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Dettenhausens Bürgermeister

Hans-Joachim Raich über seine Amtszeit

Noch schafft er wie immer: geht morgens ins Rathaus, macht Jubilar-Besuche, zeigt sich bei Festen und Vereinen. Doch es gibt Tage, da fühlt er sich seltsam: „Die Leute schauen einen so komisch an“, sagt Hans-Joachim Raich. Nur noch wenige Amts-Tage, dann geht Raich als Bürgermeister in Pension – nach 41 Jahren Arbeit im Rathaus.

25.01.2011

Von Martin Mayer

„Das alles war für mich nie eine Last“: Dettenhausens Bürgermeister Hans-Joachim Raich wird am Montagabend in der Schönbuchhalle nach 16 Schultes- und 41 Rathaus-Jahren verabschiedet. Sein Kreistagsmandat (FWV) behält er, bis 2014 eine neue Wahl ansteht. Im Bild unten freut sich Raich 1994 über seine erste Wahl zum Bürgermeister.Bild: Sommer

Dettenhausen. 16 Jahre war er Bürgermeister, zuvor 24 Jahre Kämmerer: Hans-Joachim Raich hat seinen Job im Dettenhäuser Rathaus, wie er sagt, „immer gerne gemacht“. Egal ob es galt, das Altenzentrum zu erweitern, die kommunalen Kindergärten zu modernisieren, Ehen zu trauen oder einen Nachbarstreit zu schlichten – oder bei einem Vereins-Jubiläum zu sprechen: Das alles war dem Chef von 88 Gemeindebediensteten „nie eine Last“.

„Ich bin jeden Tag gern ins Geschäft gegangen“, sagt Raich. „Nicht einen Tag krank“ gewesen sei er: Als Bürgermeister jedenfalls habe er „nie gefehlt“. Frühmorgens um Sechs saß er schon am Schreibtisch, abends um Acht sprach er bei Vereins-Versammlungen. Und auch bei den Nach-Sitzungen des Gemeinderats sei er nur zwei-, dreimal nicht dabei gewesen. „Als Bürgermeister muss man Vereinsmeier sein“, spottet Raich lachend über sich selbst. Und sagt dann sein typisches „De?sch okay!“

In Dettenhausen fand der gebürtige Stuttgarter für sich ganz offensichtlich die ideale Lebensaufgabe. Dettenhausen hatte es ihm schon als Bub angetan: Zusammen mit den Eltern und der früh verstorbenen Schwester kam er an Sommer-Wochenenden oft zu Fuß vom Wohnort Schönaich ins Dettenhäuser Freibad. Danach ging die Familie vespern, gegenüber, im Gasthof „Lamm-Alte Post“: „Das war immer ein Highlight.“

Kein Wunder, dass Raich später als Bürgermeister, als die Gemeinde in Geldnot geriet, das kaum mehr bezahlbare Freibad an der Schaich nicht der Finanzräson opfern konnte. Die Idee mit dem bürgerschaftlichen „Bädles-Verein“ sorgte Ende 2005 dafür, dass der Gemeinderat dem Freibad vorerst weitere zehn Jahre zubilligte.

Der Förderverein fürs Freibad und der Freundeskreis fürs Altenzentrum „Haus im Park“: Das sind die ehrenamtlichen Plattformen, mit denen man sich in Dettenhausen gegen die Finanznot stemmt. Das Altenzentrum, das die Gemeinde in Raichs Amtszeit 2003 für 3,6 Millionen Euro erweitert hat (um ein Kleinpflegeheim, das sie dann unter dem Kostendruck 2007 an die Samariterstiftung verkaufte) funktioniert für Raich „wie eine große Familie“. Das sei „eine gute Einrichtung für die Gemeinde“ – aber das war auch „eine teure Geschichte“. Die Erweiterung des Altenzentrums ist das Projekt, das dem scheidenden Bürgermeister im Rückblick am wichtigsten ist. Dort will er sich auch im Ruhestand engagieren.

Als Hans-Joachim Raich am 6. November 1994 mit rund 58 Prozent der Wählerstimmen zum Bürgermeister gewählt wurde, da hätte er sich trotz seiner Kämmerer-Kenntnisse wohl nicht vorstellen können, dass die Gemeinde am Ende seiner Amtszeit kein Geld mehr für Investitionen haben würde. In seiner Amtszeit hat Dettenhausen viel Geld in die Abwasserentsorgung gesteckt („Da sind wir fertig für die nächsten 20 Jahre“). Die Gemeinde hat die örtliche Schönbuch-Schule um ein neues Gebäude erweitert und dabei bei den Baukosten (3,4 Millionen Mark) „eine Punktlandung“ hingelegt. Das viergruppige Kinderhaus Weinhalde wurde neu gebaut und die Betreuungsangebote für die unter drei Jahre alten Kinder wurden den Vorgaben vom Land angepasst.

