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Aus dem Knast in die Villa

Hausarrest: Ex-Sportstar Pistorius verlässt nach 363 Tagen das Gefängnis

Im Schutze der Nacht hat Ex-Sportstar Oscar Pistorius früher als erwartet seine Haftzelle verlassen. Sein Hausarrest in einer Luxusvilla ist in der südafrikanischen Öffentlichkeit nicht unumstritten.

21.10.2015
  • RALF E. KRÜGER, DPA UND AFP

Pretoria "Der verurteilte Killer Oscar Pistorius ist frei" - Millionen Südafrikaner wachten am frühen Dienstagmorgen mit diesem Satz auf, als sie ihr Radio einschalteten. 363 Tage nach seinem Haftantritt öffneten sich für den einst gefeierten Sportstar im Schutze der Nacht - früher als geplant - die Tore des Gefängnisses Kgosi Mampuru II in Pretoria. Das enorme Medieninteresse holte ihn am Morgen ein, als sich Reporter aus dem In- und Ausland vor der Luxusvilla seines Onkels Arnold im Diplomatenviertel Waterkloof drängelten. "Oscar ist hier, und Oscar ist mit seiner Familie zusammen", sagte Familiensprecherin Anneliese Burgess. Vor dem Haus stand ein Wächter, die Fenster waren blickdicht verhangen.

Der Ex-Topathlet, der am Valentinstag 2013 seine Freundin Reeva Steenkamp getötet hat und wegen fahrlässiger Tötung zu fünf Jahren Haft verurteilt wurde, sitzt den Rest der Strafe nun im Hausarrest ab.

Die Steenkamp-Familie hat nur ein Jahr Gefängnis für den Tod ihrer Tochter als unzureichend bezeichnet. Gestern hielt sich die Anwältin der Familie, Tanya Koen, aber mit Kritik weitgehend zurück. "Ob Oscar Pistorius nun einen Tag früher entlassen wurde oder nicht, ist (für die Familie) ohne Bedeutung: Reeva bleibt tot", sagte sie. Der Aufbau einer Stiftung für missbrauchte Kinder und Frauen sei für die Familie Steenkamp nun wichtiger.

Doch in Rundfunksendungen oder in Sozialen Netzwerken gab es schnell Empörung über "reiche Weiße", die sich mit teuren Anwälten die - wenn auch begrenzte - Freiheit eines luxuriösen Hausarrests leisten könnten.

Dabei wird auch auf das angenehme Ambiente der feudalen 27-Zimmer-Villa im Backsteinstil verwiesen: Swimmingpool, Privatkino, gepflegter Garten - alles da. Vor allem das private Fitnesscenter dürfte dem Ex-Spitzensportler wichtig sein, er hielt sich nach Medienberichten auch in Haft stets fit.

Der Fall dürfte in Südafrika einer öffentlichen Debatte Vorschub leisten, die die weiterhin gähnende Kluft zwischen Arm und Reich am Kap zunehmend kritisch beleuchtet. Auch wenn sich dort längst eine schwarze Mittelschicht herausgebildet hat, gehören weiße Südafrikaner in der Regel weiterhin zum wohlhabenden Teil der Bevölkerung. "Mein Glaube in unsere Fähigkeit, eine nicht-rassistische Gesellschaft aufzubauen, schwindet von Tag zu Tag", schrieb der einflussreiche schwarze Intellektuelle Aubrey Matshiqi gestern in einem Kommentar für die Tageszeitung "Business Day" und prangerte den "lächelnden Rassismus" einer weißen Privilegiengesellschaft an, die armen, talentierten Schwarzen weniger Chancen einräumt als reichen Weißen.

Dieser Kritik sieht sich auch Oscar Pistorius ausgesetzt, der nun unter den Augen einer äußerst interessierten Öffentlichkeit sein Leben neu ordnen muss. Er wird zudem strenge Gerichtsauflagen erfüllen müssen - angefangen bei einem kompletten Alkoholverbot über Sozialstunden bis zur Pflicht, eine Arbeit anzunehmen. Selbst um Mitternacht könnten Aufseher unangemeldet an der Haustür zwischen den drei Meter hohen Mauern klingeln, um etwa sofortige Blut- oder Urintests einzufordern.

Zudem stellt sich das Problem seiner Sicherheit in einem Land, das mit 49 Fällen von Mord und Totschlag pro Tag ohnehin schon eine hohe Kriminalstatistik hat.

Der frühere Paralympics-Star, der einst Sportgeschichte geschrieben hat, tötete seine Freundin mit vier Schüssen durch eine geschlossene Toilettentür. Im Prozess gab er an, dahinter Einbrecher vermutet zu haben. Im Oktober 2014 wurde er dafür zu fünf Jahren Haft verurteilt. Nach südafrikanischem Recht durfte er nun wegen guter Führung in den Hausarrest wechseln, da er mindestens ein Sechstel seiner Strafe in Haft verbüßt hatte.

Doch könnte der bis zu den Todesschüssen wohl berühmteste Behindertensportler der Welt bald von der Villa wieder in die Zelle zurückkehren. Denn am 3. November steht die Berufung der Staatsanwaltschaft zur Verhandlung an. Sie möchte ein härteres Urteil. Ihm könnte eine Haftstrafe von 15 Jahren drohen.

Hausarrest: Ex-Sportstar Pistorius verlässt nach 363 Tagen das Gefängnis
Die Entlassung in den Hausarrest löste einen Ansturm der Medien aus. Familiensprecherin Anneliese Burgess sagte vor dem Anwesen, in dem Pistorius künftig leben werde, dass der Ex-Sprintstar nun nicht etwa frei sei. Der Hausarrest sei lediglich die nächste Phase seiner Strafe. "Oscars Strafe wurde nicht verkürzt." Foto: dpa

Hausarrest: Ex-Sportstar Pistorius verlässt nach 363 Tagen das Gefängnis
Reeva Steenkamp und Oscar Pistorius galten als Traumpaar. Foto: dpa

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21.10.2015, 12:00 Uhr
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