Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Hannelore K. steht zu ihren Buchstaben
Die Collage des verstorbenen Fluxus- Künstlers Arthur Köpcke, „Reading/Work-Pieces (a und B)“ von 1965, an die Hannelore K. Hand anlegte. Foto: dpa
90-Jährige füllte Kreuzworträtsel-Kunstwerk aus

Hannelore K. steht zu ihren Buchstaben

Ein paar Buchstaben, die sie in ein Kreuzworträtsel eintrug, hat Hannelore K. (90) Schlagzeilen beschert: „Kunstschänderin!“ Sie bleibt gelassen.

12.08.2016
  • KLAUS TSCHARNKE, DPA

Nürnberg. Moderne Kunst – das war schon immer ihr Ding und nicht erst, seit ihr der Ruhestand dafür genügend Zeit lässt. Hannelore K.s Devise: „Man muss sich doch informieren, was die jungen Künstler so machen. Man kann nicht immer nur van Delft und Rembrandt anschauen.“ Ausgerechnet ihr Interesse an zeitgenössischer Kunst hat das Leben der geistig topfitten 90-jährigen Nürnbergerin mit Kölner Wurzeln, einer früheren Medizinerin, vor genau einem Monat durcheinandergewirbelt.

Mit ein paar Kugelschreiber-Strichen hat sie am 13. Juli einen kleinen Museums-Eklat hervorgerufen. Der brachte ihr nicht nur eine Strafanzeige wegen „gemeinschädlicher Sachbeschädigung“ ein, sondern katapultierte sie auch weltweit in die Schlagzeilen. TV-Teams bitten sie um Interviews, Talkmaster laden sie in ihre Talkshow ein – zumeist erfolglos. Schon aus Rücksicht auf ihre Angehörigen will K. nicht mehr als nötig in den Medien präsent sein.

Außerdem versteht die gebürtige Kölnerin, die ihren vollen Namen auf keinen Fall in der Zeitung lesen will, die Aufregung um den Vorfall nicht. Als sie bei einem Museums-Rundgang zum Kuli griff und in einer Collage des gestorbenen Fluxus-Künstlers Arthur Köpcke mehrere Kästchen eines Kreuzworträtsel ausfüllte – da habe sie doch nur im Sinne des Künstlers gehandelt.

„Neben dem Kreuzworträtsel steht doch klar: ,Insert words' („Trage Wörter ein“). Das ist Fluxus-Kunst, sonst hätte ich das noch nicht gemacht“, argumentiert K. Fluxus sei eine offene Kunst und lade Betrachter dazu ein, die Werke der Künstler zu vervollständigen.

Im Germanischen Museum, ein paar Steinwürfe weiter, würde sie nie auf die Idee kommen, Kunstwerke alter Meister bekritzeln, sagt K. „Aber im Neuen Museum ist das anders. Das sind doch moderne Künstler.“

Im Schreibwerkstatt-Kreis der Evangelischen Stadtmission, in dem K. seit sechs bis sieben Jahren mitarbeitet, hat sie jetzt jedenfalls genug Stoff für ihre nächste Kurzgeschichte. Hatte sie bisher ihre Jugenderinnerungen als Prosa aufgearbeitet und Gereimtes verfasst, kann sie nun berichten, wie man sich fühlt, wenn man als angebliche Kunstschänderin im Polizeipräsidium auf seine Vernehmung warten muss.

Das alles zu überstehen, dabei habe ihr ihre rheinische Gelassenheit geholfen, ist sie überzeugt – und legt ein Postkarte mit dem „Kölschen Grundgesetz“ auf den Tisch: „Et es wie et es, et kütt wie et kütt. Et hätt noch immer jot jejange.“ Das sei ja vielleicht auch das Rezept ihres langen Lebens, sagt die in legere Sommerhose und zartrosa T-Shirt gekleidete, schlanke Rentnerin. „Wenn man sich manchmal nicht so gut fühlt, muss man ja nicht immer gleich rumknatschen.“

Körperlich hält sie sich mit regelmäßiger Gymnastik und Massage fit. Bis zum 80. Lebensjahr hatte sie in einer Nürnberger Tanzschule Steppdance praktiziert. Einmal wöchentlich trifft sie sich mit Freundinnen zum Canasta und liest täglich die Tageszeitung. „Man muss positiv denken und sich überall informieren – das hält fit.“

Im Neuen Museum sieht man den Vorfall von Mitte Juli inzwischen relativ gelassen – und würde sich wünschen, die Ermittlungen gegen die 90-Jährige würden eingestellt. Seit Ende Juli hängt das restaurierte Köpcke-Gemälde wieder in der Ausstellung. Die Restaurierungskosten bewegten sich in einem „niedrigen dreistelligen Bereich“, heißt es auf der Internetseite des Museums. Inzwischen hat sich auch Museums-Chefin Eva Kraus in einem Treffen mit Hannelore K. um eine Versöhnung bemüht.

Was die Argumentation von Hannelore K. angeht, Fluxus sei eine Art Mitmachkunst, beharrt die Museumsleitung allerdings weiterhin auf ihrem Standpunkt. Museumssprecherin Eva Martin: „Bei Fluxus wird das Publikum tatsächlich dazu aufgefordert, bei der Schaffung des Kunstwerks mitzutun. Aber irgendwann endet die Aktion.“ Sei die Performance abgeschlossen, dann dürfe auch bei Fluxus-Kunstwerken nichts mehr ergänzt werden – wie bei allen anderen Kunstwerken im Haus. „In unserer Hausordnung steht klar, dass Kunstwerke nicht beschädigt werden dürfen.“

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

12.08.2016, 06:00 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden

Newsletter-bestellen

· Samstags verschicken wir die News der Woche, unser Klassiker: Die wichtigsten Themen und Geschichten direkt im E-Mail-Postfach. So bleiben Sie auch in der Ferne immer informiert, was in und rund um Tübingen passiert.
· Werktags versenden wir um 9 Uhr die News am Morgen mit den wichtigsten aktuellen Nachrichten.
· Sonntagabend kommt unser Sport-Newsletter mit den wichtigsten Lokalsport-Berichten und Ergebnissen vom Wochenende.

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder sich neu als Benutzer registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter (nur falls Sie weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese) verwendet. Ihre Daten werden nicht an andere Unternehmen weitergegeben.
Nachrichten via Messenger
Die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region liefern wir Ihnen auch per WhatsApp & Co. aufs Smartphone. Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp bitte mit einem entsprechenden Mobilgerät.
Heute meistgelesenNeueste Artikel

Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil
Neueste Artikel
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular