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Hagelreparatur mit sanftem Druck
Manfred Grosch drückt Dellen aus verhagelten Fahrzeugen. Das ist eine Wissenschaft für sich. Foto: Peter Ilg
Wenn das Auto Dellen hat, ist der Fachmann gefragt

Hagelreparatur mit sanftem Druck

Das Herausdrücken von Dellen durch Hagelschäden ist die sanfte Art der Reparatur. Sie geht schnell und ist günstig. Doch dahinter steckt viel Knowhow.

08.08.2016
  • PETER ILG

Schwäbisch Gmünd. Licht macht Hagelschäden an Autos sichtbar. Manfred Grosch, 50, steht auf der einen Seite eines fast neuen 1-er BMW. Gegenüber und etwas höher leuchtet ihm eine helle Neonröhre entgegen. Er geht leicht in die Knie, um die reflektierende Leuchte auf dem Autodach zu sehen. „Bei einem glatten Blech spiegelt sich die Röhre als Gerade. Ist eine Delle drin, verformt sie sich“, berichtet der Fachmann.

Grosch macht einen kleinen Schritt nach vorne, rückt Zentimeter nach rechts, wechselt ein kleines Stück nach links. Seine Position verändert er hunderte Mal und jedes Mal, wenn die Gerade gebrochen wird, markiert er mit einem schwarzen Stift auf dem weißen Autodach einen tiefen Punkt. Am Ende sieht der BMW aus, als wäre er rundum gemustert. Gut 1000 Kreuze zeichnet Grosch auf Motorhaube, Kotflügel, Dach und Heckklappe. So oft haben Hagelkörner Dellen in das Blech geschlagen. Der Schaden liegt bei diesem Fall bei rund 4500 EUR , den übernimmt die Versicherung des Auto-Besitzers. Das ist gleichzeitig der Lohn für die Arbeit von Grosch. Der Mann ist Dellendrücker.

Grosch arbeitet gern mit Autos: Schon bald nach seiner Lehre zum KfZ-Mechaniker beschäftigte er sich mit deren äußeren Schäden. Berufsbegleitend machte er den Meister und übernahm in seinem Ausbildungsbetrieb, einem großen Autohaus in Aalen, die Leitung der Lackiererei und des Karosseriebaus. Ausbeulen, spachteln, lackieren: so wurden bis Mitte der 1990er Jahre Hagelschäden repariert.

Dann gaben die Autohersteller ihr Wissen um die sanfte Reparatur durch Dellen-Drücken preis. „Bei den Herstellern wurde schon immer gedrückt, etwa Dellen vom Pressen oder die bei der Montage entstanden sind“, sagt Grosch. Goldflaschner werden die Leute genannt, weil sie ein goldenes Händchen für ihre Arbeit brauchen und den Firmen viel Geld einsparen. Drücken ist wesentlich günstiger als die konventionelle Reparatur und sie geht deutlich schneller: zehn Dellen drücken geübte Leute in zwanzig Minuten weg.

Grosch nahm an der Vorführung eines Goldflaschners von Daimler teil, der sich als Dellendrücker selbständig gemacht hatte und war fasziniert. „Das ist der richtige Weg, weil es neben all den anderen Vorteilen keine Farbunterschiede durch das Lackieren gibt.“ Zudem ist es umweltschonend, denn es wird weder Material verbraucht noch Lösemittel für die Farben.

Drei Wochen ging Grosch bei dem Selbständigen in die Lehre. Daraufhin drückte er nach Feierabend zur Übung und unentgeltlich Parkdellen aus Gebrauchtfahrzeugen bei seinem Arbeitgeber heraus. Dellendrücker arbeiten mit Hebeln. Das sind Stäbe aus Stahl oder Aluminium. Lang, kurz, dick oder dünn. An der Spitze sind die Hebel gebogen. Leicht oder stark, mit breitem oder schmalem Maul. Eine Motorhaube oder ein Dach besteht aus zwei aufeinander geklebten Blechschichten. Dazwischen fährt er mit seinen Werkzeugen zu den Dellen hin.

