Mietwohnungen ziehen mehr als Bauland

Grundstücksangebot spielt für Zuzüge nach Rottenburg eine geringe Rolle

Gründe für Menschen, die aus größerer Distanz nach Rottenburg umziehen sind hauptsächlich persönliche und günstige Mieten. Wegzüge in größere Entfernung sind besonders durch den Arbeitsplatz motiviert. Die Ausweisung von Neubaugebieten hat fast keinen Einfluss auf Zuzüge von außerhalb.

02.10.2010

Von Gert Fleischer

Das ist die Bevölkerungsveränderung in den Rottenburger Stadtteilen zwischen 2000 und 2008 inklusive Geburten und Sterbefälle. Den höchsten Zuwachs hatten die rot markierten Gebiete Baisingen, Weiler und Kiebingen. Die grünen Flächen sind schrumpfende Stadtteile, nämlich Frommenhausen und Wendelsheim (hellgrün) und besonders stark Bieringen (dunkelgrün). Der fast vollständig umschlossene weiße Fläche ist übrigens die Gemeinde Neustetten. Grafiken: Heinsohn

Rottenburg. Über Wanderungsbewegungen von Kommunen gibt es viele Studien, doch die meisten beschränken sich auf Statistiken; über Gründe und Motive für einen Zu- oder Wegzug ist wenig bekannt. Die aus Dettingen stammende Jana Heinsohn, 27, untersuchte in ihrer Diplom-Arbeit solche Daten für Rottenburg und unterfütterte ihre Analyse durch individuelle Befragungen.

Ihr Studium der Geografie hat Heinsohn im Frühjahr in Tübingen mit dem Diplom abgeschlossen, derzeit studiert sie Stadtplanung an der Hochschule für Technik in Stuttgart. Dem Technischen Ausschuss des Rottenburger Gemeinderats gab Heinsohn einen Überblick ihrer Untersuchungsergebnisse. Seine höchste Einwohnerzahl erreichte Rottenburg im Jahr 2006; seitdem schrumpft die Stadt, zumindest in ihrer Gesamtzahl. Einwohnerzahlen setzen sich zusammen aus der Differenz zwischen Zu- und Wegzügen sowie zwischen Geburten und Sterbefällen. Während deutschlandweit die Sterbezahlen die der Geburten schon seit den 70er Jahren um 10 Prozent übertreffen, ist dies in Baden-Württemberg erst seit 2006 so. Rottenburg selbst hat noch mehr Geburten als Sterbefälle. Das heißt, dass ausschließlich Wanderungsverluste schuld sind am aktuellen Bevölkerungsrückgang.

Zunächst betrachtet Heinsohn die Umzüge innerhalb der Stadtgrenze, die auf die Einwohnerzahl der Gesamtstadt keinen Einfluss haben, wohl aber auf die der Stadtteile. Die Geografin trennt Rottenburg, auch die Kernstadt, in einen Bereich südlich und einen Bereich nördlich des Neckars. Die Bilanz der Binnenwanderung zeigt für die einzelnen Stadtteile erhebliche Unterschiede (siehe Grafik unten). So hat von 2000 bis 2008 die Kernstadt-Süd durch Umzüge 261 Einwohner verloren, die Kernstadt Nord aber 157 gewonnen. Zuzüge von außerhalb Rottenburgs mit eingerechnet freilich gewann auch die Kernstadt-Süd. Nur auf Wanderungen bezogen, also ohne Sterbe- und Geburtenrate, gibt es sechs Stadtteile, die in diesen acht Jahren verloren: Bad Niedernau, Frommenhausen, Bieringen, Seebronn, Wendelsheim und Wurmlingen.

Um die Motive für Zu- oder Wegzüge zu erforschen, machte Jana Heinsohn im Jahr 2009 Befragungen. Die Datenbasis ist nicht übermäßig hoch, sie lässt aber Aussagen zu. Bei den Zuzügen von Menschen im Alter zwischen 20 und 30 Jahren (Gründungsphase) kam ein überraschend hoher Anteil allein: 74 Prozent bei den Männern, 58 Prozent bei den Frauen. Die Hypothese, dass viele Menschen in der Familiengründungsphase nach Rottenburg ziehen, bestätigte sich nicht. Bei den Frauen kamen 37 Prozent mit Partner, bei den Männern nur 21 Prozent .

