Essen

Grünkohl statt Superfood

Goji-Beeren, Chia-Samen und Co. sollen besonders gesund sein. Experten bezweifeln das und plädieren für heimisches Obst und Gemüse.

03.04.2017

Von CAROLINE STRANG

Die neuen Heilsbringer? Chia-Samen (dunkel), Quinoa Pops und Plätzchen mit Matcha-Teepulver. Foto: dpa

Ulm. Dieser Beeren-Nuss-Mix hat es in sich. Rosinen sucht man vergebens, genauso wie ordinäre Haselnüsse, dafür gibt es Maulbeeren, Physalis, Pistazien, Mandeln, Sauerkirschen und Goji-Beeren. Das knirscht schön zwischen den Zähnen. Genauso wie die Chia-Samen, die nach so gut wie gar nichts schmecken. Und ganz im Gegensatz zu dem Pulver, das sich „Superfood Greens“ nennt und unter anderem Moringa-Blattpulver und zerkleinerte Algen enthält. Davon löst man einfach einen Teelöffel in 100 Milliliter Wasser auf. Das schmeckt eher zweifelhaft.

Goji-Beeren, Chia-Samen, Amaranth, Algen und Weizengras gelten als Superfood, also als Nahrungsmittel, denen gesundheitsfördernde Eigenschaften zugeschrieben werden – weil sie zum Beispiel eine große Menge Vitamine oder Antioxidanzien enthalten. Eine wissenschaftliche Definition für diesen Begriff gibt es nicht, er stammt aus dem Marketing. Ebenso fehlen oft die wissenschaftlichen Belege für eine positive Wirkung auf die Gesundheit. Dennoch wächst der Markt enorm. Einige Superfood-Produkte kann mann inzwischen auch bei Discountern kaufen.

Es gibt Anbieter, die sich auf Superfood und Fitnessnahrung spezialisiert haben. Philipp?Schrempp und Tobias Schüle sind die Gründer von Foodspring, dem Berliner Unternehmen, das oben beschriebene Produkte anbietet. Sie haben klare Ziele: „Für uns ist Essen nicht einfach nur Nahrungsaufnahme.

Lebensmittel gibt es viele. Was wäre aber, wenn jede Mahlzeit eine positive Wirkung auf den eigenen Körper hätte?“ Daraus resultiere ihr Anspruch: „Lebensmittel einen funktionalen Nutzen geben – mit der höchsten verfügbaren Qualität.“ So kamen sie auf Superfood. Mit ihren Produkten machen sie „momentan im Monat einen siebenstelligen Umsatz und wachsen sehr stark“. Allerdings: „Obwohl wir auf der Überholspur sind, haben wir erst 1 Prozent unseres Gesamtziels erreicht.“

Doch reicht es nicht auch einfach, zwischendurch Grünkohl zu essen, der viel Vitamin-C enthält? Chia-Samen und Grünkohl seien nicht miteinander vergleichbar, sagt Schrempp. Grünkohl liefere viele wichtige Vitamine und Nährwerte bei einem relativ geringen Kalorien-Anteil. Das mache den Kohl bei Diäten sehr beliebt. „Chia-Samen wiederum sättigen nachhaltig und fördern die Verdauung. Durch ihren hohen Anteil an guten Fetten, Protein und Ballaststoffen sind sie das ideale Superfood.“

Doch stimmt das so überhaupt? Ist das exotische Superfood wirklich gesünder als die heimischen Früchte, Gemüsesorten oder Samen? Iris Lehmann ist Pressesprecherin beim Max Rubner-Institut, einem Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel. Sie sagt: „Es gibt sehr gute wissenschaftliche Nachweise für die positive gesundheitliche Wirkungen eines hohen Obst- und Gemüseverzehrs.“ Den Nachweis einer solchen Wirkung gebe es für einzelne Sorten allerdings generell selten. Für die trendigen exotischen Früchte und ihre Samen überhaupt nicht. Mehr noch: „Für exotische Früchte fehlen mitunter sogar seriöse Quellen zu deren Inhaltsstoffen, geschweige denn kann man davon ausgehen, dass deren gesundheitliche Wirkungen mit nachprüfbaren Humanstudien belegt wurden.“

Äpfel, Möhren, Brokkoli

Sie plädiert eher für die heimischen Gemüse- und Obststorten. „Heimische Sorten wie etwa Schwarze Johannisbeeren, Äpfel, Möhren oder Brokkoli schneiden nicht schlechter ab als die exotischen Genüsse.“ Hin und wieder findet sich unter den Helden der Lebensmittel auch altbekanntes Gemüse, erklärt Iris Lehmann: „So scheint der Grünkohl inzwischen so weit vergessen zu sein, dass er als neue Attraktion in Form von Smoothies und Pülverchen gefeiert werden konnte.“

Wichtig sei eine gute Mischung und der regelmäßige Verzehr. „Ernährungsfehler können aber weder die heimischen noch die exotischen Superfrüchte kompensieren.“ Sie meint: „Der Gesundheit schadet der Superfood-Trend in der Regel zum Glück nicht, eher dem Geldbeutel.“ Die Verbraucherzentrale bilanziert: „Superfoods können den Speiseplan bereichern und neue Geschmackserlebnisse vermitteln. Ein gesundheitlicher Mehrwert im Vergleich mit der Vielzahl heimischer Gemüse und Früchte ist aber nicht zu erwarten.“

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Erstellt:
3. April 2017, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
3. April 2017, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 3. April 2017, 06:00 Uhr

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