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Inhumanforschung in Block 10

Hans-Joachim Lang gibt Opfern von Medizinverbrechen in Auschwitz eine Stimme

Seit Jahren erforscht TAGBLATT-Redakteur Hans-Joachim Lang minutiös die Biografien von Holocaust-Opfern und gibt ihnen Namen und Gesichter zurück. Nun ist sein neuer Band „Die Frauen von Block 10“ erschienen, den er all jenen Frauen widmet, die in Auschwitz medizinische Versuche über sich ergehen lassen mussten. Am morgigen Donnerstag stellt Lang sein Buch bei Osiander in der Wilhelmstraße um 20 Uhr vor.

09.11.2011
  • Henning Tümmers

Tübingen. Es ist schon spät, als Heinrich Himmler in der Berliner Gestapozentrale am 28. März 1941 Viktor Brack empfängt. Das Treffen der beiden Granden des NS-Staates dauert nur wenige Minuten. Brack, Chef des Amts II in der Kanzlei des Führers und Organisator der „Euthanasie“-Morde, übergibt dem Reichsführer SS einen Geheimbericht. Wochen vergehen, ehe Himmler Zeit findet, die Ausführungen zu studieren. Anfang Mai lässt er Brack dann aber wissen, dass er mit großem Interesse das Dossier gelesen habe. Es kommt zu einem zweiten Treffen, bei dem Brack Hitlers Terrorchef seine visionären Pläne zur „Endlösung der Judenfrage“ persönlich vortragen darf.

Anstatt die jüdische Bevölkerung direkt „auszurotten“, so Brack Himmler gegenüber, könne man sie zur Zwangsarbeit heranziehen – vorausgesetzt, ihre Fortpflanzung werde unterbunden. Die Unfruchtbarmachungen sollten möglichst kostengünstig und schnell durchzuführen sein. Eine Operation, wie sie seit Inkrafttreten des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ im Jahr 1934 für körperlich und geistig Behinderte und sonstige „Gemeinschaftsfremde“ vorgesehen ist, erscheint Brack zu aufwändig. Effizienter sei eine Kastration durch hoch dosierte Röntgenstrahlen.

Die Idee der Massensterilisation durch neue, moderne Techniken verfängt: Ende Mai 1941 sitzt Himmler Professor Carl Clauberg gegenüber. Der erfolgreiche Gynäkologe referiert über ein „operationsloses (unblutiges)“ Verfahren durch Einspritzen einer bestimmten Flüssigkeit in die Eileiter, die er momentan in Tierversuchen teste. Aber trotz Claubergs Bemühungen, Himmler für seine Forschung zu gewinnen, nehmen die Sterilisationspläne erst ein Jahr später konkrete Form an, als die Wehrmacht in der Sowjetunion steht und sich die nationalsozialistischen Lager mit Kriegsgefangenen und Juden füllen. Im Frühjahr 1942 fallen in Berlin zwei Namen, die prädestiniert scheinen, an jüdischen Gefangenen im neu erschlossenen „Osten“ entsprechende Experimente durchzuführen: Clauberg und Horst Schumann. Letzterer hat 1940/41 in der Tötungsanstalt Grafeneck gemordet und danach in Auschwitz Kranke für die „Euthanasie“ bestimmt. Im Herbst 1942 beziehen die beiden Männer den Block 30, eine karge Holzbaracke in Auschwitz-Birkenau, suchen ihre ersten weiblichen Versuchspersonen – im Lagerjargon „Kaninchen“ genannt – und beginnen mit ihren Versuchen: Clauberg mit Spritzen in die Gebärmutter, Schumann mit Röntgenstrahlen.

Wie das neue Buch von Hans-Joachim Lang zeigt, beobachten die Häftlinge um sie herum genau, was an diesen Novembertagen in Block 30 vor sich geht. „Jeder hat gerätselt, was in diesen Block kommt. Da kamen diese Siemens-Apparate, aber wir wussten nicht, was das bedeutet“, so eine Überlebende. Wer von Schumann ausgewählt wird und das Innere des Blocks zu sehen bekommt, ist zunächst von dem, was dort passiert, irritiert und wird später von ungeheuren Schmerzen berichten. „Es wurde mir befohlen, mich vollkommen zu entkleiden“, erzählt Magda Hertzková nach dem Krieg. „Dann wurde mir befohlen, mich zwischen zwei Platten zu stellen. Ich nehme an, sie waren aus Eisen. Ich fühlte die Kühle sowohl an der Bauchseite als auch an der Rückseite des Körpers. Als ich zwischen den erwähnten Platten stand, ging das Licht für einige Sekunden aus, und ich hörte ein Summen, als wenn der elektrische Strom eingeschaltet ist.“

