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Ein Leben undercover

Günter Wallraff: "Aus der schönen neuen Welt"

Günter Wallraff. Der Name steht für ein ganzes Genre. Auf Schwedisch heißt investigativ recherchieren schlicht wallraffen. Mit seinem neuen Buch "Aus der schönen neuen Welt" hat er sich zurückgemeldet.

10.12.2009

Von HELMUT PUSCH

Ulm Günter Wallraff ist sicher einer der bekanntesten deutschen Journalisten. Jeder kennt sein Gesicht. Und trotzdem schafft er es immer wieder, unerkannt in Rollen zu schlüpfen, um eine Realität am eigenen Leibe zu erfahren, die für viele weit weg ist. Seine Berichte aus der Arbeitswelt, seine Selbstversuche als Obdachloser oder als Farbiger decken Missstände auf, die in unserer wohlhabenden Gesellschaft eigentlich unglaublich sind.

Was treibt einen dazu, als Schwarzer in einen Zug mit rechtsradikalen Fußballfans zu steigen? Ein Experiment, das beinahe ins Auge gegangen wäre, hätte ihn nicht eine junge Polizistin mit der Hand an der Waffe aus der Klemme befreit. "Da hatte ich zum ersten Mal wirklich Angst um mein Leben", sagt Wallraff, der mit seinem jüngsten Buch "Aus der schönen neuen Welt" derzeit auf Lesereise ist, im Ulmer Roxy. Nochmals: Was ist die Triebfeder? "Ich war schon in der Schule schlecht in abstrakten Dingen. Ich muss alles selbst erleben, um drüber schreiben zu können", sagt er. Und: "Ich will jene zu Wort kommen lassen, die eigentlich viel zu sagen hätten, aber nichts zu sagen haben."

Seine Popularität ist mittlerweile auch zum Handicap geworden, wenn sich der Kölner aufmacht, in eine seiner Rollen zu schlüpfen. "Da sind erst mal neue Papiere nötig, denn unter meinem eigenen Namen kann ich schlecht losziehen, den kennt ja jeder." Die Lösung? "Ich bekomme sie von lieben Menschen, die mir helfen. Den Rest erledigt mein Maskenbildner, der ist echt professionell.

Gut geschminkt und mit Perücke gehe ich schon noch als Endvierziger durch", sagt der mittlerweile 67-Jährige schmunzelnd. Rechtliche Folgen hätten die Ausweisleihgeber nicht zu erwarten. "Im Zweifelsfall habe ich die Papiere irgendwo gefunden." Doch so einfach sind die Vorarbeiten für die Recherche nicht immer. Um als Obdachloser Einlass in die Nachtasyle zu bekommen, benötigte Wallraff den offiziellen Pass-Eintrag als Nichtsesshafter. "Ein Freund von mir, der mir ziemlich ähnlich sieht, hatte sich dafür zwei Monate zuvor wohnsitzlos gemeldet."

Und gerade seine Recherchen als Obdachloser unterstreichen seine These, dass seine Arbeitsmethode heute wichtiger sei denn je - wenn auch aus anderen Gründen: "Vor 40 Jahren glaubte ich daran, dass die Gesellschaft auf dem Weg ist, kontinuierlich besser und gerechter zu werden und ich dazu meinen Anteil leiste. Heute muss ich konstatieren, dass sich da manches im freien Fall befindet. Der Gesellschaftsvertrag löst sich auf. Die Folgen sind überall zu spüren, nicht mehr nur am Rande der Gesellschaft, sondern auch in der Mittelschicht. Es gibt immer mehr Arme, und der Reichtum konzentriert sich auf immer weniger Menschen."

Sein praktischer Beweis sind Menschen, die Wallraff auf der Straße getroffen hat. Den Unternehmer, der nach dem Verlust eines Großkunden Monate später im Obdachlosenheim landete, der Friseur, der mit einer Bemerkung eine Kundin verärgert hatte und entlassen wurde. Das Vorurteil, das seien doch alles Alkoholiker, lässt Wallraff nicht gelten. "Viele sind nicht auf der Straße, weil sie trinken. Sie trinken, weil sie das Leben auf der Straße sonst nicht aushalten."

Und was bringt das alles? "Mehr als viele glauben", sagt Wallraff. Nachdem seine Obdachlosenrecherche erschienen war, wurde etwa das Asyl in Hannover nachgerüstet. Wallraffs Credo: Der einzelne kann mehr erreichen, als er glaubt - auch ohne Wallraff zu heißen. Dazu müsse man nur über den eigenen Tellerrand schauen, sich auch mal um die Probleme der anderen kümmern und - auch das schildert Wallraff in seinem jüngsten Buch - Zivilcourage zeigen. Aber das geschieht nur in den seltensten Fällen.

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Ein Video-Interview finden Sie auf http://www.swp.de/videos

Günter Wallraff als Obdachloser, als Flüchtling aus Somalia und als Michael G. - unter diesem Pseudonym arbeitete Wallraff in Callcentern. Fotos: Thomas Rabsch

Zum Artikel

Erstellt:
10. Dezember 2009, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
10. Dezember 2009, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 10. Dezember 2009, 12:00 Uhr

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