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Leitartikel · Börse

Heilsamer Schock

Fußball hat vieles gemein mit vielem, auch mit der Börse. Deshalb gilt die alte Weisheit, dass man bei einem Spiel nicht weiß, wie es ausgeht, sozusagen 1:1 auch auf Aktienmärkten.

13.02.2018
  • HELMUT SCHNEIDER

Die lange vorherrschende Euphorie dort ist plötzlich in Angst umgeschlagen. An der US-Börse brachen die Kurse an einem Tag absolut (aber nicht relativ) so stark ein wie nie zuvor. Und schon scheint ein neues Spiel zu beginnen.

Läutet der kleine Crash die Trendwende ein oder ist er nur eine etwas heftigere, aber heilsame Korrektur auf dem weiteren Weg nach oben? Wissen kann das niemand, aber wahrscheinlich ist ein Absturz der Aktienmärkte nicht. Es gilt freilich sozusagen das umgekehrte Gesetz der Thermik: Weiter oben werden die Turbulenzen heftiger. Wer schnell kalte Füße bekommt, sollte lieber nicht in Aktien anlegen. Wer das aber – richtigerweise – getan hat, sollte jetzt Ruhe bewahren und nicht in Panik verkaufen.

Der Boom an den Börsen dauert inzwischen neun Jahre, so lange wie fast noch nie in der Geschichte. Dass der längerfristige Trend abrupt und nachhaltig nach unten kippt, ist aus einer Reihe von Gründen wenig wahrscheinlich. Denn das aktuelle volks- und betriebswirtschaftliche Umfeld ist weit stabiler als es etwa vor dem letzten Einbruch um die Jahrtausendwende war. Die wichtigsten Länder der Welt verzeichnen deutliche Wachstumsraten, auch Europa hat sich wirtschaftlich erholt, die Zinsen sind niedrig, die Inflationsraten auch, die Unternehmensgewinne werden in diesem Jahr weiter steigen – es ist der denkbar beste Nährboden, der die Kurse in die Höhe treibt.

Es ist bezeichnend, dass der „Flash-Crash“ (Blitz-Absturz) in New York nicht von einer „schlechten“ wirtschaftlichen Nachricht ausgelöst wurde, sondern von einer ausgesprochen „guten“: Die Löhne in den USA sind überraschend stark gestiegen, ein Zeichen dafür, dass sich die US-Konjunktur zu überhitzen droht.

Daraus leitet die Börse eine in sich schlüssige Kausalkette ab: Hohe Löhne treiben die Inflation, die wiederum von der Notenbank mit höheren Zinsen bekämpft wird; höhere Zinsen machen Anleihen – die Alternative zu Aktien – rentabler; höhere Zinsen bedeuten für Unternehmen auch höhere Kreditkosten, was wiederum die Gewinne schmälert.

Die Zinsangst hat den Blitz-Crash ausgelöst, automatische Verkaufsprogramme (Stopp-Loss-Orders) haben ihn verstärkt. Untergangspropheten sehen nun, wie schon oft zuvor, den Anfang vom Ende. Tatsächlich ist das kurze Beben ein heilsamer Schock. Er zeigt den Börsianer als vernünftiges Wesen, das genau weiß, dass zinslose Zeiten nur die Ausnahme und nicht die Regel sein können.

Wann, wenn nicht bei stabilem Wirtschaftswachstum, soll eine Notenbank zur Normalität zurückkehren und die Zinszügel anziehen! Die Zeit dafür ist auch für die Europäische Zentralbank reif. Den Preis dafür, dass sich Sparen wieder lohnt, müssen die Aktionäre bezahlen. Sparen oder Aktien kaufen – das bleibt ein Zielkonflikt wie Rendite oder Sicherheit. Man kann nicht beides haben. Das ist das einzig Sichere an der Börse.

leitartikel@swp.de

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13.02.2018, 06:00 Uhr
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