Pandemie

Handstand im Schnee

Seit Monaten sitzen Zirkusfamilien in Deutschland fest, auch im Südwesten. Manchen von ihnen fehlt nun sogar Geld für Essen und einen geheizten Wohnwagen. Auch die Tiere wollen versorgt werden.

11.12.2020

Von EPD

Seit November 2019 im Winterquartier: Die Zirkusfamilie Brumbach des Zirkus „Melody“ sitzt in Weidenstetten bei Ulm fest. Foto: Annette Zöpf/epd

Stuttgart/Weidenstetten. Auch das noch. Als hätte der kleine Familienzirkus, der auf einer Wiese auf der Schwäbischen Alb in Weidenstetten gestrandet ist, nicht genug Probleme. Die Plane des Tierzelts ist eingerissen – eine Reparatur nicht mehr möglich. Karl Brumbach steht vor dem blau-rot-gelben Haufen, der einmal ein Zelt war, und erzählt vom plötzlichen Schneeeinbruch vor wenigen Tagen: „Der Schnee gab dem Zelt den Rest.“

Eine neue Plane würde zwischen 4000 bis 5000 Euro kosten, schätzt der 26-Jährige. Unbezahlbar derzeit für die Zirkusfamilie Brumbach, für die es schon eine Herausforderung ist, täglich genügend Futter für die Tiere zu beschaffen.

Diese sind nun in einem ehemaligen Kuhstall direkt neben den Wohnwagen untergebracht. Lama, Esel, Ziegen und ein Pony laufen hektisch durcheinander, das Kläffen der Hunde hallt durch den dämmrigen Raum – die Tiere scheinen sich noch nicht an ihre neue Unterkunft gewöhnt zu haben. An einer Leine im Stall hängt Wäsche zum Trocknen.

Familie soll den Platz räumen

Seit November 2019 bereits lagert der Zirkus „Melody“ mit seinen vier Wohnwagen und mehreren Anhängern für Zelt und Ausrüstung auf dem Privatgrundstück eines Bauern. Eigentlich wollte man im Februar dieses Jahres nach der Winterpause wieder auftreten – doch dann kam der Corona-Lockdown.

Auch im Sommer gab es keine Auftrittsmöglichkeit und damit auch keine Einnahm. Längst hat die Zirkusfamilie eine behördliche Aufforderung, den Platz zu räumen – aber wo soll sie hin?

Der Zirkus „Melody“ ist keine Ausnahme, sagt der Zirkuspfarrer Johannes Bräuchle aus Stuttgart: Viele Zirkusbetriebe säßen aufgrund der Pandemie-Maßnahmen fest, einige fänden nach vielen Monaten außerordentlichen Campierens schlichtweg keinen Platz mehr, auf dem sie unterkommen könnten.

Vor zwei Wochen hat Bräuchle die Familie Brumbach auf der Wiese in Weidenstetten besucht. Der Regen hatte die Wiese in Matsch verwandelt. Was er sah, erschütterte ihn: Das Geld der Grundsicherung war aufgebraucht, die Familie fror, weil sie sich das Gas nicht leisten konnte und hatte kaum etwas zu essen.

Er brachte einen Sack Kartoffeln, eine Gasflasche und eine Unterstützung aus dem Nothilfefonds der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) vorbei, sagt der Zirkuspfarrer, der in Südwestdeutschland für 7000 Schausteller und Zirkusleute zuständig ist. „Das ist eine Tragödie unverstellbaren Ausmaßes.“

Normalerweise reist er für Gottesdienste oder Taufen zu den Familien oder ab und zu auch, um bei einem Zwist zu schlichten. „Aber seit der Pandemie erlebe ich eine Not bei den Familien, die es bisher nicht gab.“

Bei der Familie Brumbach ist – auch durch seinen Einsatz – nun Besserung in Sicht: Die Artisten haben jetzt die Erlaubnis erhalten, in einem Heidenheimer Einkaufszentrum Spenden zu sammeln, die Wohnwagen sind wieder beheizt, ein von Bräuchle initiierter „Runder Tisch“ aus Diakonie, Kirche, Bürgermeister und Ordnungsamt half, Mahnungen von nicht bezahlten Kfz-Steuern, Krankenversicherungen und andere nicht gedeckten Kosten zu stunden.

Sein Ziel ist, den Zirkusfamilien zu helfen, an die Hilfen von Behörden zu kommen, berichtet Bräuchle. Oft seien die Bürokratie-Hürden einfach zu hoch, sagt er – zumal viele nicht in der Lage seien, Formulare auszufüllen, weil sie nicht lesen und schreiben könnten.

Auch Torsten Heinrich, Gesamtleiter der Circus- und Schaustellerseelsorge der EKD (Hofheim am Taunus), hat erlebt, dass Zirkusfamilien bei ihm anriefen, und sagten, dass sie nichts zu essen hätten, bis die Grundsicherung komme. „Manche schlittern da wirklich heftigst in die Katastrophe.“

Ilano Royan und seine Lebensgefährtin Teresa Brumbach sitzen mit ihren Söhnen (2 und 3) in ihrem Wohnwagen fest. „Für uns ist es schon eine Qual, mehr als eine Woche an einem Ort zu wohnen, jetzt ist es die Hölle“, sagt er.

Der 17-jährige Marlon Romano Brumbach macht einen Handstand im Schnee. Aus ihm sprudelt heraus, was er im normalen Zirkusleben alles macht: Balance auf Stühlen, Wildwest-Show, Feuerspucken, Messerwerfen. Und jetzt? Steht er um 5 Uhr morgens auf, um die Tiere zu füttern, und ansonsten sammelt er Spenden. Einige Menschen behandelten ihn sehr unfreundlich: „Für manche bin ich ein Stück Dreck.“

Judith Kubitscheck, epd

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Erstellt:
11. Dezember 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
11. Dezember 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 11. Dezember 2020, 06:00 Uhr

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