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Angebot für Senioren in der Landeshauptstadt: Wöchentliche Anrufe gegen Einsamkeit

Hausbesuch per Telefon

Wenn die Kinder weit weg leben und sich selten melden, wenn soziale Kontakte fehlen, kann Alleinleben schwer werden. In Stuttgart hilft das Seniorentelefon Dreiklang. Ehrenamtliche klingeln jede Woche an.

30.12.2015
  • ALFRED WIEDEMANN

Stuttgart. Tomatensoße? Auch darüber kann man diskutieren. Lange sogar, schließlich geht es um richtig gute Soße. Nichts aus der Tüte! Gerhard Weingartner, 67, kocht gern. Er sitzt auch gern am Seniorentelefon der Evangelischen Gesellschaft (Eva) in der Stuttgarter Büchsenstraße. Als Ehrenamtlicher nimmt er Anrufe Alleinstehender entgegen und ruft auch regelmäßig alleinstehende Ältere an, die das wünschen.

Frau G. gehört zu denen, die sich einmal in der Woche auf den Anruf freuen. Und die auch mal übers Kochen fachsimpelt. Warum nicht? Wichtig sei "das Einlassen auf den anderen, das Mitfühlen, das Zuhören können", sagt der pensionierte Polizist Weingartner. Bei zwei Kochbegeisterten in der Leitung geht es eben mal ums optimale Rezept.

"Gejammer", und Weingartner malt dazu zwei ganz große Anführungszeichen in die Luft, das sei nicht das Thema am "Dreiklang"-Telefon. Sondern Austausch. Die Gewissheit, dass jemand da draußen ist, der anruft, der bemerkt, falls es dem Gegenüber mal schlecht geht, wenn Hilfe gebraucht wird, vielleicht auch mal ein Rat oder Hinweise auf Begegnungsangebote oder Betreuungsdienste.

Klar, auch das Auffangen von Traurigkeit ist Aufgabe der ehrenamtlichen Telefonierer. Es gehe darum, die richtigen Worte zu finden, wenn in jedem Satz die Einsamkeit durchklingt. "Aber wenn man gut geredet hat, fühlt man sich auch gleich besser", diese Rückmeldung komme oft, sagt Weingartner.

Anrufe zum Wohlfühlen? Ja, sagt Martin Schneider, der das Stuttgarter Seniorentelefon 2009 aufgebaut hat. "Wir sind ein Begegnungstelefon, kein Krisentelefon", sagt der 52-jährige Diplom-Soziologe und Eva-Mitarbeiter. "Dreiklang" sei kein Ersatz für Telefonseelsorge oder Hausnotruf. Wenn es aber mal brennt, rennt Schneider los. Einmal ist das passiert. Ein Anruf war besonders dringlich und ein Hausbesuch nötig. Das war die große Ausnahme.

Vorbild für den Anrufdienst war das Angebot eines Berliner Seniorenvereins. In Stuttgart ergänzt er den Besuchsdienst "Vierte Lebensphase". Ehrenamtliche schauen dabei bei einsamen Älteren vorbei, für Gespräche und für Aktivitäten.

Ältere, die kaum noch soziale Kontakte haben, tun sich oft schwer damit, Besuch in ihre Wohnung zu lassen, sagt Schneider. Da muss man extra aufräumen, sich richtig anziehen, da ist die Schamgrenze oft hoch. Am Telefon dagegen ist die Kontaktaufnahme einfach. Wenn es dann jede Woche zur abgemachten Zeit klingelt, hilft das gegen Einsamkeit und Isolation.

Mehr als 40 alleinstehende Ältere lassen sich inzwischen regelmäßig anrufen. Immer montags, mittwochs und freitags sind die Ehrenamtlichen da, sie nehmen Anrufe entgegen und rufen nach Plan an. Außerhalb dieser Zeiten nimmt der Anrufbeantworter auf, Martin Schneider hört ihn ab.

Viele der regelmäßig Angerufenen sind auf Vermittlung von Fachdiensten zum Telefonangebot gekommen, gerontopsychiatrisch Erkrankte sind darunter, bei denen außer Essen auf Rädern oder dem Pflegedienst keiner mehr klingelt. Auch Demenzkranke gehören dazu, allerdings eigne sich das Angebot nicht für alle Demente: "Manche verunsichern die Anrufe auch", sagt Schneider, "das muss abgeklärt werden".

Am Telefon geht es um Alltägliches, vermischt mit Lebensgeschichte. Um Arztbesuche, zum Beispiel, und den Aufwand, den die bedeuten, wenn man nicht mehr gut zu Fuß ist. Um Anrufe von Kriminellen, die ans Geld wollen. Um den Stolz darauf, was Kinder und echte Enkel so leisten. Oder immer wieder darum, wie es ist, nach 61 Ehejahren allein als Witwe dazustehen.

Zwei Männer und sechs Frauen leisten Telefondienst, alle unterliegen der Schweigepflicht, alle sind wie Weingartner geschult in Gesprächsführung. Bisher fehlt noch ein Ehrenamtlicher für den Telefondienst mit Migrationshintergrund, denn auch da wächst der Bedarf.

Die Arbeit am Telefon gebe einem viel zurück, sagt Weingartner, der von Anfang an dabei ist: "Wenn man spürt, dass es dadurch einem anderen besser geht, macht mich das zufrieden."

Da wird sogar eine "Abmeldung" zum schönen Moment: Wenn sich eine alte Dame meldet, ihr gehe es besser, ihre Depressionen seien überwunden, sie gehe in eine Begegnungsstätte. "Danke, es war schön, aber ich komme jetzt ohne die Anrufe zurecht." Gerhard Weingartner hat das sehr, sehr gern gehört.

Die Nummer gegen das Alleinsein

Anruf-Service Wer in Stuttgart älter und einsam ist, kann sich von den Ehrenamtlichen des Seniorentelefons „Dreiklang“ regelmäßig anrufen lassen. Oder selbst anrufen:

0711/2054- 399. Immerhin 45 272 Menschen über 60 leben in Stuttgart allein. Laut Statistikamt gibt es mehr als 162 000 Ein-Personen-Haushalte. Die Evangelische Gesellschaft bietet das Telefon seit 2009 an, zusätzlich zu ihrem Besuchsdienst für Senioren. Es ist auch für von Depression oder Demenzerkrankung Betroffene gedacht.

Wohlfühl-Abo Ähnliche Angebote sind noch selten. Ganz neu geschaltet ist das „Sorgentelefon“ des Stadtseniorenrats Waiblingen. Ein gemeinnütziger Verein in Bremen bietet gegen die Einsamkeit außerdem „Wohlfühlanrufe“ an – im Abo für Senioren. eb

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30.12.2015, 08:30 Uhr
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