Absoluter Ausnahmezustand

HWK warnt vor Dachhaien und gibt Betrieben Ratschläge

Dachdeckerbetriebe in der Region sind seit dem Hagel vor knapp zwei Wochen völlig überlastet. Und als hätten sie mit all den Reparaturen nicht schon genug zu tun, ist auch eine Menge Papierkram zu erledigen. Und auf vieles zu achten.

08.08.2013

Von SABINE LOHR

Tübingen. Beim Tübinger Dachdeckerbetrieb Peetz geht nur noch der Anrufbeantworter ans Telefon. Eine freundliche Frau bittet um Verständnis, dafür, dass das Telefon nur stundenweise besetzt sei. „Die Aufarbeitung von über 700 Hagelschäden nimmt sehr viel Zeit in Anspruch“, sagt sie. Wer ein dringendes Anliegen habe, solle doch bitte persönlich vorbeikommen. Denn die Firma befinde sich in einem „absoluten Ausnahmezustand“.

Zuerst mussten die losen Ziegel runter, dann kam eine Plane drauf. Und dann ging’s zum nächsten Haus. Wie in Wankheim waren überall in der Region Dachdeckerbetriebe seit dem Hagelsturm stark nachgefragt.

Das geht nicht nur der Firma Peetz so: „Vor allem die Dachdeckerbetriebe sind am Anschlag“, sagt Rüdiger Strobel, Geschäftsführer der Handwerkskammer Reutlingen. So sehr, dass sich mancher Betrieb Mitarbeiter ausleiht, die bei der Reparatur der vom Hagel zerstörten Dächer helfen. Die Handwerkskammer hat deshalb jetzt alle Bau- und Ausbau-Betriebe angeschrieben und sie darüber aufgeklärt, was bei so genannten „Arbeitnehmerüberlassungen „ zu beachten ist.

Grund zu schreiben hatte die Kammer ohnehin. Denn vor allem die Dachdeckerbetriebe haben bei all der ohnehin sintflutartigen Auftragswelle noch einen Packen Zusatzarbeit bekommen. Sie müssen nämlich eine Menge Kostenvoranschläge machen.

Für jedes Dach zwei Kostenvoranschläge

Die Versicherungen verlangen mindestens zwei solcher Vorschläge pro Schadensfall, einen für den tatsächlich entstandenen schaden und einen für die Differenz zwischen diesem Schaden und der energetischen Sanierung. „Wer einen Kostenvoranschlag schreibt, bekommt noch nicht mal unbedingt den Auftrag“, sagt Strobel. Er rät den Betrieben deshalb, wenigstens eine Bearbeitungsgebühr zu verlangen, und zwar pauschal zwischen 50 und 250 Euro – je nach Handwerk, Umfang und Schwierigkeitsgrad.

Absichern müssen sich die Betriebe auch, weil ungedämmte Dächer bei der Reparatur laut Gesetz gleich auch energetisch saniert werden müssten. Doch nicht jeder Hausbesitzer ist willens oder finanziell in der Lage, jetzt viel Geld in sein Hausdach zu stecken. „Die Betriebe sollen sich aber unterschreiben lassen, dass sie den Hausbesitzer darauf hingewiesen haben“, sagt Strobel und hat seinen Mitgliedern gleich ein Formblatt mitgeschickt. In dem muss der Hausbesitzer unterschreiben, dass er die Sanierung selbst vornimmt oder sie veranlasst. Ein Zeitraum ist allerdings nicht genannt.

Die prekäre Lage der überlasteten Dachdeckerbetriebe lockt auch die so genannten Dachhaie in die Region. „Es sind vermehrt Leute unterwegs, die anbieten, ein Dach schnell zu richten“, sagt Strobel. Und warnt sogleich Hausbesitzer davor, solche Leute auf ihr Dach zu lassen. „Die verlangen völlig überzogene Preise und machen dann nichts“, so Strobel. Die Versicherungen jedoch erstatten lediglich die ortsüblichen Preise. „Da bleibt der Hausbesitzer schnell mal auf 200 00 Euro sitzen“, warnt der Handwerkskammer-Geschäftsführer.

Geld wird erst nach getaner Arbeit verlangt

Als Indiz für einen seriösen Dachdeckerbetrieb nennt Strobel die Vorgehensweise: „Da wird das Dach erstmal nur notdürftig mit Folie abgedeckt und nicht gleich repariert. Außerdem wird nicht sofort Geld verlangt, sondern erst, wenn die Arbeit auch tatsächlich erledigt ist.“

„Dieses Jahr kriegt man das im Leben nicht hin“, sagt Martina Fritz von der Tübinger Glaserei Fritz. Etwa 100 Fenster haben ihr Mann und die vier Mitarbeiter inzwischen gerichtet, aber immer noch liegt „ein ganzer Berg Auftragszettel“ auf dem Tisch. So viele Anrufe seien nach dem Hagel gekommen, dass das Telefon nicht mehr richtig funktioniert habe. Die etwa vier Zentimer dicken Hagelbrocken haben vor allem einfache Fenster mit Drei-Millimeter-Glas zerschlagen. „Isolierglas ging fast nirgends zu Bruch“, sagt Fritz. Die dünnen Scheiben werden nun in der Regel wieder durch ebenso dünne ersetzt. „Es zieht sich aber noch, wir müssen viel Glas bestellen.“ An die Reparatur von Rollläden jedenfalls sei bisher nicht zu denken: „Wann die fertig werden, ist noch völlig fraglich.“ Beschuss aus der Superzelle: Unwetter hat Region Neckar-Alb geprägt - Abstimmung über Hagelflieger 28.07.2014 Immer noch viele Notdächer: Vor einem Jahr richtete der Hagelsturm Millionenschäden an 28.07.2014 Kommentar: Hagelflieger braucht noch Geld vom Kreis 28.07.2014 Boom für Dellendoktoren: Versicherer: 690 Millionen Euro Reparaturaufwand wegen Hagelschäden 12.08.2013 Absoluter Ausnahmezustand: HWK warnt vor Dachhaien und gibt Betrieben Ratschläge 08.08.2013 Dellensuche mit Hagelsegel: Versicherungen bieten derzeit Sammelbesichtigung für Fahrzeuge an 08.08.2013 Stuttgart : Nils Schmid: Finanzämter sollen Hagelopfern helfen 07.08.2013 Der Stress nach dem Hagel: Versicherer kommen mit den Schadensaufnahmen kaum nach 06.08.2013 Eine Woche für Helden und solche, die gar keine sein wollen: Einsätze mit übergroßem Einsatz 05.08.2013 Tübinger erzählen von ihren Schäden durch das Unwetter: Seit Mittwoch standen die Autos beim Häckselplatz in Weilheim Schlange 05.08.2013 Mössingen/Tübingen: Unwetter hat wohl Tausende Vögel getötet 31.07.2013 Hagelschäden: Land prüft Hilfen: Landwirtschaft und Gärtnereien massiv betroffen 31.07.2013 Alexander Bonde will die Rücklagenbildung erleichtern: Landwirtschaftsminister macht sich bei Wannweiler Gärtnerei Hespeler ein Bild von den Hagelschäden 30.07.2013 Gärtner befreien Bergfriedhof von dicker Blätterschicht: Der Hagel hat die Gräber unter Laub begraben 30.07.2013 Retten, was zu retten ist: Nach dem Hagel freuen sich die Gärtner im Kreis über solidarische Kollegen und Kunden 30.07.2013 Tübingen: In den Straßen blieb es dunkel 30.07.2013 Fenster nur noch Gerippe: Evangelische Kirche wegen schwerer Hagelschäden geschlossen 30.07.2013 Versicherung: Alle Schäden dokumentieren 30.07.2013 Bild der Verwüstung: Hagelsturm richtet enorme Schäden an Gebäuden und Autos an 30.07.2013 Hagelsturm