hauptstadt des Sultanats Oman. Und ist sich absolut sicher: „Es war eine weise Entscheidung.“

Zu diesem Zeitpunkt stand seine Omanophilie längst nicht mehr bei Null. Weit vorausgegangen war schon eine „Abenteuer-Expedition“ mit Studierenden „mit Rucksack, Feldbett und nachts auch mal dem freien Himmel über sich“. Er selbst war bis dahin zwar noch nie im Oman gewesen, alle waren hinterher begeistert. Sie reisten im Land umher, sahen aber auch voll Wehmut den Niedergang alter Oasensiedlungen. Eine Folge der Stadtflucht vieler Landbewohner.

Der Tübinger Professor sollte zum Abschluss der Exkursion an der staatlichen Universität ein Resümee vortragen. Er hatte damit kaum geendet, als der aufmerksam zuhörende Universitätspräsident ein Projekt vorschlug, den beklagten Zustand zu dokumentieren.

„Dann aber richtig“, sagte sich der tatkräftige Besucher, und die Tübinger Orientalisten stießen eine interdisziplinäre Forschung an, für die sie auch noch Hohenheimer Agrarwissenschaftler, Stuttgarter Stadtplaner und Architekten, Berliner Archäologen sowie Archäologen und Anthropologen aus Oman gewinnen konnten. „Also eine schöne Abdeckung des Phänomens Oase“, sagt Gaube und bilanziert mittlerweile rund 40 wissenschaftliche Publikationen, die in sieben Projekt-Jahren entstanden.

Durch die intensive Arbeit, die in der vorlesungsfreien Zeit häufig von Tübingen in das Sultanat führte, entwickelten sich gute Beziehungen, nicht zuletzt auch zu dem Minister für religiöse Angelegenheiten, Scheich Abdullah bin Mohammed al-Salmi. Gaube: „Dieser Mann kommt aus einer alten omanischen Gelehrtenfamilie, er ist an seinem Land, an Geschichte und Kultur stark interessiert.“ Und er ist der Schlüssel, wenn man hören möchte, warum der Tübinger Orientalist nach Oman übersiedelte. „Wenn Du in Rente gehst, wünsche ich mir, dass Du über die Omanis um den Indischen Ozean arbeitest“, habe ihm der Scheich sinngemäß angetragen, sagt Gaube. „Und das tue ich gerade. Das erste Buch ist fertig.“

Das am östlichen Rand der Arabischen Halbinsel gelegene Sultanat war an einigen Stellen bereits in der Steinzeit besiedelt. Davon handelte am Montag der erste von über 30 Vorträgen einer viertägigen internationalen Tagung, die Heinz Gaube aus alter Verbundenheit nach Tübingen brachte und den Oman von innen und außen beleuchtet. Sie hat ein geradezu enzyklopädisches Format, markiert aber auch Schwerpunkte bei Themen, die zwangsläufig mit dem Oman verbunden sind: Oman als ein Zentrum des Ibadismus und Oman als Seemacht.

Drei Viertel der in Oman lebenden Muslime sind weder Sunniten noch Schiiten, sondern Ibaditen. Diese Glaubensrichtung des Islam bildete sich bereits gegen Ende des 7. Jahrhunderts, nur wenige Jahrzehnte nach der Islamisierung der Region. Ihre Anhänger gründeten im 9. Jahrhundert auf dem Gebiet des heutigen Sultanats ein Imamat, das bald zu einer bedeutenden Handelsmacht aufstieg. „Den Höhepunkt seiner enormen Seemacht erreichte Oman vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts“, sagt Gaube. Damals umfasste das Gebiet weite Teile der Küste Persiens und der Ostküste Afrikas. Etwa um 1830 wurde die Insel Sansibar für einige Jahrzehnte zur Hauptstadt von Oman.

Seit 1971 wird das Land von Sultan Qabus regiert. Die Staatsform entspricht einer absolutistischen Monarchie. Er gilt als liberaler Herrscher und Modernisierer, der jüngst auch die Umwandlung in eine konstitutionelle Monarchie ankündigte. Als Muslim der ibadistischen Richtung plädiert er nicht nur für eine Art Ökumene im Islam, sondern auch für einen Dialog zwischen Muslimen, Juden und Christen, den abrahamitischen Religionen.

„Im Oman trifft man auf ein ungeheuer nettes, freundliches, entgegenkommendes und tolerantes Volk“, schwärmt der Orientalist Gaube. In der staatlichen Universität studieren zur Hälfte Frauen. Immer mehr Mütter sind berufstätig. Kopftuch oder verhüllende Abayyas gehören zum Straßenbild wie Rock und Bluse. „Frauen in kurzen Hosen und Spaghettiträgern: Das wird zwar nicht als besonders geschmackvoll empfunden, aber Anstoß nehmen die Omanis daran nicht.“

Seine wissenschaftliche Arbeit in dem Land beschreibt der 71-Jährige während des Gesprächs einmal als „angewandte Orientalistik“. In gewissem Sinne betrachtet er sie als eine Bringschuld eines dankbaren Forschers. „Viele Orientalisten sehen das gar nicht, dass sie ihre Karriere dem geistigen Gut dieser Menschen verdanken. Ich will das zurückgeben.“ Dank seiner Fähigkeit, Kontakte zu knüpfen, sich nicht anzubiedern, sondern als korrekter und zuverlässiger Wissenschaftler aufzutreten, wird er in seiner Umgebung hoch geachtet. Das sagt er nicht selbst, sondern wird über ihn gesagt.

Ein Teil seines Engagements gilt der Denkmalpflege. Nicht nur den verfallenden Oasen gilt sein Augenmerk. „In Matrah muss dringend etwas geschehen“, sagt er. „Es ist eine typische Hafenstadt des Indischen Ozeans, da leben Inder, Araber, Belutschen. Alle haben ihre Kulturen eingebracht, das schlägt sich im Stadtgrundriss und in der Architektur nieder, das ist faszinierend.“ Zwei Wochen lang ist er mit einem Wiener Architekten durch die Stadt gelaufen, um Erhaltenswertes zu registrieren. „Die Multiethnizität soll sich in der Sanierung abbilden. Das passt zur offiziellen Politik des Sultanats.“ Für ihn sei auch die materielle Kultur wichtig, betont er, nicht nur die schriftliche Überlieferung.

Omanische Reste aus der Seefahrerzeit

Neben der Beratertätigkeit kommt die eigene Forschung nicht zu kurz, als nächstes wird Gaube indische Hafenstädte nach omanischen Resten der Seefahrerzeit abklappern. An der deutschen technischen Universität hat er Ethik eingeführt und unterrichtet mit einem selbst verfassten Lehrbuch. Und weil er sich nicht für unersetzbar hält, will er in voraussichtlich drei Jahren nach Europa zurückkehren. Nein, nicht nach Tübingen. Wunschziel ist die niederländische Universitätsstadt Leiden.

Heinz Gaube lebt und forscht im Sultanat Oman
Die Besiedlung der Bergoase Bilad Sayt geht auf vorislamische Zeit zurück. Der Großteil der hier abgebildeten Häuser wurde vor über 200 Jahren errichtet. Bild: Gaube

Heinz Gaube lebt und forscht im Sultanat Oman
Heinz Gaube Bild: Sommer

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18.05.2011, 12:00 Uhr
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