Das Licht zeigt ihm den Punkt oben. Auf der gegenüberliegenden Seite muss er exakt diese Stelle blind finden. Dann drückt er den Hebel sanft nach unten gegen die untere Blechschicht. Manchmal reicht zwei, dreimal. In anderen Fällen drückt er zehnmal, bis sich die Neonröhre in einer Geraden spiegelt. Bei Blechdicken von wenigen 0,65 Millimetern und einem Zehntel Millimeter Lackschicht setzt die Arbeit feinste Motorik beim Menschen voraus.

Außerdem braucht man ein geschultes Auge, um die Dellen überhaupt zu sehen. „Ich habe mehrere Jahre geübt, bis ich die Technik beherrschte und den Mut hatte, mich selbständig zu machen.“ 1997 hat er seine Firma Blechrepair in Brainkofen, einem Ort in der Nähe von Schwäbisch Gmünd gegründet.

Der Standort ist gut gewählt. Baden-Württemberg hat das höchste Hagelpotenzial Deutschlands, fanden Forscher des Instituts für Meteorologie und Klimaforschung der Universität Karlsruhe heraus. Hagel entsteht, wenn heiße und kalte Luftmassen in der Atmosphäre zusammenstoßen. Das wird in Zukunft noch öfter passieren als heute, sagen die Klimaforscher.

In Deutschland ist vor allem im Sommer Hagelsaison. In Australien ist sie schon wieder vorbei. Dort war Grosch im März. „Während weniger Minuten hat es in Sydney 60 000 bis 70 000 Autos verhagelt.“ Grosch arbeitete für einen befreundeten Kollegen. Man hilft sich, weil es vieler Drücker bedarf, um Massen von Fahrzeugen zu reparieren. Deshalb kam er schon viel in der Welt herum.

Für seine Arbeit braucht er Licht und einen Koffer unterschiedlicher Hebelwerkzeuge. Das lässt sich leicht transportieren. Für gewerbliche Kunden drückt er vor Ort die Dellen aus den Fahrzeugen, Privatpersonen kommen in seine Werkstatt.

Am BMW drückt er etwa eine Woche. Zehntausendmal. Die meisten würden verzweifeln. Grosch aber sagt: „Ich mag meine Arbeit, weil sie abwechslungsreich ist.“ Jede Delle sei ein Individuum und als solche zu behandeln. Schwierig ist für ihn allein die Körperhaltung. Rückenschonend ist sie nicht.

Viele schwarze Schafe

Branche Nicht jeder Dellendrücker versteht sein Handwerk: „Leider gibt es massenhaft schwarze Schafe, die es nicht wirklich können“, beklagt Josef Critelli, Vizevorstand des Bundesverbands Ausbeultechnik und Hagelinstandsetzung, Berlin. Viele Quereinsteiger drücken nach kurzer Einweisung mehr schlecht als recht Dellen. Wie es richtig geht, lernen Karosseriebauer in ihrer Ausbildung. Critelli schätzt die Anzahl deutscher Dellendrücker auf Tausende. Der Verband zertifiziert Dellendrücker in Kursen. „Das Zertifikat trennt Könner von Pfuschern.“ Zu den Schlechten kommen die Drücker aus osteuropäischen Billiglohnländern. „Gemeinsam fallen sie über Hagelregionen her und dienen sich dann den Privatleuten, Autohäusern, Karosseriebetrieben zu Dumpingpreisen ohne Gewährleistung an“, sagt Critelli. „Und neun von zehn Privatkunden sehen nicht, ob die Arbeit gut war, weil das nur ein geübtes Auge, unterstützt von Licht und Kontrast kann.“⇥ilg

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08.08.2016, 06:00 Uhr
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