Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
„Oh Dominus – wo bisch du, komm“

Gut besuchte Narrenmesse, anschließend bunte Straßenfasnet

Narren und Kinder sagen die Wahrheit. Deshalb gab es am Samstag papstkritische Reime in der Zunftmesse und eine mit politisch korrekten Umlauten versehene Möhrenkopfgruppe.

11.02.2013
  • Martin Zimmermann

Rottenburg. So voll ist die Morizkirche sonst nur an Weihnachten. Im Eingang standen dicht gedrängt närrische Gestalten als mit dem Pfarrer auch Zunftmeister Dirk Rehbein und Gräfin Mechthild zusammen mit den verkleideten Ministranten Einzug hielt. Selbst Pfarrer Sigisbert Schwind setzte sich eine Narrenkappe auf. Dann bedankte er sich bei Oberbürgermeister Stephan Neher, dass der bei der Seniorenfasnet mit den Leuten Kniebeugen geübt und sie so auf die Messe vorbereitet habe. Zwei Doktortitel in Jura und Theologie habe sein Prediger, sagte Schwind, damit er noch einen in Reserve habe, falls jemand komme und ihm einen wegnehmen will.

Der Narrenprediger war Kirchenrechtler Andreas Weiß, Professor an der katholischen Universität Eichstätt. Er ging in seinen Reimen mit den Kirchenoberen scharf ins Gericht „wenn sie zum Beispiel unsern Frauen/ ganz g‘hörig ihre Chance verbauen.“ Er ging auch auf den Priestermangel ein: „aus Indien, Afrika und Polen/Müss mer Gastarbeiter-Priester holen.“ Die Gemeinde antwortete mit dem Schlachtruf „Oh Dominus – wo bisch du, komm“ einer schwäbischen Verballhornung der lateinischen Messeformel Dominus vobiscum (Der Herr sei mit dir). Der Ruf wurde erhört: Ein als Jesus verkleideter Narr betrat die Kirche und gab den schwäbischen Rat: „Wer nur bruddled ond nix duad/ Der macht seim Nächsten auch koin Mut.“

Mohren gingen heuer als Möhrengruppe

Während in der Kirche noch die Messe zelebriert wurde, sammelten sich vor der Kirche bereits die Laufgruppen und Lumpenkapellen. Entlang der Königstraße und Oberen Brücke froren bereits die Zuschauer der Straßenfasnet. „Wie lange geht denn so ein Gottesdienst?“, fragte ein Kind.

Dann sah man schon das Polizeiauto, das die Straße vor der Brücke absperrte. Einer der uniformierten Polizisten, die für Ordnung sorgten, war Kurt Hallmayer, CDU-Stadtrat und Ortsvorsteher von Frommenhausen. Er hatte bereits seit Donnerstag Dienst. Gut, dass es in Frommenhausen keinen Rathaussturm gibt.

Den kleinen Umzug führte Stadtführerin Annerose Richter mit dem Fanfarenzug an. Dann folgten zahlreiche Laufgruppen in humorvollen selbst gebastelten Kostümen. Ob Tier, Gegenstand oder Gemüse – in Rottenburg sind grundsätzlich alle Verkleidungen erlaubt, die geschickte Hände basteln können.

In Möhren-Kostümen steckte die ehemalige Mohrengruppe. „Auf die Pünktchen kommt es an“, sagte eine der Gelben Rüben und verteilte dunkel pigmentiertes Schaumgebäck mit aufgeklebten Marzipanmöhren. Wie Musketiere mit Katzenschwänzen sah die Laufgruppe „Gestiefelte Kater“ aus. Eine Gruppe lief als Tipp-Kick-Spielfiguren. Der Styroporfuß war allerdings im Gedränge etwas unpraktisch und brach bei einigen ab. Dafür konnten sie mit den schwarz-weißen Bällen, die der Spielehersteller zur Verfügung gestellt hatte, hin- und herkicken. Mit germanischer Runen den eigenen Namen schreiben gelernt hatte eine Barbarengruppe. „So weiß man gleich, wem welche Axt gehört“, meinte einer. Außerdem marschierten Gruppen als Frösche, Blechbüchsen, Spinnen - mit im Spinnennetz gefangenen Kleinkindern - Eier, Stadtgärtner, Häuser und Tiger mit. Auch eine Eisenbahn dampfte die Königstraße entlang. Die dazugehörige Gruppe teilte Liedblätter aus, damit die Zuschauer das Lied vom zugfahrenden schwäbischen Bäurle und seiner Geis mitsingen konnten.

Auch internationale Gäste nahmen an der Straßenfasnet teil. Aus der französischen Partnerstadt St. Claude marschierte eine Gruppe Soufflaculs in ihren typischen weißen Gewändern mit Schärpen und Jakobinermützen mit. Aus dem elften Bezirk Zürichs entstammte die „11er Guggamusi“, die bereits das zweite Mal in Rottenburg war. Zum Schluss drängte sich alles auf dem Marktplatz. Verschiedene Stände, darunter auch die Lebenshilfe, bewirteten mit Glühwein und Leckereien. Die Kälte trieb die Leute aber bald in die zahlreichen Fasnetskneipen. Dichtes Gedränge herrschte im Hirsch, im Stanis, und in der Café-Bar, wo Diskomusik die Mittdreißiger anzog. Letzte Zuflucht vor dem Heimweg war für einige die Gaststätte zur Eintracht. Dort feierten einige bis tief in die Nacht.

Vor der Café-Bar fror zu später Stunde eine Närrin in Wilma Feuerstein-Perücke in einer kaputten Jacke. Der defekte Reißverschluss war schwäbisches Kalkül: „Wenn die Leut‘ da drinnen gut getankt haben, finden sie ihre Jacken nicht mehr. Ond weil s‘ kalt ist nehmen sie halt irgend eine mit. Wenn m’r seine älteste Jack‘ anzieht, kann m’r sich bei dera Lotterie bloß noch verbessern!“

Gut besuchte Narrenmesse, anschließend bunte Straßenfasnet
Auch die Konkurrenz war anwesend.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

11.02.2013, 12:00 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden

Newsletter-bestellen

· Samstags verschicken wir die News der Woche, unser Klassiker: Die wichtigsten Themen und Geschichten direkt im E-Mail-Postfach. So bleiben Sie auch in der Ferne immer informiert, was in und rund um Tübingen passiert.
· Werktags versenden wir um 9 Uhr die News am Morgen mit den wichtigsten aktuellen Nachrichten.
· Sonntagabend kommt unser Sport-Newsletter mit den wichtigsten Lokalsport-Berichten und Ergebnissen vom Wochenende.

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder sich neu als Benutzer registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter (nur falls Sie weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese) verwendet. Ihre Daten werden nicht an andere Unternehmen weitergegeben.
Nachrichten via Messenger
Die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region liefern wir Ihnen auch per WhatsApp & Co. aufs Smartphone. Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp bitte mit einem entsprechenden Mobilgerät.
Heute meistgelesenNeueste Artikel

Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil
Neueste Artikel
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular