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Volkswagen

„Harter Knochen“ baut um

Der weltgrößte Autobauer soll auf den Kopf gestellt werden. Der neue Chef Herbert Diess gilt als „Mr. Effizienz“. Doch die Aufgabe ist wegen der Strukturen gewaltig.

14.04.2018
  • THOMAS VEITINGER

Wolfsburg. Wie begeht Herbert Diess den Moment seines Triumphs? Wird er die Türe zu seinem neuen Büro in Wolfsburg leise schließen und zunächst einmal um seinen Stuhl und Schreibtisch herumgehen, bevor er sich langsam setzt? Oder ein Motorrad aus der heimischen Garage holen und in die Nacht brausen? Nach außen dringen dürfte eine solche Geschichte wohl nie – außer sie ist für etwas nützlich. Der neue VW-Chef überlässt wenig dem Zufall. Zur Fahrt zu einem Interview verzichtet der Österreicher auf standesgemäßen Chauffeur und Limousine und fährt lieber selbst im Golf GTI vor, das soll Eindruck bei Journalisten machen.

Der promovierte Maschinenbau-Ingenieur arbeitet an der Effizienz. Immer. Manche Menschen beschreiben Diess als „harten Knochen“, andere als „sehr charmant“ und angenehm. Mal gilt er als E-Auto-Freund, dann wieder als sein Skeptiker. Die einen prophezeien unter ihm ein offeneres Unternehmen, andere einen Rückfall in alte Strukturen.

Zumindest scheut Diess nicht die Auseinandersetzung und die Öffentlichkeit. In Talk-Shows beteuert er: „Unsere Diesel sind die besten der Welt“, obwohl Moderatorin Anne Will in diesem Moment einen Schuldigen für den Diesel-Skandal sucht. Sein Vorgänger Matthias Müller erlaubte sich Interviews, in denen er eine „falsche Interpretation“ der US-Gesetze als Grund für den größten Skandal des Konzerns anführt. Diess wirkt mutig und diplomatisch, Müller überheblich.

Den Dieselskandal zu vermenschlichen, Reue und Demut zu zeigen, dürfte eine der größten Aufgaben des 59-Jährigen sein. Zuzugeben, was juristisch gerade noch vertretbar ist und dennoch keine Milliardenforderungen für den Konzern nach sich zieht. Sich nicht einfach umzudrehen und Kunden und Öffentlichkeit unwürdig abzuservieren. Diess weiß: Es reicht nicht, eine Elektroauto-Modellpalette anzukündigen, gute Zahlen zu schreiben, die Dieselaffäre für beendet zu erklären und das Wort „Kulturwandel“ mantraartig auszusprechen, so wie es Müller tat. Es gilt, die Affäre aufzuklären, Schuld einzugestehen und eine Perspektive zu bieten. Während Müller im vergangenen Jahr zerknirscht eingestand, es sei schwer mit dem Kulturwandel beim Moloch VW, lobte Diess diplomatisch den grundlegenden Wandel. Man könne jetzt seinen Chef offen kritisieren ohne rauszufliegen. Gerne wäre Diess einst bei BMW Chef geworden, zog aber den Kürzeren. Bei VW ist ihm das nicht mehr passiert.

Für den Auto-Experten Willi Diez steht Effizienz als Aufgabe für Diess ganz oben. „Diess muss die Schwachstellen im Konzern aufdecken, die Effizienz steigern, kostengünstiger und besser werden.“ Synergien der vielen Marken sind zu heben bei Produktion, Einkauf und Entwicklung. Die Marge von Volkswagen ist nicht besonders gut. Ebenso die Leistungskraft mit Indikatoren wie Innovationskraft, Finanzkennzahlen und Marktlage, ergaben Studien. Die Tochter Audi hat an Kraft und Innovation verloren und verliert als Geldesel im Konzern an Bedeutung.

Eine Bereinigung ist nötig. Möglicherweise wird die Motorradmarke Ducati verkauft, die sich der einstige Firmenpatriarch Ferdinand Piëch leistete. Die Marken werden in Gruppen zusammengefasst, um leichter beherrschbar zu sein. Ein Börsengang der Lkw-Sparte Truck & Bus könnte laut „Spiegel“ bis zu 7 Milliarden EUR bringen. Das alles sind die größten Veränderungen für den Konzern mit seinen 650 000 Mitarbeitern seit 1945. Doch eine Revolution sei nicht geplant, relativiert Diess diplomatisch. Geplant sei eine entschlossene Weiterentwicklung, die er mit großer Machtfülle angehe.

Kochen, mit Gläsern jonglieren

Der dreifache Familienvater bereitet nicht nur ein zwölfgängiges Menü vor, er jongliert auch noch mit Gläsern in der Luft und kommuniziert gleichzeitig mit Besuchern: Es gilt Autos fit für das Selbstfahren und den Elektroantrieb zu machen, Mobilitätsdienstleistungen auszubauen, weiter viel Geld mit dem Verbrennungsmotor zu verdienen, im preiswerten Segment genauso erfolgreich zu sein wie bei Luxusfahrzeugen. Die Aktionäre und Analysten sind zufriedenzustellen. Alles muss schneller, schlanker, moderner, sparsamer werden. Politik, dem sehr starken Betriebsrat, den Eignerfamilien und den Mitarbeitern ist zu gefallen. Die EU-Kommission zeigt sich auch noch unzufrieden mit der VW-Nachrüstung. Und die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn wegen des Verdachts der Marktmanipulation in der Diesel-Affäre. Da passt, dass Diess über Diess sagt: „Ich bin nicht der Typ, der so schnell aufgibt.“

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14.04.2018, 06:00 Uhr
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