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Buchmesse

Heimkehr einer Sehnsucht

In seinem Roman „Kompass“ geht Mathias Énard dem Traum vom Orient nach. Heute erhält er in Leipzig den Preis zur Europäischen Verständigung.

22.03.2017

Von LENA GRUNDHUBER

Der Orient, durch die Augen eines Europäers gesehen: Eugène Delacroix' Gemälde „Die Frauen von Algier“ (1834) zeigt wohl eher die Vorstellung eines Harems als die Wirklichkeit. Foto: Universal History Achive/UIG via Getty Images

Ulm. Kurz vor dem Morgengrauen. Franz und Sarah haben sich unter Decken vor dem Tag versteckt, ihre Lippen sind nur ein paar Zentimeter voneinander entfernt, aber Franz lässt den Moment verstreichen. Die Nacht, die die Orientalisten an der Zitadelle von Palmyra verbracht haben, wird eine verpasste Gelegenheit bleiben. Mit dem Tagesanbruch – und dem Einbruch lautstark schwäbelnder Touristen – fällt der Zauber in sich zusammen.

Franz Ritter wird sich später geißeln für seine Feigheit, und obwohl da noch eine Liebesnacht kommen wird, bleibt der syrische Morgen doch haften als der entscheidende vertane Moment. Eine wehmütige Erinnerung – nicht nur an eine unerfüllte Liebe, sondern auch an ein Land, das es heute so nicht mehr gibt, und an die Beziehung zweier Kulturen, die einander schon sehr viel mehr zu geben hatten.

Als Mathias Énard die Arbeit an seinem Roman „Kompass“ begann, war Palmyra zwar noch nicht vom IS besetzt, doch am Ende steht die traurige Widmung „Für die Syrer“. Ein unüberhörbar melancholischer Grundton durchzieht den Roman, für den Énard 2015 den wichtigsten französischen Literaturpreis, den Prix Goncourt, erhalten hat. Heute kommt anlässlich der Eröffnung der Leipziger Buchmesse der Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung hinzu. „In einer Welt, in der sich Orient und Okzident zunehmend in einer Schockstarre aus Feindseligkeit, Angst, aus Drohung und Gegendrohung gegenüberstehen, schenkt er uns einen von großer menschlichen Anteilnahme geprägten Einblick in den arabischen Kulturraum“, heißt es in der Begründung.

Umzingelt von Vereinfachern feiert Énard ein Fest der Differenzierung. Legt einen Teppich der Gelehrsamkeit aus, in dem sich die angeblich konkurrierenden kulturellen Pole Morgen- und Abendland zu einem reichen, komplexen Muster verweben, einander durchdringen und inspirieren. Denn das Ich, weiß die schöne Sarah, ist im Anderen – „der Orient“ als Traum von Erotik und Exotik, von Rausch und auch Gewalt eine Projektion.

So muss die Rahmenhandlung ja in der Nacht – der anderen Zeit, der Traumzeit – angesetzt sein. Franz Ritter, ein Musikologe, der über Orientalismus in der Musik geforscht hat, sitzt in seiner Wohnung in Wien (der „Porta Orientis“), bereitet sich als redlicher Hypochonder aufs Sterben vor und zögert es als männliche Scheherazade mit einer Erzählung hinaus. Deren unzählige Fäden laufen immer wieder auf eine zu: die schöne Orientalistin Sarah. An den mythischen Stätten des Orients hat er sie getroffen, in Teheran mit ihr geschlafen, jetzt kommt sie noch schriftlich zu Besuch. Ihre Suche hat sie endlich in den Fernen Osten geführt, in „das sehr einfache und sehr komplexe Bewusstsein einer Welt, in der alles zusammenhängt“.

Bis wir dort angekommen sind, hat Mathias Énard uns auf nichts als verschlungene Abwege geführt. In dem schier unermesslichen Wissens-, Anekdoten- und Bildungsschatz des Franz Ritter begegnen wir Karawanen von Sinnsuchenden, Abenteurerinnen, Opiumsüchtigen, Orientalisten und Kolonialisten, wir folgen Franz Liszt nach Istanbul und treffen Robert Musils Vetter Alois in der Wüste. Wir erfahren, dass Balzac als erster Romanautor Frankreichs einen arabischen Text in einen Roman aufnahm und dass die erste Moschee in der Gegend von Berlin für die muslimischen Gefangenen im Ersten Weltkrieg erbaut wurde. Hin und her geht es in „diesen Spiegeln zwischen Orient und Okzident“, in denen die Projektionen des jeweilig Anderen zum Selbstbild werden können: Der saudi-arabische Wahabismus bedient sich aus dem Bilderschatz der Disney-Filme. Das erotische Skandalbild des 19. Jahrhunderts, Courbets „Der Ursprung der Welt“, war der Auftrag eines osmanischen Diplomaten.

Am Ende der Reise schenkt Franz seiner Sarah ein Lied. Das kleine Volkslied aus Bosnien handelt natürlich von einer verhinderten Liebe. Sein Text scheint aus osmanischer Zeit zu stammen, in Wirklichkeit aber hat ihn der deutsche Jude Heinrich Heine geschrieben. In der Übertragung eines bosnischen Wissenschaftlers ist das orientalistische Gedicht orientalisch geworden – die Fantasie ist zu sich selbst gelangt und die Sehnsucht, dieses eine Mal, zuhause angekommen.

Aus Frankreich in den Orient

„Kompass“ erschien bereits im vergangenen Jahr auf Deutsch; die Übersetzung von Holger Fock und Sabine Müller ist für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert, die morgen beginnt. Geboren wurde Mathias Énard 1972 in Niort, im Westen Frankreichs. Er begann in Paris, arabische und persische Sprache zu studieren, lebte in Ägypten, im Libanon, im Iran, in Syrien und in Italien. Heute wohnt er in Barcelona. International bekannt wurde er mit „Zone“ 2008. ?dpa

Foto: dpa

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Erstellt:
22. März 2017, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
22. März 2017, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 22. März 2017, 06:00 Uhr

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