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"Heimat ist kein Ort"
Die Schriftstellerin Shida Bazyar findet, dass "Willkommenskultur" ein zynischer Begriff ist. Foto: Joachim Gern
Die Deutsch-Iranerin Shida Bazyar stellt ihren Debütroman vor

"Heimat ist kein Ort"

Eine aufrüttelnde Familiengeschichte zwischen Revolution, Flucht und Gegenwart erzählt die deutsch-iranische Schriftstellerin Shida Bazyar in ihrem Debütroman. Den Begriff Heimat kennt sie nur aus Geschichten.

17.03.2016
  • GÜNTER KEIL

Sie sind in Deutschland geboren, sprechen Deutsch und haben Ihren Roman auf Deutsch geschrieben. Werden Sie trotzdem oft gefragt, woher Sie eigentlich kommen?

SHIDA BAZYAR: Ja, das passiert ständig. Oft sofort nachdem ich jemanden kennengelernt habe oder wenn mir eine Bedienung den Kaffee bringt. Ich habe manchmal das Gefühl, dass ich nie sicher vor den Fragen nach meinem Namen und meiner Herkunft bin. Es scheint noch immer sehr kompliziert in Deutschland zu sein, ein Z und ein Y im Namen zu haben.

Sind Sie davon etwas genervt?

BAZYAR: Wenn ich sage, dass ich Deutsche bin, und es wird trotzdem nachgefragt: Ja, aber woher kommst du denn wirklich?, dann werden persönliche Grenzen überschritten. In Ländern wie Australien kommt so etwas nicht in diesem Ausmaß vor. Dort ist man Australier, egal wie man heißt oder aussieht.

Also existiert doch keine deutsche "Willkommenskultur"?

BATYAR: Im Sommer 2015 stand dieser Begriff für eine gute, wichtige Dynamik, die geholfen hat, über eine schwierige Situation hinwegzukommen. "Kultur" würde allerdings bedeuten, dass das Willkommen eine feste Instanz ist, und davon kann keine Rede sein. Für mich ist "Willkommenskultur" deswegen auch ein sehr zynischer Begriff. Nicht nur, weil Flüchtlingsheime brennen, sondern auch, weil ich noch vor fünf Jahren überhaupt nicht das Gefühl hatte, dass Flüchtlinge hier willkommen sind. Ständig wird Integration gefordert, aber selbst wenn sich die Menschen bemühen, heißt es später oft: So richtig deutsch bist du doch gar nicht.

In Ihrem Roman beschreiben Sie, wie eine junge, gebildete Familie aus Iran nach Deutschland flüchtet und hier ein neues Leben aufbaut. Wie nah ist diese Geschichte an den Erlebnissen Ihrer Eltern?

BAZYAR: Die Fakten und das grobe biografische Paket meiner Eltern sind sehr nah am Roman, mehr aber auch nicht. Meine Eltern waren in der iranischen Revolutionsbewegung von 1979 aktiv und flüchteten 1987. Ein Jahr später kam ich zur Welt. Im Roman wird die Tochter bereits in Iran geboren. Natürlich habe ich neben eigenen Recherchen viel im Familienkreis über die Revolution im Iran gesprochen und von meinen Eltern erfahren, wie es war, als Asylbewerber in Deutschland zu sein, ohne ankommen zu dürfen. Beim Schreiben habe ich mich allerdings davon verabschiedet, auf meine Familie zu gucken.

Warum?

BAZYAR: Wie die meisten Menschen eignen sich meine Verwandten eher nicht als Romanfiguren. Aber das war nicht der Hauptgrund. Vielmehr wollte ich wissen, was ich mit meiner Fantasie aus den Fakten entwickeln kann. Das war der größte Spaß, der wichtigste kreative Prozess. Letztlich hat das Buch also nicht viel mit meiner Familie zu tun, obwohl es auch die Geschichte meiner Familie sein könnte. Genauso wie die Geschichte vieler anderer Familien, die - egal woher - nach Deutschland geflüchtet sind.

Sie erzählen "Nachts ist es leise in Teheran" aus vier Perspektiven. Wieso haben Sie sich für diese ungewöhnliche Form entschieden?

BAZYAR: Mein Grundkonzept war von Anfang an, unterschiedliche Stimmen und Generationen über Flucht und Integration sprechen zu lassen. Dass der politische Vater im Kapitel über die Revolution 1979 die Hauptrolle spielt, war klar. Ebenso wie die Perspektive der selbstbewussten emanzipierten Ehefrau, die sich 1989 in Deutschland zurechtfinden muss. Beide Figuren sollten nicht die typische Opferhaltung von Flüchtlingen haben. Dass deren Kinder von ihren Erlebnissen erzählen, hat sich beim Schreiben ergeben. 2009 stand für mich wegen der grünen Revolution in Iran als Schlusspunkt fest.

Haben Ihre Eltern bewusst versucht, die Verbundenheit mit dem Iran aufrechtzuerhalten?

BAZYAR: Meinen Eltern war beides wichtig: die persische und die deutsche Kultur, da gab es keine großen Unterschiede. Bei uns fanden immer viele große Feste statt, erst Weihnachten, dann drei Monate später das persische Neujahr. Als Kind gibt es im Kopf ja ohnehin nicht die Abgrenzung, was Persisch oder Deutsch ist, das war alles ganz selbstverständlich.

Gibt es eine Heimat für Sie?

BAZYAR: Ich gehöre vielleicht zu der Generation, die mit diesem Begriff sowieso nichts anfangen kann. Das ist ein Wort, das ich aus Geschichten, Romanen und Bilderbüchern kenne, aber es ist nicht ein Wort, das etwas mit mir als Ich zu tun hat. Das, was mit Heimat gemeint ist, ist bei mir noch nie an Orte gekoppelt gewesen, sondern mehr an mich selbst oder Menschen um mich herum.

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17.03.2016, 08:30 Uhr
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