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Prozess am Landgericht: Polizisten waren wohl kaum zu sehen und zu hören

Gutachter entlastet Ergenzinger Haschisch-Dealer, der in Stuttgart einen MEK-Beamten überfahren hatte

Die Einkaufsfahrt eines 21-jährigen Ergenzinger Haschisch-Dealers nach Stuttgart endete am 11. März dieses Jahres in einer Katastrophe. Der Mann überfuhr einen Polizisten, fünf Schüsse fielen. Der Dealer wird jetzt am Tübinger Landgericht wegen versuchten Mordes angeklagt.

06.10.2015
  • Fred Keicher

Tübingen. Zu Beginn der drei Verhandlungstage in der vergangenen Woche sagte der schwerverletzte Polizist aus. Wie seine Kollegen des Mobilen Einsatzkommandos trat er unter einer Tarnnummer auf. Von seinen schweren Verletzungen (unter anderem ein Beckenbruch) habe er sich wieder erholt, berichtete er. Er sei wieder im Dienst, sei aber noch nicht einsatzfähig.

Als er an jenem März-Abend auf den Hyundai der Dealer zu lief, scherte der Angeklagte nach links aus, um durch eine Lücke der zivilen Einsatzfahrzeuge zu entkommen. Er fuhr dem Beamten mit dem linken Vorderrad über den linken Fuß. Der Polizist wurde danach unter den Hyundai gezogen. „Es waren massive Schmerzen. Es ist alles sehr schnell gegangen. Ich weiß nicht, wie ich unter das Auto geraten bin.“

Der Vorsitzende Richter hatte Spielzeugautos besorgt, um die Festnahme auf der Hauptstätter Straße in Stuttgart nachzustellen. Ein Vorgang, der wohl nicht einmal eine Minute gedauert hat. Der Nebenklagevertreter ging von nur zehn Sekunden aus. Minutiös versuchte das Gericht herauszufinden, wer wo stand, wer was beobachtete und wie reagierte.

Der Verteidiger fragte beharrlich nach der Erkennbarkeit der Polizisten, ob sie Sturmmasken getragen hatten, ob auf ihrer Zivilkleidung ein Schriftzug „Polizei“ zu erkennen gewesen sei, ob sie sich durch Rufe als Polizisten zu erkennen gaben. Polizeitypisch sei schon die Haltung wie mit der Schusswaffe gedroht werde, meinte ein vorgesetzter MEK-Beamte, der allerdings nicht vor Ort war. Da musste der Verteidiger schmunzeln: „Das ist doch sehr Tatort-typisch gedacht.“

Neun MEK-Beamte, die am 11. März dabei waren, hatte das Gericht geladen. Wie viele überhaupt beteiligt waren, wusste das Gericht nicht. „Da hat jemand, den wir nicht kennen, für uns entschieden, was wichtig ist“, kommentierte der Richter.

Lange geisterte der Polizist mit der Nummer 312 durch die Aussagen. Vielleicht sogar eine Frau. Tatsächlich erschien am Donnerstag die Beamtin 312 vor Gericht. Nie werde sie die Schmerzensschreie des Verletzten vergessen und das Gesicht des Kollegen, der versuchte, den Hyundai hochzuheben: „Ich konnte jede Ader in seinem Gesicht sehen, sie waren bis zum Platzen gespannt.

Hörbar bewegt machten die Beamten ihre Aussagen. Mehrere kämpften mit den Tränen. Nummer 307 hatte die Aufgabe, den Angeklagten aus dem Auto zu holen, berichtete er. Als dieser wieder anfuhr, schoss Nummer 307 vier Mal – und traf drei Mal. Daraufhin versuchte der Angeklagte über die Beifahrerseite aus dem Auto zu krabbeln. 307 ging um den Hyundai herum und gab dem Angeklagten einen Faustschlag ins Gesicht. In den Akten stand davon nichts.

Polizist 340 war auf der Beifahrerseite des Hyundai, den er mit einem Schuss in den rechten Vorderreifen stoppte. Er sagte aus, dass er die vier Schüsse seines Kollegen gar nicht gehört habe.

Den Zugriff habe erst mitbekommen, als er in Handschellen am Boden lag, sagte der 24-jährige Beifahrer des Angeklagten aus. Man habe laut Musik gehört, er sei mit dem Handy beschäftigt gewesen, außerdem ziemlich high – wie eigentlich immer in dem Jahr vor der Verhaftung.

Die Antworten des Beifahrers bestanden hauptsächlich aus zwei Wörtern: „Weiß nicht.“ Auch dann, als ihn der psychiatrische Sachverständige fragte, warum er eine Therapie anstrebe. Als der Psychiater auf einer Antwort bestand, sagte er endlich: „Wegen dem Suchtdruck.“ Was das denn sei, fragte der Psychiater. „Des isch, wenn du dr ganze Tag dran denksch, wie’s isch, wenn’s wär.“

Überraschend war dann das Gutachten des Kraftfahrzeug-Ingenieurs Matthias Fischer. Bei den Lichtverhältnissen habe man von den Polizisten nur die Konturen wahrnehmen können. Die Zugriffsstelle liege in einem Bereich, in dem es keine Straßenbeleuchtung gibt. Das Licht reiche da nicht aus, um ein Gesicht erkennen zu können. Auch die Autoscheinwerfer helfen da nicht.

Noch überraschender waren Fischers Ausführungen, ob die Rufe der Polizisten innen im Auto drin zu hören gewesen seien – bei lautstarker Musik. Der Gutachter hatte sich einen baugleichen Hyundai besorgt, der sogar in der gleichen türkischen Fabrik wie das Tatfahrzeug zusammengebaut worden war.

Die Versuchsreihe spielte Fischer dem Gericht vor. Selbst ohne Musik sind die Polizistenrufe im Innern kaum zu hören, oberhalb der Zimmerlautstärke ist es unmöglich. „Da müssen Sie aber dringend mal das MEK beraten“, rief ein Verfahrensbeteiligter.

Der Prozess wird am Donnerstag mit weiteren Gutachten und den Plädoyers fortgesetzt. Am Freitag wird das Urteil erwartet.

Info: Vorsitzender Richter Ulrich Polachowski, Beisitzer Anke Droege und Christof Sandberger, Schöffen Wolfgang Mekle und Manfred Hädinger. Staatsanwalt Nicolaus Wegele. Nebenklagevertreter Stefan Holoch. Verteidiger Thilo Bohr. Gutachter Manfred Fischer, Frank Wehner und Peter Winckler.

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06.10.2015, 12:00 Uhr
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