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Unternehmen

Gut im Griff

Fast jeder hat den berühmten Klemmhebel aus dem Hause Kipp schon einmal in der Hand gehabt. Hergestellt wird das Markenzeichen des Unternehmens seit über 60 Jahren am Stammsitz des Werks im Sulzer Ortsteil Holzhausen. Mittlerweile umfasst der Katalog außer dem Klemmhebel über 18 500 verschiedene Produktvarianten.

10.02.2014

Von TEXT: Cristina Priotto | FOTOs: Unternehmen

Rasant vergrößert hat sich auch die 2005 ausgegliederte Tochterfirma Kipp Car Comfort Systems – von anfangs sechs auf mittlerweile 125 Mitarbeiter. Um ein solches Wachstum zu ermöglichen, hat der Betrieb erst vergangenes Jahr fast zehn Millionen Euro in Umbau und Erweiterung seiner zwei Sulzer Standorte investiert.

Besonders groß sind die Produkte nicht, die täglich zu Tausenden das Heinrich Kipp Werk verlassen – die meisten der rund 18 500 unterschiedlichen mechanischen Elemente kann man in die Hand nehmen. Genau das ist aber der entscheidende Punkt: Die Bedienteile und Normelemente können praktisch überall eingesetzt werden – als Klemm- und Spannhebel, Griffe und Knöpfe, Handräder oder Drehriegel, um nur eine kleine Auswahl zu nennen. Ob bei Maschinen, Anlagen, im Vorrichtungsbau oder bei Sportgeräten – in allen Industriebereichen haben Kipp-Erzeugnisse Einzug gehalten.

Den Grundstein für das Unternehmen legte Christian Kipp vor 95 Jahren mit der Gründung einer kleinen mechanischen Werkstatt in der Ortsmitte. Schon in den 1920er-Jahren landete der findige Tüftler einen echten Coup: Die Spätzlemaschine erleichterte vielen Hausfrauen die Herstellung des schwäbischen Nationalgerichts und genießt bis heute Kult-Charakter. „Selbst im Ausland weckt die Erwähnung dieses Küchengeräts bei älteren Kunden nostalgische Erinnerungen“, weiß Andreas Roth, der seit drei Jahren bei Kipp die Marketing-Abteilung leitet.

Der Tradition und der wegweisenden Ideen seines Großvaters ist sich auch Firmenchef Heinrich Kipp bewusst. Der 69-jährige Leiter des Unternehmens lässt die hauseigenen Entwickler jedoch ständig innovative neue Produkte erschaffen. Den vor 62 Jahren entwickelten Klemmhebel gibt es mittlerweile in 2000 unterschiedlichen Ausführungen, und die Produktvielfalt scheint keine Grenzen zu kennen. Der aktuelle Katalog nur für Bedienteile und Normelemente ist mit über 900 Seiten ein ordentlicher Wälzer und existiert in einem Dutzend verschiedener Sprachen, darunter auch Koreanisch. Denn die in Holzhausen gefertigten Produkte werden vom Ortsrand der idyllischen 1000-Einwohner-Gemeinde in die ganze Welt verschickt. Die Hauptabnehmer sitzen in Deutschland und anderen Ländern Europas, doch seit das Heinrich Kipp Werk vor zwei Jahren den Internet-Auftritt um einen Online-Shop erweitert hat, erreichen Anfragen von rund um den Globus das Werk.

Um der gewachsenen Nachfrage und dem Wunsch der Kunden nach schneller Lieferung gerecht zu werden, musste das Unternehmen kräftig in den Stammsitz investieren: Sieben Millionen Euro wurden vergangenes Jahr in die Automatisierung des Logistikzentrums, die Vergrößerung des Hochregallagers und in neue Montagelinien gesteckt. Da das automatisierte Lager während des Umbaus weitgehend abgeschaltet werden musste, die Produktion aber so weit wie möglich weiterlaufen sollte, heuerte das Heinrich Kipp Werk interimsweise Zusatzkräfte an. „Selbst halbautomatisiert bedeutet, dass wir immer noch Menschen brauchen, die die Maschinen bedienen“, stellt Firmeninhaber Heinrich Kipp klar. Die meisten Teile werden nach wie vor von Hand montiert. Mehr Automatisierung und mehr Mitarbeiter – beim größten Arbeitgeber in Sulz bedingt sich dies gegenseitig: Nach dem Umbau sind im gesamten Unternehmen sogar 25 Beschäftigte hinzugekommen, womit die Zahl der Angestellten im Heinrich Kipp Werk auf 302 stieg.

Je komplexer die Technik wird, desto wichtiger werden qualifizierte Arbeitskräfte. Vom Fachkräftemangel spürt das Heinrich Kipp Werk bislang noch wenig – was aber auch daran liegt, dass das Unternehmen sehr viel Energie in die Ausbildung neuer Mitarbeiter steckt: Zurzeit lernen 28 junge Leute im gewerblichen, kaufmännischen oder technischen Bereich oder verbringen als Studenten einer Dualen Hochschule die Praxisphasen in dem Holzhauser Betrieb oder in dessen Auslands-Niederlassungen. Bis Ende des Jahres werden nochmals sieben weitere Auszubildende dazukommen. „Wir kriegen die Leute, die wir brauchen, weil wir gezielt für unsere Bedürfnisse ausbilden und dann aus dem internen Potenzial schöpfen können“, unterstreicht Firmenchef Heinrich Kipp die Bedeutung von Ausbildungsplätzen für die Zukunftssicherung einer Firma. Die Plätze bei dem Traditionsunternehmen sind begehrt, schließlich wissen die Bewerber, dass sie nach erfolgreichem Abschluss der Lehre sehr gute Chancen auf eine Übernahme haben.

