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Händel im Boxring
Nicht alle sind sie fröhlich nach dem Kampf. Das tolle, bejubelte „Ariodante“-Team der Oper Stuttgart: (von links) Josefin Feiler (Dalinda), Sebastian Kohlhepp (Lurcanio), Diana Haller (Ariodante), Matthew Brook (König), Philipp Nicklaus (Odoardo). Und am Boden liegt Ana Durlovski (Ginevra),. Foto: Christoph Kalscheuer
Oper

Händel im Boxring

Jossi Wieler und Sergio Morabito inszenieren „Ariodante“ in Stuttgart als theatralischen Kampf. Musikalischen Hochleistungssport betreiben die tollen Sänger. Großer Jubel.

07.03.2017
  • JÜRGEN KANOLD

Stuttgart. Wie Boxer marschieren sie in die vernebelte Arena ein, die Kapuzen der Trainingsmäntel über die Köpfe gezogen. Eine Gladiatoren-Show. Nur dass nicht „Conquest Of Paradise“ von Vangelis als Einzugslied ertönt. Oder „Eye Of The Tiger“, wie sie es droben in Möhringen im Musical „Rocky“ laut aufputschend taten. In der Stuttgarter Oper erklingt Händel, fast 300 Jahre alte Barockmusik, die Ouvertüre zu „Ariodante“. Der Fight geht dann über fast vier Stunden – bis zu einem Happy End. Der Sieger? Mit Wirkungstreffern das Publikum.

Es geht in dieser Oper natürlich nicht um den Weltmeistergürtel im Superschwergewicht, sondern zum Beispiel um das Leben der Königstochter Ginevra. Die Spielregel heißt „Schottisches Gesetz“: Eine Frau mit vor- oder außerehelichem Sex muss sterben – außer ein Mann tritt auf, der bereit ist, für ihre Ehre zu kämpfen. Und siegen muss er natürlich gegen den Ankläger, damit die Frau freikommt.

Das ist ungefähr die Story von „Ariodante“. In diesem Falle benutzt Polinesso die ihm hörige Delinda, auf dass sie sich verkleide wie Ginevra, um deren Geliebten Ariodante eifersüchtig zu machen – der sich dann auch umbringen will. Weshalb sein ebenso getäuschter Bruder Lurcanio diese Ginevra der öffentlichen Untreue bezichtigt. Kompliziert? Vielleicht schon. Was aber klar ist: Hier geht es nicht um das Drama von Persönlichkeiten, sondern um menschliche Affekte, Leidenschaften, um Liebe und Machtgier. Und im Zeitalter Georg Friedrich Händels ging es in der Oper auch um rivalisierende Sängerstars, die beim Publikum um Aufmerksamkeit, ja: kämpften.

So ist das eine überzeugende Idee des Regie-Duos Jossi Wieler und Sergio Morabito, diese Oper eben gleich in einer Arena auszutragen, auf einem theatralischen Kampfplatz (Bühne: Nina von Mechow). Es ist ein Theater auf dem Theater über Triumphe und Niederlagen, mit allen Intrigen und Maskeraden, und gerne ein im Brecht'schen Sinne sportliches. Die Protagonisten zeigen sich und kämpfen gegeneinander, bis zur Erschöpfung. Auf der Scheinwerferbrücke steht: „Never give up!“ Am Ende wird sogar ein Boxring aufgebaut für eine Wrestling-Szene. Alles ist ein Spiel – natürlich, wir sind in der Oper, das machen Wieler/Morabito deutlich. Aber ihre Darsteller-Darsteller vergessen das zuweilen: in ganz großen Szenen menschlicher Leidenschaft, erzählt in der Musik.

Um beim Sport zu bleiben: Meisterlich tritt das Stuttgarter Ensemble auf. Unfassbar, wie Diana Haller als Ariodante die Koloraturen herausschleudert. Minutenlange Kettenreaktionen der Liebe, der Wut, der Verzweiflung. Ana Durlovski ist nicht weniger virtuos die emotional verschattete Ginevra: das eigentliche Opfer, das noch geschlagen im Boxring liegt, wenn die anderen ihre Barockkostüme angezogen haben und tänzeln, als beginne jetzt erst der eigentliche Opernspaß. Ob Matthew Brook als König, Josefin Feiler als Dalinda, Sebastian Kohlhepp als Lurcanio und Philipp Nicklaus als Odoardo: Sie gehören zu einem Spitzenteam. Herausragend vielleicht Christophe Dumaux als Polinesso: nun wirklich ein akrobatischer Darsteller mit einem faszinierend kraftvollen Countertenor.

Giuliano Carella und das Staatsorchester werfen nicht einfach nur die Händel-Maschine an und rattern die Dacapo-Arien tempogeladen runter – oder markieren lautmalerisch und klangfarbenreich barocke Gefühle. In mehr als drei Stunden reiner Spielzeit muss man schon mehr bieten: Das gelingt mit perfekter Orchestersprache, in hundertfachen musikalischen Nuancen, in muntermachender Dynamik.

Und was liest eigentlich Polinesso zu den kleinen Tanzsuiten vor, die jeweils die Akte beschließen? Frauen- und Theaterfeindliches von Jean-Jacques Rousseau. So schnell entlassen Wieler/Morabito die Zuschauer nicht in die Unterhaltung. Sie haben sich noch eine Menge Gedanken gemacht übers Stück, ziehen eine intellektuelle Ebene in den Theatersport ein. Ludovico Ariosto nämlich, der mit seinem Ritterroman „Orlando furiosio“ von 1516 die Vorlage zu „Ariodante“ verfasste, war quasi Feminist und gegen das „Schottische Gesetz“, er fragte sich, weshalb man das Weib für etwas abstrafe, „was unsereins, so oft er Lust hat, treibt“?

Schon in Händels Oper geht's aber wieder gegen die Frau, und Rousseau zog 1758 als Naturphilosoph, der zum Sittenwächter mutiert, böse gegen Frauen, die Schauspielerei und das Theater vom Leder. Müsse man darüber streiten, „dass eine Frau, die sich für Geld zur Schau stellt, sich nicht auch bald für Geld zur Verfügung stellt und sich nicht versuchen lässt, das Verlangen, das sie mit so viel Mühe erregt, auch zu befriedigen?“

Aber in „Ariodante“ singt ausgerechnet eine Frau den Titelhelden und ein Mann mit Frauenstimme den Polinesso. Nur mit der Vernunft könne man die Leidenschaft läutern, sagte Rousseau. Auf dem Theater aber habe die Vernunft gar keine Wirkung. Die Stuttgarter „Ariodante“ ist herrlich unvernünftig theatralisch. Und durchtrieben schlau.

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07.03.2017, 06:00 Uhr
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