Genug Platz für alle Kinder am Ort

Vier kommunale Kindergärten (inklusive eines Naturerlebnis-Kindergartens) betreibt Dettenhausen. „Wir bringen alle Kinder mit ihrem Rechtsanspruch unter“, bilanziert Raich stolz: „Da sind wir gut ausgestattet – das lag mir am Herzen.“ Schließlich muss Dettenhausen als Wohngemeinde vieler mobiler Berufspendler die jungen Familien mit guter Infrastruktur am Ort halten.

Als Hans-Joachim Raich nach Dettenhausen kam, zählte die Gemeinde 3100 Einwohner. Inzwischen gibt es rund 5450 Dettenhäuser. Und nach der Bevölkerungsprognose, die 2008 in Auftrag gegeben wurde, könnte der Schönbuch-Flecken bis 2020 auf 5800 Einwohner wachsen. „Wir haben jeden Tag Anfragen nach Bauplätzen“, berichtet Raich. Doch die Zeit der attraktiven 800-Quadratmeter-Bauplätze für das freistehende Einfamilienhaus ist um. Zwei Drittel der 1100 Hektar großen Markungsfläche von Dettenhausen sind Wald. Da ist „keine sprunghafte Entwicklung mehr möglich“ – selbst wenn Raichs Nachfolger zusammen mit dem Gemeinderat rasch eine Baulandumlegung auf die Beine stellen könnte. Für den abtretenden Schultes ist das eine der nächsten Aufgaben: Am Weinhaldeberg gäbe es Möglichkeiten (Baugebiet „Am alten Weinberg“). „Eine schrumpfende Bevölkerung bringt ja nichts“, sagt Raich.

Auch die Rechtsansprüche auf die Betreuung der Kleinkinder werden die Gemeinde in den nächsten Jahren massiv herausfordern. Personal dafür werde nur schwer zu finden sein: „Da ist der Markt abgegrast.“

Und das Geld dafür fehlt auch. Wo man wegen der Vorschriften von oben 2,9 Fachkräfte für die Betreuung von zehn Kindern brauche, sagt Raich, „da klafft die Lücke schon gewaltig auseinander“. Über der immer schlimmer werdenden Finanznot der Kommunen kann Raich seine obligatorisch gute Laune verlieren.

Viele Jahre hat er als Lehrbeauftragter mit praktischer Erfahrung an der Fachhochschule in Ludwigsburg und „nach der Wende“ an der sächsischen Verwaltungs-Hochschule in Meißen kommunales Wirtschaftsrecht unterrichtet. Aber zu der jüngsten Entwicklung bei den Kommunalfinanzen fällt ihm nicht mehr viel ein: „Auf die Dauer kann das net gutgehen, wenn Sie jedes Jahr sparen müssen und nochmal sparen.“

Um die klaffende Schere zwischen Aufgaben und Einnahmen wenigstens etwas zu schließen, bräuchten die Kommunen „einen höheren Anteil an der Umsatzsteuer“ – das wäre am griffigsten“. Die Kommunen selbst könnten doch nur noch die Grundsteuern erhöhen. Raich erinnert an den berühmten Satz von John F. Kennedy: Wohlhabende Bürger sollten nicht so viel von ihrer Gemeinde erwarten, sondern mit einer „Sonderabgabe“ auch mal etwas für ihren Wohnort tun. Dazu wären manche wohl bereit – sowas sollte man „mehr fordern“.

Noch ist Hans-Joachim Raich ganz der Bürgermeister. Was ihn in seiner Amtszeit am meisten geärgert hat, will er fast nicht sagen. Dass es 2004 in Dettenhausen mit der Ansiedlung des Netto-Markts an der Tübinger Straße nicht geklappt hat und der Gemeinderat verunsichert „umgefallen“ ist, als die Bürger dagegen protestierten, das nervt ihn noch heute. „Es wäre gut gewesen, man hätte das damals durchgezogen – dann hätte man jetzt das ganze Theater nicht“, sagt Raich mit Blick auf die derzeitige Debatte um ein zusätzliches Einkaufszentrum.

Im April wird Hans-Joachim Raich 66. Schon am 1. Februar wird er in Waldenbuch einen neuen Job antreten: Er wird Hauptgeschäftsführer der Stadtbau Waldenbuch GmbH. Nach der Einarbeitungszeit „ein Halbtagsjob“. Er mache das „nicht wegen dem Geld“, sagt Raich. Er will weiter aktiv unter Leuten sein. Denn „so verbraucht“, sagt er, „fühl? ich mich noch nicht“.

Daher will der Ex-Schultes in Zukunft sein schauspielerisches Talent auch fürs Dettenhäuser Fleckatheater einsetzen. Den „König von Bärenbach“ muss er jetzt nicht mehr geben. Das neue Stück heißt: „Selbst ist der Mann“: Da ist Hans-Joachim Raich dabei. Auch dieses Stück stammt von dem Dettenhäuser Autor Felix Huby. Zur Premiere hat Huby sich schon angesagt.

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Erstellt:
25. Januar 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
25. Januar 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 25. Januar 2011, 12:00 Uhr

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