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Schon 1734 Schleuse für die Neckarschiffe

Heilbronner Baugrube neben dem Fluss ist eine Fundgrube für Wissenschaftler

Archäologen haben in Heilbronn die älteste Neckarschleuse freigelegt. Obwohl gut erhalten, muss das Unikat aus Eichenbalken und Tannenbohlen einem modernen Wissenschaftszentrum weichen.

22.10.2015
  • HANS GEORG FRANK

Heilbronn Claus Wolf fügt sich in das Unabänderliche. "Das ist halt so", sagt der Präsident des Landesamts für Denkmalpflege. Er hat sich damit abgefunden, dass einer der spektakulärsten Funde seiner Experten nicht für die Nachwelt konserviert werden kann. In Heilbronn haben sie auf dem Areal für den Neubau des Science Center "Experimenta" die gut erhaltenen Reste der ältesten Neckarschleuse freigelegt. Wolf spricht von einem "Unikat für Baden-Württemberg und darüber hinaus".

Was unter dem Schutt der Jahrhunderte entdeckt wurde, präsentierte sich in "einem fantastischen Erhaltungszustand". Eine dendrochronologische Untersuchung der Eichenbalken ergab 1734 als Baujahr. Die Konstrukteure hielten sich an die Vorgaben des Hofbaumeisters Schickhardt, der 1598 eine Schleuse entwarf. Damit dieses drei Meter breite Wehr nicht von Schlick verstopft werden konnte, wurde eine leicht zu reinigende Ebene aus Tannenbohlen eingelegt.

Für Historiker ist die Baugrube eine Fundgrube. Ein hölzerner Kanal und Fundamente von Mühlen zeugen von der Keimzelle des Heilbronner Aufschwungs. Die Kammerschleuse lässt viele Rückschlüsse zu auf die Neckarschifffahrt und auf die beharrliche Position der Freien Reichsstadt gegenüber dem württembergischen Herzog. Heilbronn hatte 1333 vom Kaiser das Recht bekommen, den Neckar nach Gutdünken zu "wenden und keren". Dieses Privileg verhalf zu Reichtum, war es fortan keinem Schiffer mehr möglich, die Stadt passieren zu können, ohne seine Fracht abzuladen und zu verzollen. Damit war eine munter sprudelnde Einnahmequelle angezapft. Neben Abgaben mussten Löhne für Arbeiter bezahlt werden.

Heilbronn blühte auf, entwickelte sich zum bedeutenden Wirtschaftsstandort. Das Zentrum der vorindustriellen Geschäftigkeit war das Mühlviertel, wo die Ausgräber jetzt buddeln. Dort drehen sich in den besten Jahren 55 Wasserräder.

Der Landesherr sah die Heilbronner Umtriebe keineswegs mit Wohlgefallen. Er wollte die Schiffe an Heilbronn vorbeilotsen ohne Zoll und Gebühren. Doch die stolzen Reichsstädter verhinderten alle Bemühungen, die ihnen nicht ins Konzept passten. Erst 1819 gelang die freie Fahrt dank des Wilhelmskanals. Die Schleuse von 1734, die als eine Art Bypass verstanden werden kann, galt bislang in der Geschichtsschreibung als offiziell gescheitert. Umso erstaunter stellten die Denkmalschützer jetzt fest, dass sie funktioniert haben muss. "Es gibt Abriebspuren auf den Brettern", sagte die Archäologin Ivonne Weiler-Rahnfeld. Sie geht davon aus, dass die Schleuse auf dem Festland als Besitz des Herzogtums gebaut und das Wasser nach der Fertigstellung umgeleitet worden ist.

Wo jetzt die Schleuse freigelegt worden ist, wird sich künftig eine Etage für Sonderausstellungen der neuen "Experimenta" befinden. Platz für das historische Relikt gibt es dort nicht. "Experimenta"-Chef Wolfgang Hansch denkt über eine visuelle Präsentation nach. Das Original lässt sich offenbar nur mit unverhältnismäßig großem Aufwand konservieren. Im Wasser haben sich die Hölzer sehr gut erhalten. Doch seit sie der Luft ausgesetzt sind, leiden sie merklich. Der Regen erschwert zwar die Ausgrabungen, der lehrbuchmäßig ausgeführten Schleuse tut er jedoch gut.

Die Bauarbeiten für das Science Center, ein Millionenprojekt der Stiftung des Ehrenbürgers Dieter Schwarz, sollen im Frühjahr 2016 beginnen. Spätestens am 17. April 2019 muss alles fertig sein, wenn die Bundesgartenschau startet. Bei der "Experimenta" wird einer der Haupteingänge sein.

Heilbronner Baugrube neben dem Fluss ist eine Fundgrube für Wissenschaftler
Für drei Meter breite und bis zu 20 Meter lange Neckarschiffe eignete sich die Schleuse, die Archäologen in Heilbronn ausgegraben haben. Foto: Hans Georg Frank

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22.10.2015, 12:00 Uhr
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