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Schauspieler

Große Gefühle aus jedem Detail

Bruno Ganz ist tot. Der Schweizer begeisterte Jahrzehnte auf der Bühne und auf der Leinwand.

18.02.2019

Von DPA

Über Jahrzehnte einer der großen Charakterdarsteller auf der Bühne und im Film: Bruno Ganz. Foto: Tiziana Fabi/afp

Berlin. Seine Kinorollen machten ihn zu einem Star, doch war Bruno Ganz jahrnzehntelang ein führender klassischer Held des deutschsprachigen Theaters. Nun ist der große Schweizer Schauspieler 77-jährig in Zürich an seiner Krebserkrankung gestorben.

Seine Laufbahn begann in Bremen. In den 1970er und 80ern gehörte er zum Ensemble der Berliner Schaubühne. Er arbeitete mit den innovativsten Regisseuren seiner Zeit wie Peter Stein und Klaus Michael Grüber. Er spielte Prometheus und Empedokles, Hamlet und Tasso, den Prinzen von Homburg und Peer Gynt. Im Jahr 2000 war er der Faust in der ungekürzten, zweiteiligen Inszenierung von Peter Stein.

In den letzten Jahren hat sich Ganz, der 1941 in Zürich zur Welt kam, aber immer mehr vom Theater zurückgezogen und nur noch Filmrollen angenommen. Die junge Theaterregie-Generation sei ihm fremd, weil sie dem Schauspieler die Identifikation mit der Rolle verbiete, die für ihn aber unabdingbar sei. Im Kino dagegen fand er die Emotionalität, die er im Theater vermisste.

Und doch liegt seine herausragende Bedeutung in der Theaterarbeit – ergänzt durch Filme. Er widmete seine Kunst den großen Texten von der Antike bis zur Gegenwart. Dabei war die Stimme sein eigentliches Instrument. Er hat wie wenige andere Pathos glaubwürdig verkörpert, weil er immer eine Spur von Distanz und Ironie mitschwingen ließ.

Seit 1996 trug er den Iffland-Ring, die bedeutendste Auszeichnung für einen deutschsprachigen Schauspieler. Er wird von dem jeweiligen Träger testamentarisch an einen Nachfolger übertragen, Ganz bekam ihn von dem Österreicher Josef Meinrad.

Ein Film gibt noch heute einen authentischen Eindruck von seiner Bühnenkunst: Eric Rohmers „Die Marquise von O.“ (1976). Ganz sprach die gedrechselten Kleist-Texte so vorzüglich, dass das Individuum hinter der rhetorischen Form spürbar wurde. Sein Körperspiel, von den Blicken auf die Geliebte bis zum Sich-Niederwerfen vor ihr, war pathetisch im Ausdruck, doch ohne jede Schwerfälligkeit.

Ganz hat etwa 75 Kino- und TV-Filme gedreht, darunter sind Meisterwerke, aber auch in anderen Filmen sorgte er immer wieder für berührende Szenen voller Nuancen. Unter seinen letzten Filmen sieht man das besonders gut in „Satte Farben vor Schwarz“, in dem er und Senta Berger ein Rentnerpaar darstellen, das dem Tod entgegensieht.

Ganz hat auch im Film mit einer Reihe von prominenten Regisseuren gearbeitet, so entstanden Filme, die den Theaterproduktionen ebenbürtig sind. Der umstrittene Film „Der Untergang“ (2004), in dem Ganz Hitler darstellte, gehört eher nicht dazu. Keine Analyse, sondern „distanzloses Dabeisein“, urteilte der Kritiker Georg Seeßlen.

Zu Ganz' großen Filmen gehören „Messer im Kopf“ von Reinhard Hauff (1978), „Die Fälschung“ von Volker Schlöndorff (1981), „In der weißen Stadt“ von Alain Tanner (1983), „Der Himmel über Berlin“ von Wim Wenders (1987), schließlich „Die Ewigkeit und ein Tag“ (1998) von dem 2012 gestorbenen Theo Angelopoulos, in dem Ganz einem todkranken Dichter eine trotzige Aktivität verlieh. Seine schönste Komödie ist „Brot und Tulpen“ (2000) von Silvio Soldini.

Seine vielleicht bewegendste Darstellung überhaupt war der todkranke Bilderrahmenmacher Jonathan in der Highsmith-Verfilmung „Der amerikanische Freund“, 1977 inszeniert von Wim Wenders. Um seine Familie zu ernähren, nimmt er einen Auftragsmord an. Bruno Ganz spielt zunächst gespenstisch ruhig, dreht dann allmählich durch, wird zum Getriebenen, und stirbt in der letzten Szene. Nach einer Auseinandersetzung mit Mafiosi ist er im VW unterwegs, verliert plötzlich die Gewalt über den Wagen, lacht und sagt zu seiner Frau: „Es wird so dunkel“. Er sagt das auf Schweizerdeutsch, während er sonst hochdeutsch sprach.

Wilhelm Roth

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Erstellt:
18. Februar 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
18. Februar 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 18. Februar 2019, 06:00 Uhr

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