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Grüner Knopf für Fairness
Unzumutbare Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie: Im Bild Näherinnen, die die Katastrophe bei der Ranna Plaza Fabrik in der Nähe von Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch überlebten. Ein grüner Knopf an Textilien soll künftig faire Arbeitsbedingungen und angemessene Sicherheitsstandards belegen. Foto: EPA/ABIR ABDULLAH
Entwicklungshilfeminister kämpft für bessere Verhältnisse in Textilfabriken

Grüner Knopf für Fairness

Näherinnen verdienen an Jeans, die bei uns für 80 bis 100 Euro verkauft werden, gerade mal 12 bis 14 Cent pro Stunde. Die Arbeits- und Sicherheitsbedingungen sollen sich aber verbessern.

01.12.2015
  • ROLF OBERTREIS

Frankfurt. Ob dem Minister das T-Shirt für 2,50 EUR gefällt, das ihm vor die Nase gehalten wird, ist nicht klar. Klar aber ist für Gerd Müller, dass der Preis das Problem ist. "In der Fabrik in Bangladesch wird das T-Shirt für 80 Cent gekauft. Oder die Jeans für 3 EUR, die in Frankfurt oder Berlin im Laden 80 EUR oder 100 EUR kostet." Und dass die Näherin in Bangladesch, Kambodscha oder Pakistan pro Stunde gerade mal 12 oder 14 Cent erhält, 14 bis 16 Stunden pro Tag arbeitet und das sechs Tage in der Woche. "Das können wir nicht akzeptieren."

Für Müller, CSU-Politiker und Chef des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), geht das Problem viel weiter. Wie sieht es mit den Sicherheitsstandards in den Fabriken aus? Feuerschutz? Unvergitterte Fenster? Freie Notausgänge? Und was ist mit Abwässern, wenn Textilien gefärbt werden?

Für Verbraucher hierzulande ist es schwierig, Einblick zu gewinnen, wie Müller unlängst bei einer Veranstaltung in Frankfurt unter dem Motto "Unsere Kleidung - faire Sache?" einräumte. Mit dem Grünen Knopf will er in etwa einem Jahr für Klarheit in deutschen Geschäften sorgen. Der Knopf an Textilien soll belegen, dass sie sozial und fair auf der Basis angemessener Löhne und Sicherheitsstandards und ökologisch sauberen Bedingungen produziert wurden.

Vor drei Jahren starben beim Brand in der Tazreen Fabrik in Bangladesch fast 120 Näherinnen und Näher, über 200 wurden zum Teil schwer verletzt, weil die Notausgänge verriegelt waren und Menschen aus Fenster im dritten oder vierten Stock sprangen, um sich zu retten. Ein halbes Jahr später ereignete sich die Katastrophe in der Rana Plaza Fabrik, deren Einsturz mehr als 1000 Tote forderte. In beiden Fabriken wurden Textilien auch für deutsche Konzerne genäht.

Müller brennt das Thema seit Jahren auf den Nägeln. "Wer meint Geiz ist geil kauft auf Kosten anderer Menschen", sagt er. In Asien, in Lateinamerika, in Afrika, aber auch in Osteuropa, wo Kleidung für westliche Konzerne unter oft skandalösen Bedingungen hergestellt werden. 2014 hat der CSU-Politiker aus dem Allgäu das Bündnis für nachhaltige Textilien ins Leben gerufen. Händler sollen endlich mit dafür sorgen, dass in den Fabriken faire, existenzsichernde Löhne gezahlt, die notwendigen Sicherheits- und Brandschutzmaßnahmen eingehalten und keine dreckigen Abwässer ausgeleitet werden.

Nach zähem Beginn hat das Bündnis mittlerweile 170 Mitglieder, Organisationen der Zivilgesellschaft - auf deren Mitarbeit der Minister ausdrücklich Wert legt - aber vor allem die geforderten deutschen Textilhändler. Sie verpflichten sich zu einem Aktionsplan, mit dem soziale und ökologische Standards verbessert werden sollen. Einer der Händler ist die Hamburger Otto-Gruppe. Thomas Voigt verantwortet dort die Kommunikation und ist für Wirtschaftspolitik zuständig. "Natürlich wollen wir die Verhältnisse verbessern." Aber er sagt auch, dass es nicht einfach ist. "Das ist Kärrnerarbeit und erfordert ständige Kontrollen." Erst einmal seien die Menschen in Bangladesch und in anderen Produktionsländern froh, dass sie Arbeit hätten.

Und die riesigen Spannen zwischen Löhnen und Verkaufspreisen landeten nicht alle beim Händler. Transport und vor allem Marketing verschluckten viel Geld. Schließlich wollten die Firmen, dass ihre T-Shirts und Hemden auch gekauft würden. Die Rendite der Händler liege im Schnitt bei nur 4 Prozent. Aber Voigt räumt auch ein, dass der Anteil der Produktionskosten und damit auch der Löhne an den Verkaufspreisen steigen muss.

Kritische Organisationen erkennen das Engagement der Firmen durchaus an. Aber noch sei in den Fabriken trotz der wachsenden Zahl positiver Beispiele zu wenig passiert, sagt Bernd Hintzmann von der Kampagne für saubere Kleidung. "Die Unternehmen, die beim Bündnis mitmachen kommen ihren Verpflichtungen nicht nach." Investieren in Brandschutz und andere Verbesserungen würden vor allem die Fabrikbesitzer in Bangladesch.

Allerdings geschieht dies auch auf Druck von Händlern wie Otto, C&A, H&M und anderen. Immer häufiger wenden sie sich von Firmen ab, die schlechte Löhne zahlen und mit miesen Sozialstandards arbeiten. Und vergeben ihrer Aufträge an Firmen, bei denen es besser aussieht.

Müller setzt darauf, dass der Knopf von Herbst 2016 an tatsächlich an Textilien im deutschen Handel zu finden ist. Und dass dann möglichst die gesamte Branche beim Textilbündnis mitmacht.

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01.12.2015, 08:30 Uhr
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