Alle Frauen, die Schumann bestrahlt, werden krank: Sie erbrechen, bekommen Schüttelfrost. Zur Ergebniskontrolle operiert man ihnen die Eierstöcke heraus. Wer Claubergs Experimenten zum Opfer fällt, wird mit einer großen Spritze malträtiert. Der Gynäkologe injiziert damit eine Flüssigkeit in die Gebärmutter, die von dort in die Eileiter dringt und sie verschließen soll. Aus Angst, ins Gas geschickt zu werden, erdulden viele völlig lautlos den schmerzhaften Eingriff. Im April 1943 zieht Clauberg ins so genannte Stammlager um, wo seiner Meinung nach bessere Arbeitsbedingungen herrschen. In Block 10 führt er seine Experimente fort, Schumann wählt dort immer wieder seine Versuchspersonen aus.

Hans-Joachim Langs nun vorliegende dichte Beschreibung „Die Frauen von Block 10“ erzählt von diesen, aber auch von anderen – der breiten Öffentlichkeit gewiss weitgehend unbekannten – Medizinverbrechen in Block 10. Insgesamt, so die Schätzungen des mehrfach für seine Recherchen zur Geschichte des Nationalsozialismus ausgezeichneten Autors, durchliefen circa 800 Frauen das zweistöckige Backsteinhaus im Stammlager, etwa 300 von ihnen überlebten Auschwitz.

Während die historische Zunft seit einigen Jahren verstärkt „Täterforschung“ betreibt und Erklärungen für die Radikalisierung von Gewalt liefert, geht Lang einen anderen Weg: Er will vor allem die Biografien der Geschädigten nachzeichnen und damit erreichen, dass die Frauen von Block 10, „wie alle Opfer nationalsozialistischer Verbrecher, nicht vergessen werden“. Aus den damaligen anonymen Verfolgten sollen, so Lang, „konkrete Personen mit Namen und Herkunft“ werden. Insofern führt der Autor in seinem neuesten Werk jenen Ansatz fort, der schon seine Arbeit „Die Namen der Nummern“ von 2004 auszeichnete – Lang identifizierte 86 bis dato namenlose Juden, die im Lager Natzweiler-Struthof für die anatomische Sammlung des Straßburger Professors August Hirt ermordet wurden.

Dieses Mal sind es die Geschichten der in Auschwitz für Humanexperimente missbrauchten Jüdinnen, die Lang akribisch aus Gerichtsprotokollen, Erinnerungsliteratur, Behördendokumenten und eigenen Interviews rekonstruiert hat und einfühlsam, zuweilen auch in einem anklagenden Ton, erzählt. Hierbei gelingt es ihm, dem Leser einen schmerzhaften Eindruck darüber zu vermitteln, was für die Frauen von Block 10 „Alltag“ in Auschwitz bedeutete: der unerwartete, gewaltsame Abschied von Familienangehörigen an der berüchtigten „Rampe“, die permanente Angst vor der eigenen Vergasung, die Qualen der Eingriffe.

In den ersten 15 Kapiteln lässt Lang vor allem die weiblichen Gefangenen zu Wort kommen, die von Einspritzungen und Bestrahlungen, dem kühlen, teilnahmslosen Umgang der Experimentatoren mit ihrem „Material“, aber auch von Momenten der Menschlichkeit inmitten des Massenmords berichten. Auch in den letzten beiden Kapiteln ist es ihre Perspektive, aus der der Leser vom Geschehen kurz vor und nach der Befreiung 1945 erfährt: die „Todesmärsche“ von Auschwitz in andere Lager, die seelischen und körperlichen Folgeschäden der Eingriffe und die halbherzigen Bemühungen der jungen Bundesrepublik, die Frauen von Block 10 zu entschädigen.

In einer Zeit, in der sich die letzten lebenden Zeugen der nationalsozialistischen Verbrechen aus unserer Gegenwart verabschieden, kommt den dokumentierten Lebensgeschichten der Opfer im Rahmen einer „vermittelten“ Erinnerung eine zentrale Bedeutung zu: Sie können dazu dienen, all jene zu erreichen, die das „Dritte Reich“ nicht mehr erlebt haben. Hierfür leistet Hans-Joachim Langs neues Buch einen bemerkenswerten Beitrag.

Hans-Joachim Lang gibt Opfern von Medizinverbrechen in Auschwitz eine Stimme
Monika Zatka – fotografiert 1942 nach ihrer Einweisung in Auschwitz – war eines der ersten Versuchsopfer von Carl Clauberg. Auf dem linken Bild ist ihre Häftlingsnummer 24208 erkennbar.

Hans-Joachim Lang gibt Opfern von Medizinverbrechen in Auschwitz eine Stimme
Hans-Joachim Lang Archivbild: Metz

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09.11.2011, 12:00 Uhr
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