kostet Millionen: Schwerstes Unwetter im Land seit 2006 30.07.2013 Dem Erdboden gleich: Landwirte, Gärtner und Obstbauern haben vielerorts ihre Ernte verloren / Lagerhallen und Gewächshäuser zerstört 29.07.2013 Im Dauereinsatz: Feuerwehren als Helfer in der Hagelnot 29.07.2013 Erste Bilanz des Hagelsturms: Enorme Schäden überall: Zwei Arbeiter in Rottenburg wurden schwer verletzt / 100 Millionen Euro Unwetterschäden im Südwesten 29.07.2013 Nach dem Hagel folgt das Aufräumen: Schäden in Rottenburg sind noch nicht zu überblicken / Lange Schlangen vor den Versicherungsbüros 29.07.2013 Telefone stehen nicht still: Handwerksbetriebe holen Mitarbeiter aus dem Urlaub und Helfer von weit her 29.07.2013 Schäden an Schulen: Viele „Erste Hilfe“-Aktionen schon am Sonntag 29.07.2013 Schwere Schäden nach dem Unwetter: Viele Scherben in Gomaringen, Nehren und Dußlingen / Mössingen, Bodelshausen und Ofterdingen kommen glimpflich davon 29.07.2013 Hagel traf Härten mit am härtesten: In Jettenburg wurden die meisten Häuser beschädigt / Kirchentellinsfurter durch Hagelkorn bewusstlos 29.07.2013 Fast jedes Haus: Der Hagelsturm traf auch Wannweil schwer 29.07.2013 Fahrt in die Unwetterfront: Sonntag vom Entringer Freibad ins Steinlachtal, an der Wand entlang 29.07.2013 Mit Schneepflug durchs Laub: Enorme Schäden in Reutlingen: Etwa 80 Prozent der Gebäude sollen betroffen sein 29.07.2013 Aus Hagel wurde Grüngut: Viele stehen vor Blätter- und Scherbenhaufen - Wohin damit? 29.07.2013 Kommentar Hagelschaden: Nach dem Hagel ist dauernd belegt 29.07.2013 Werkstätten sind ausgebucht: Tagelanges Warten auf die neue Scheibe – Kein Durchkommen bei Versicherungen 29.07.2013 Viele Platzwunden nach dem Hagelsturm: Großer Andrang in den Notfallambulanzen 29.07.2013 Rottenburg: Absturz beim Flicken des Hagelschadens: Zwei Arbeiter schwer verletzt 29.07.2013 Stuttgart : Versicherung schätzt Unwetterschäden auf 100 Millionen Euro 29.07.2013 Wieder Unwetterwarnung für den Kreis Tübingen: Heftiger Starkregen bis Montagabend / Landrat verspricht Hilfe bei Abfallentsorgung 29.07.2013 Tübingen : Landrat Walters Dienstauto «unter Beschuss» 29.07.2013 Eine Menge ging zu Bruch: Hagel richtet in Rottenburg schwere Schäden an / Jazz Open Air abgebrochen 28.07.2013 Hagelsturm trifft die Stadt voll: Schaden geht in die Millionen / Feuerwehr und THW mit über 600 Mann im Einsatz 28.07.2013 Hagelsturm verwüstet Region: Große Schäden durch zerstörte Dächer und Fenster / Krisenstab in Tübingen und Reutlingen 28.07.2013 Polizei, Feuerwehr, THW und DRK im Dauereinsatz: Hagelsturm bringt Überschwemmungen, Stromausfälle, volle Keller, zerstörte Fenster, demolierte Autos, ... 28.07.2013

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Erstellt:
8. August 2013, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
8. August 2013, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 8. August 2013, 12:00 Uhr

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