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Großer Auftritt im kleinen Wolpertshausen
Uli Hoeneß lässt sich von Marcel Reif interviewen. Er spricht über Geld, Erfolg und soziales Engagement im Profifußball. Foto: VR-Bank/Jürgen Weller
Uli Hoeneß spricht erstmals nach seiner Haftentlassung in der Öffentlichkeit - "Geld löst nicht jedes Problem"

Großer Auftritt im kleinen Wolpertshausen

"Jetzt wird mir vielfach der rote Teppich ausgerollt", erzählt Uli Hoeneß. Viele würden sich um einen Termin mit dem ehemaligen Präsidenten des FC Bayern München reißen. Die Zeit im Gefängnis dagegen war einsam.

10.03.2016
  • JÜRGEN STEGMAIER

Wolpertshausen. Drei Jahre verbrachte Uli Hoeneß hinter Gittern. Fünf Monate war er Freigänger. In der letzten Woche kam er frei - und seinen ersten großen öffentlichen Auftritt hat er in dem kleinen Hohenloher Dorf Wolpertshausen. "Es hat mich unglaublich beeindruckt, dass mich Eberhard Spies und seine Kollegen eingeladen haben, als ich am Boden lag", sagt Uli Hoeneß an diesem Montag.

Hoeneß erzählt beim Jahresempfang der VR-Bank Schwäbisch Hall-Crailsheim davon, wie es ihm im Gefängnis ergangen ist, wann er sich entscheidet, ob und für welche Funktion er sich bei den Bayern wieder bewerben wird und welche Rolle das Geld im Fußball spielt.

Der Besuch war geheime Kommandosache. Lediglich eine Handvoll Mitarbeiter des genossenschaftlichen Geldhauses wusste, wer da in der Mehrzweckhalle auftauchen würde. Angekündigt war ein Überraschungsgast an der Seite des Fußballreporters Marcel Reif. Eberhard Spies, der Vorstandschef der VR-Bank Schwäbisch Hall-Crailsheim, scheint bei Hoeneß den richtigen Ton getroffen zu haben. Der Banker trat mit dem verurteilten Steuerhinterzieher in Verbindung, als dieser noch eine ganze Weile im Gefängnis zu sitzen hatte. Dass der Banker überhaupt auf die Idee gekommen ist, einen wie Hoeneß einzuladen, ist an und für sich schon bemerkenswert. Steuerhinterziehung ist keine Sache, mit der sich eine Bank schmücken kann. Doch der Coup ist gelungen. Hoeneß fliegen an diesem Abend die Sympathien zu. 700 Menschen applaudieren stehend.

Stets sonntags habe er die Briefe gelesen hat, die ihn im Knast erreicht haben. "Manchmal musste ich weinen wie ein Kind", offenbart der gebürtige Ulmer.

Es ist ein anderer Uli Hoeneß, als den, den man aus der Vergangenheit kennt. Darüber täuscht auch nicht hinweg, dass er breitbeinig im hellen Polstersessel sitzt und das bekannte Selbstbewusstsein ausstrahlt. Im Gefängnis scheint er an Gewicht verloren zu haben. Hoeneß spricht unaufgeregt. Er wirkt echt, zeigt sich demütig.

"Geld löst auch im Profifußball nicht jedes Problem", sagt er. Um gegen die finanzstarke Konkurrenz aus England, Spanien oder Italien zu bestehen, seien gescheite Idee und List nötig. "Wir müssen denen so lange unsere mittelmäßigen Spieler für so viel Geld verkaufen, bis sie keines mehr haben", erklärt Hoeneß. Er spricht davon, dass für Thomas Müller ein gigantisches Angebot von Manchester United vorgelegen habe. Das Bemerkenswerte an dieser Geschichte ist nicht, dass Hoeneß sie erzählt, sondern dass er im September des zurückliegenden Jahres - damals noch als Gefängnis-Insasse - ganz offenbar gut über die Bayern-Geschäfte informiert war.

Zum Widerspruch des Menschen Uli Hoeneß scheint es zu gehören, dass Börsenzockerei und Steuerhinterziehung in der Vergangenheit Hand in Hand gingen mit einem hohen sozialen Engagement und der Bereitschaft, für andere Verantwortung übernehmen. Der Präsident von Darmstadt 98 habe ihm zu Weihnachten einen Schal mit der Unterschrift aller Spieler geschickt - als Dankeschön dafür, dass Hoeneß seine Bayern 2008 beim finanziell gebeutelten Oberligisten in Bestbesetzung antreten ließ. Dieses Benefizspiel habe den Darmstädtern 300 000 Euro eingebracht und so den Fortbestand gesichert. Ähnlich sei es 2003 bei St. Pauli gelaufen. "St. Pauli ist ein Stück Hamburger Tradition. Man muss helfen, um dies zu erhalten", sagt Hoeneß.

Zu den Sätzen, die Hoeneß von seinem ersten großen Auftritt nach der Haftentlassung in Erinnerung bleiben könnten, gehört auch dieser: "Wir kommen von ganz unten. Wir hatten Glück und haben viel gearbeitet. Als wir oben waren, haben wir begriffen: Wir müssen was abgeben." Er spricht in diesem Zusammenhang auch über Gerd Müller. Der einstige Torjäger sei schwer krank, könne aber jederzeit auf die Hilfe des FC Bayern zählen.

Die wirklich rührende Geschichte an diesem Abend erzählt nicht Uli Hoeneß selbst, sondern Marcel Reif. Sie liegt Jahrzehnte zurück: Nach einem Europacup-Spiel in Kiew sei in dem Flugzeug, in der Mannschaft und Journalisten gemeinsam aus der Ukraine zurückflogen, unvermittelt eine Frau mit ihrer kleinen Tochter aufgetaucht. Wie sich später herausgestellt habe: Das Kind war krebskrank, konnte nur im Westen erfolgversprechend behandelt werden - und der einzige Weg aus dem Ostblock-Land nach Deutschland war die Maschine des FC Bayern München. Uli Hoeneß senkt seinen Blick und nickt.

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10.03.2016, 08:30 Uhr
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