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Großes Kritikerherz · Zum Tod von Hellmuth Karasek
Marcel Reich-Ranicki und Hellmuth Karasek im "Literarischen Quartett". Foto: Renate Schäfer/ZDF
Literatur oder auch der Ikea-Katalog

Großes Kritikerherz · Zum Tod von Hellmuth Karasek

Zuletzt rezensierte er den Ikea-Katalog: Der Literaturkritiker und Autor Hellmuth Karasek, der im Alter von 81 Jahren in Hamburg gestorben ist, war ein Unterhaltungskünstler unter den deutschen Feuilletonisten.

01.10.2015
  • JÜRGEN KANOLD

Er war Feuilletonist, Edelfeder des "Spiegels", er war Literaturkritiker und Autor. Aber eigentlich war Hellmuth Karasek ein Star des deutschen Boulevards. Ein Unterhaltungskünstler. Seine größte Rolle: die 2. Geige im "Literarischen Quartett" des ZDF.

Die spielte er, 13 Jahre lang, von 1988 bis 2001 an der Seite von Marcel Reich-Ranicki. Während der "Literaturpapst" das tat, was Päpste so tun, nämlich verdammen und heilig sprechen, und Sigrid Löffler die süffisante, beleidigte Emanze aus Österreich gab, glotzte Karasek schwärmerisch in die Kamera, schlichtete so manchen Streit, riss mehr oder weniger feingeistige Männerwitze und sprach fürs schlichtere Lesevolk: "Eine Erzählung über ein Strumpfband kann wichtiger sein als ein gut gemeinter Roman über Serbien."

Hellmuth Karasek, 1934 im mährischen Brünn geboren, war Redakteur der "Stuttgarter Zeitung" und der "Zeit", dann lange verantwortlich für die Kultur im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel". Er fungierte später als Mitherausgeber des "Tagesspiegels" und schrieb auch für Axel Springers "Bild". Aber zum Kult-Kritiker brachte er es als TV-Akteur des "Literarischen Quartetts". Er avancierte zum beliebten Talk-Gast, und welche Feuilletonisten schaffen es schon bis in Günther Jauchs "5-Millionen-SKL-Show"?

Eine Pointe jedenfalls hatte Karasek immer parat, und wenn's eine Zote war. Denn er hielt sich an den großen Hollywood-Regisseur Billy Wilder, mit dem er befreundet war: "Ich habe zehn Gebote. Die ersten neun heißen: Du sollst nicht langweilen! Das zehnte lautet: Du sollst das Recht auf den Endschnitt haben." Ein Kinofan und -sachverständiger war Karasek nämlich auch: 1992 erschien sein bestes Buch, die Hommage "Billy Wilder: Eine Nahaufnahme".

Mit solcher Begeisterungsfähigkeit für die Sache avancierte der immer etwas staunend verschlafen wirkende Karasek zum beliebten Lesekulturvermittler, gewissermaßen zum Kardinalstaatssekretär hinter Literaturpapst Reich-Ranicki, wenngleich der freudenvolle wie genusssüchtige Karasek es sonst nicht so mit dem strengen Katholizismus hatte. Als Bundespräsident Joachim Gauck nun gestern den im Alter von 81 Jahren in Hamburg verstorbenen Karasek in einem Nachruf würdigte, sprach er davon, dass dieser bei vielen Menschen "die Kenntnis und die Liebe zur Literatur, zum Theater und zum Film entscheidend erweitert und vertieft" habe. "Ohne ihn wäre das literarische Leben in unserem Land sehr viel ärmer - und auch erheblich langweiliger."

Das ZDF war offenbar schon vor Karaseks Tod dieser Ansicht. Denn es belebt nach 14 Jahren wieder das "Literarische Quartett", in neuer Besetzung und mit "Spiegel"-Kulturchef Volker Weidermann als Primgeiger - morgen Abend wird die erste Sendung ausgestrahlt. Reich-Ranicki und Karasek werden als hoffentlich gute Geister dabei sein. Im Publikum soll sogar ein Platz für Karasek frei bleiben. Auch eine Pointe.

Karasek, der mit der Familie nach dem Zweiten Weltkrieg aus Schlesien vor der Roten Armee floh und später, nach dem Abitur, dann 1952 aus der DDR in den Westen, studierte in Tübingen. Er war immer auch ein Mann der Schauspielbühne: als Kritiker, Chefdramaturg der Württembergischen Staatstheater, als Stückeschreiber unter dem Pseudonym Daniel Doppler - und auch als Darsteller mit rollendem R in der Hauptrolle des Hellmuth Karasek.

Er war äußerst produktiv, langweilte sich auch selbst offenbar nie. Bücher schrieb er viele, früher über Frisch oder Brecht, zuletzt hießen die Titel eher "Soll das ein Witz sein?" oder "Frauen sind auch nur Männer". Irgendwie konsequent, dass Hellmuth Karaseks letzte Buchbesprechung einem Top-Bestseller galt. Sein Kollege Marcel Reich-Ranicki hatte einst für das Telefonbuch Werbung gemacht, Karasek widmete sich einem "möblierten Roman": dem immerhin mit einer Auflage von 220 Millionen Exemplaren aufgelegten Ikea-Katalog. "Die kleinen Freuden des Alltags": Karasek, im Sessel blätternd und rezensierend auf Youtube. Populärer geht's nicht für einen Feuilletonisten.

Großes Kritikerherz · Zum Tod von Hellmuth Karasek
Der gelassen schwärmerische Blick des Literaturkritikers und Unterhaltungskünstlers: Hellmuth Karasek 2006 im Salzburger "Sacher". Foto: Wolf Heider-Sawall/laif

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01.10.2015, 12:00 Uhr
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