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Kulturdenkmal

Heilige unter sich

Von Landgräfin Elisabeth zu Martin Luther: Die Wartburg bei Eisenach gehört zu den geschichtsträchtigen Orten der Deutschen.

06.09.2017
  • JÜRGEN KANOLD

Eisenach. Oft plagte mich der Satan durch seine Erscheinungen, ganz besonders auf jener Burg, in der ich eine Zeit lang gefangen gehalten wurde“, schrieb Martin Luther, hoch über Eisenach mit Blick auf die weiten Wälder Thüringens. Es plagte ihn auf der Wartburg aber nicht nur der Teufel: „Wie noch nie in meinem Leben leide ich unter hartem Stuhlgang, so dass ich an einer Heilung zweifle.“ Auch das ist Geschichte.

In Worms auf dem Reichstag hatte Luther im April 1521 dem Kaiser widerstanden und nicht den reformatorischen Lehren abgeschworen. So blieb er Ketzer und vogelfrei. Kurfürst Friedrich der Weise aber, sein treuer Landesvater, ließ Luther zum Schein gefangennehmen und auf der Wartburg in Schutzhaft sperren. Als „Junker Jörg“ fand Luther bis März 1522 inkognito eine Zuflucht und übersetzte in elf Wochen im so genannten Kavaliersgefängnis auch das Neue Testament folgenreich ins Deutsche. „Ehrfurcht vor diesem Wartburgthor, protestantischer Christ! Als Doktor Martinus hinter seinen festen Mauern seine gewaltige Bibelthat vollführte, brach durch diese dunkle Pforte ein geistiger Sturm hervor“, dichtete Richard Voss um 1907 pathostriefend.

Tatsächlich war die Wartburg, besonders die „Lutherstube“, bald zur Pilgerstätte erwachsen. Wobei das Mobiliar nicht wirklich echt ist, schon gar nicht der gotische Drehstuhl aus einem Antiquitätenhandel um 1853: Nur die zwei holzgetäfelten Wände, Teile der Holzdecke und Reste des Estrichs könnte Martin Luther gesehen haben. Dann wäre da noch das Loch in der Wand, wohin der aufgebrachte Mönch sein Tintenfass nach dem Teufel geworfen haben soll und wo die Devotionalienjäger der Jahrhunderte den immer wieder erneuerten blauen Fleck wegkratzten.

Heute aber, 500 Jahre nach Luthers Thesenanschlag, geht es zum Reformationsjubiläum nicht nur legendenumwoben auf der Wartburg zu, hier läuft eine der drei Nationalen Sonderausstellungen: „Luther und die Deutschen“. Als deutscher Erinnerungsort ist die viel besuchte Wartburg, die seit 1999 auf der Welterbeliste steht, freilich nicht nur wegen Luther ein Muss.

Als „ein hervorragendes Denkmal der feudalen Epoche in Mitteleuropa“ schützt die Unesco die der Sage nach 1067 gegründete Wartburg. Das aus dem 12. Jahrhundert erhaltene Hauptgebäude, der Palas, zeigt einmalige spätromanische Baukunst – aber auch Fresken des romantischen Malers Moritz von Schwind, im Sängersaal oder der Elisabethgalerie.

Wie überhaupt die Wartburg im mittelalterseligen 19. Jahrhundert sehr dekorativ ausgebaut wurde, was Bayernkönig Ludwig II. derart begeisterte, dass er sie für Neuschwanstein als Vorbild nahm. Die Wartburg war aber ebenso Sehnsuchtsort der Deutschen, die aus einer gemeinsamen Geschichte heraus einen Nationalstaat begründen wollten: 1817 feierten die Studenten das politisch wegweisende Wartburgfest.

Und noch mehr Romantik: „Tannhäuser und der Sängerkrieg auf der Wartburg“ heißt die Oper Richard Wagners mit ganzem Titel – und wird daher vom Meininger Staatstheater gelegentlich am Originalschauplatz geboten. Landgraf Hermann hatte, das ist historisch belegt, um 1206 auf der Wartburg einen Musenhof unterhalten, mit Minnesängern wie Walther von der Vogelweide.

Das Rosen-Wunder

In Wagners Oper muss die keusche Elisabeth von Thüringen den der heidnischen Venus verfallenen und damit geächteten Tannhäuser erlösen – reine Dichtung. Doch die reale Elisabeth gehört allemal zur Ikonografie der Wartburg: Die Ungarn schickten die Königstochter schon als Kind ins Thüringische, mit Wagenladungen voller Gold als Aussteuer, 1221 dann heiratete sie Ludwig IV. Doch bald legte sie ein Armutsgelübde und alles Geschmeide ab.

Sie pflegte Aussätzige. Unter ihrem Mantel versteckte sie das Essen, das sie an die Hungernden austeilte – als der Landgraf sie eines Tages stellte, holte sie einen Korb duftender Rosen hervor: das „Rosen-Wunder“. Ihr Ehemann starb jedoch auf dem Kreuzzug ins Morgenland, woraufhin sie vom Hof vertrieben wurde. In Marburg an der Lahn stiftete Elisabeth ein Hospiz. Schon wenige Jahre nach ihrem Tod wurde sie von Papst Gregor IX. heilig gesprochen.

Elisabeth und Luther. Heilige also unter sich, ob katholisch oder protestantisch. Nur dass heute vor allem die Kultur-Touristen zur Wartburg wallfahren.

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06.09.2017, 06:00 Uhr
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