Bei den 30- bis 40-Jährigen sieht es anders aus: In dieser so genannten Erweiterungsphase kamen von den Männern 50 Prozent mit Partner/in, 13 Prozent mit Familie. Bei den Frauen kamen 33 Prozent mit Partner/in und 50 Prozent mit Familie. Aufschlussreich ist die Erkenntnis, dass die Kernstadt offenbar für Familien nicht besonders attraktiv ist. Nur 10 Prozent aller Zuzüge in diesem Zeitraum waren Familienhaushalte. Ihnen standen 18 Prozent Wegzüge von Familienhaushalten gegenüber.

Als einen relativ starken Grund weg- oder zuzuziehen, fand Heinsohn die Nähe von Verwandten, Freunden und Bekannten heraus: Solch ein soziales Netzwerk herzustellen oder aufrechtzuerhalten, ist für 29 Prozent ein Umzugsgrund. Dabei macht Rottenburg unterm Strich Verluste, denn 34 Prozent zogen weg, um nahe bei Verwandten und Freunden zu sein, 28 Prozent kamen aus diesem Grund hierher. Bezieht man das allgemeiner gehaltene „Soziale Umfeld“ als Umzugsgrund ein, sieht die Bilanz für Rottenburg noch schlechter aus: 24 Prozent der Wegzügler gaben das soziale Umfeld als Wegzugsgrund an, aber nur 11 Prozent zogen deshalb nach Rottenburg.

Fernwanderungen, also Wanderungen über mehr als 50 Kilometer, werden von Wegzüglern zu 50 Prozent mit der besseren Erreichbarkeit des Arbeitsplatzes begründet. Bei den Zuzüglern trifft dieser Grund nur für 17 Prozent zu. Das ist offenkundig Folge des Arbeitsplatz-Defizits in der Stadt Rottenburg. Bei den persönlichen Gründen halten sich die Angaben bei Zu- wie bei Wegziehenden die Waage: Sie sind für je 42 Prozent mit ein Grund, in einen neuen Wohnort zu wechseln. Immerhin ein Drittel der Befragten sagte, dass der Arbeitsbeginn wichtigster Grund für den Wegzug aus Rottenburg ist. Umgekehrt geben ebenfalls 33 Prozent der nach Rottenburg Kommenden an, der Beginn eines Studiums sei Anlass dafür.

Insgesamt zweitstärkster Grund, aus mehr als 50 Kilometer Entfernung nach Rottenburg zu ziehen, ist nach den persönlichen Motiven die günstige Miete (38 Prozent). Auch dass die Wohnung schöner oder ruhiger ist, gehört zu den häufiger genannten Gründen. Mit nur 4 Prozent am wenigsten genannt für einen Umzug aus der Ferne nach Rottenburg wurden billiges Bauland oder eine gutes Angebot an Kinderbetreuung.

Bei den Nahwanderungsgründen (Zu- und Wegzüge unter 50 Kilometer) profitiert Rottenburg auffällig stark von einem offensichtlich attraktiven Mietwohnungsangebot. Auch hier spielt das Vorhandensein von Bauland überhaupt oder von billigem Bauland nur eine geringe Rolle als Umzugsgrund.

Rottenburg hat schon länger – übers Internet abrufbar – eine Leerstandsbörse für kaufbare Immobilien sowie eine Baulückenbörse für Grundstücke. Solche Angebote werden von den Befragten zwar als gut und sinnvoll beurteilt, aber bekannt waren sie kaum. Zehn Prozent derer, die Rottenburg verließen, kannten sie. Bei den Um- und Zuzüglern sind die Werte deutlich geringer.

Um sein Image muss sich Rottenburg wenig Sorgen machen. Von den Leuten, die die Stadt verlassen haben, gab gerade ein Prozent der Stadt ein negatives Image. 54 Prozent waren neutral und 44 Prozent nannten es positiv.

Hier sind nur Umzüge erfasst, also keine Geburten und Sterbefälle. Im Verhältnis zur Teilortsgröße extrem stark positiv ist die Differenz zwischen Weg- und Zuzügen in diesen acht Jahren in Weiler gewesen, extrem negativ in Seebronn.

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Erstellt:
2. Oktober 2010, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
2. Oktober 2010, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 2. Oktober 2010, 12:00 Uhr

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