Erste Kontakte mit dem Heinrich Kipp Werk knüpfen viele Einheimische schon im Kindesalter, denn der größte Arbeitgeber der Stadt Sulz ist auch der wichtigste Unterstützer des FC Holzhausen, den Heinrich Kipp sen. im Jahr 1933 mitbegründete. Der Vater des heutigen Firmeninhabers kickte ebenso in dem Fußballverein wie sein Sohn Heinrich Kipp jun., der von 1996 bis 2007 Vorsitzender des FC Holzhausen war. Auch der Enkel des Firmengründers, Nicolas, jagte eine Zeit lang dem runden Leder für den Holzhauser Club hinterher, seit 2010 gehört Nicolas Kipp dem Vereins-Vorstand an. Auf diese Verwurzelung legt Heinrich Kipp großen Wert: „Ich finde es wichtig, dass wir hier am Ort einen Verein haben, in dem Kinder und Jugendliche Sport treiben können“, sagt der 69-jährige ehemalige Fußballspieler, der auch den Bau des FC-Clubheims und des Holzhauser Stadions mitfinanziert hat.

Das Bekenntnis zum Standort in der Region geht so weit, dass es vor neun Jahren eine Selbstverständlichkeit war, beim Einstieg in die Automotive-Branche die Tochterfirma Kipp Car Comfort Systems (CCS) nicht etwa nahe der großen Automobilhersteller anzusiedeln, sondern nur einen Steinwurf vom Stammwerk entfernt im Sulzer Industriegebiet Kastell. Was im Jahr 2005 mit sechs Mitarbeitern begann, hat sich innerhalb kürzester Zeit sprunghaft entwickelt: Mittlerweile beschäftigt CCS 125 Angestellte – und das Wachstum geht weiter. Im vergangenen Jahr hat das Unternehmen für 2,5 Millionen Euro auf Kastell ein neues Hochregallager und einen neuen Bürotrakt für die Verwaltung und die Entwicklungsabteilung gebaut. Außer Kapazitäten für 4000 Paletten- und 10 000 Kleinlagerstellplätze sind dadurch weitere 25 Arbeitsplätze geschaffen worden. Inzwischen beziehen alle großen Automobilhersteller CCS-Produkte.

Auf sich aufmerksam machen das Heinrich Kipp Werk und Kipp Car Comfort Systems jährlich bei zirka 50 Messen im In- und Ausland, darunter bei der „Motek“ in Stuttgart, bei der Hannover Industrie-Messe und bei der EMO. Für den Automobilbereich ist die IAA in Frankfurt die wichtigste Plattform, um neue Produkte vorzustellen.

Mindestens ebenso wichtig wie ständige Innovationen ist für den Firmenchef aber auch eine kontinuierliche Fortsetzung der Tradition. Seit 27 Jahren steht Heinrich Kipp, der im September 70 Jahre alt wird, mittlerweile an der Spitze des von seinem Großvater gegründeten Betriebs. Die Weichen für die Übergabe an die nächste Generation wurden schon früh gestellt: Alle drei Kinder planen den Einstieg in das väterliche Unternehmen oder sind schon dabei. Für eine Fortsetzung der fast 100 Jahre langen Tradition ist somit gesorgt – und an Innovationen wird es beim Familienunternehmen Kipp mit Sicherheit auch künftig nicht fehlen. Man darf also gespannt sein, wieviele Varianten des Klemmhebels es 100 Jahre nach dessen Erfindung im Jahr 2052 geben wird.

Dem Fachkräftemangel wirkt das Heinrich Kipp Werk entgegen, indem jedes Jahr rund 30 junge Leute ausgebildet werden.

Kult-Produkt: Die Spätzle- maschine aus dem Hause Kipp.

Christian Kipp gründete im Jahr 1919 in Holzhausen eine mechanische Werkstatt. 1922 begann die Produktion von Küchenmaschinen, darunter eine Spätzlemaschine. Im Jahr 1939 übernahm Heinrich Kipp sen. den Betrieb und begann ab 1940 mit der Lohnfertigung von Präzisionsteilen. Der erste Kipp-Spanner wurde im Jahr 1950 bis zur Serienreife entwickelt, zwei Jahre später kam der Klemmhebel auf den Markt. Seit 1956 entwickelt das Unternehmen auch Spannwerkzeuge. Der Umzug in ein neues Gebäude erfolgte im Jahr 1973. Seit 30 Jahren gehören auch Kunststoff-Bedienteile zum Vertriebsprogramm. Der heutige Firmenchef Heinrich Kipp jun. übernahm das Unternehmen im Jahr 1987. Das neue Logistikzentrum mit Hochregallager und Verwaltungsgebäude wurde 2001 an das bestehende Gebäude angebaut. Die Automotive-Tochterfirma Kipp Car Comfort Systems wurde 2005 ausgegliedert und siedelte sich im Sulzer Industriegebiet Kastell an.

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Erstellt:
10. Februar 2014, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
10. Februar 2014, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 10. Februar 2014, 12:00 Uhr

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