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Festival

Groovige Familienfeier

Die Jazztage im Stuttgarter Theaterhaus bewegen mit großen Emotionen, starken Beats, neuen Stars und alten Freunden.

23.04.2019

Von UDO EBERL

Alter Hase trifft angesagtes Talent: Rolf Kühn (links) mit Emile Parisien auf der Bühne. Foto: Udo Eberl

Stuttgart. Im Theaterhaus Stuttgart feiert man die Feste, wie sie fallen – und Geburtstage sind immer ein guter Anlass, das Besondere zu wagen. Mit alten und neuen Freunden, Verwandten und geschätzten Gratulanten wurde bei den Jazztagen so mancher rauschende und unvergessliche Konzertabend gestaltet. Dem deutschen Pianisten Joachim Kühn, der jüngst 75 Jahre alt wurde, gelang mit seiner „Carte Blanche“ ein besonderer Wurf. In unterschiedlichen Besetzungen entfaltete er seinen Jazz-Kosmos, der von flüssiger Harmonik, perlender Melodik, Weltmusik und der richtigen Prise Freigeist geprägt ist.

Nie habe er gedacht, dass er jemals mit einem Akkordeonisten spielen würde: An Vincent Peirani kam Kühn nicht vorbei, am Saxofonisten Emile Parisien, dem „neuen Superstar des Jazz“, auch nicht, und an seinem Bruder Rolf Kühn, dem „Weltmeister an der Klarinette“, sowieso nicht – der wird in diesem Jahr 90 und klang mindestens 30 Jahre jünger.

Mit dem Saxofonisten Maxime Bender stellte Kühn zudem seinen neuesten Solisten-Tipp ins Rampenlicht, und Special Guest Till Brönner trumpfte hier als Supertechniker auch in den freien Bereichen des Jazz auf, angetrieben von Eric Schaefer an den Drums und Chris Jennings am Bass. Über drei Stunden hinweg erlebten die Besucher Soli der Extraklasse, bewegende Trios und Duos, auch mit Brönner – „Das Gute am Jazz: Wir haben vorher nicht geprobt. Es soll ja spontan sein“ – und Rock-Adaptionen wie die von „The End“ der Doors. Für die Tastenvitalität Kühns spricht, dass die Solopiano-Stücke basierend auf Ornette Colemans Kompositionen zum musikalischen Kern dieses Abends wurden.

Ein weiteres Fest: Bassist Veit Hübner feierte seinen 50. – und die produktive Freundschaft mit dem Pianisten Ralf Schmid als großes Familienfest. Am Ende standen neben den Schmid-Männern und einem Hübner-Familienorchester auch Trompeter Joo Kraus, die brasilianische Sängerin Paula Morelenbaum und der Mundharmonika-Star Gregoire Maret auf der Bühne, feierten ausgelassen und wurden vom Publikum gefeiert.

Hommage für Jon Hiseman

Trauriger: Die Hommage für die im vergangenen Jahr überraschend verstorbene Schlagzeug-Legende Jon Hiseman. In Anwesenheit seiner Frau, der Saxofonistin Barbara Thompson, und der Kinder setzte der 89-jährige Ack van Rooyen, einst neben Hiseman im United Jazz + Rock Ensemble, am Flügelhorn besonders in den Balladen Standards.

Wolfgang Dauner improvisierte am Flügel zunächst in den United-Jazz-Gefilden, dann berührte er mit einem eingespielten Drum-Solo-Stück des alten Freundes. Mit JCM, einem noch von Hiseman gegründeten Power-Rock-Trio und dem Kern von Colosseum mit Clem Clempson und Mark Clarke ging diese Gedenkfeier kernig und rustikal zu Ende. Die Zeitreise durch den britischen Rock war nie peinlich, und selbst der alte Freund Jack Bruce spielte zumindest als Songwriter mit.

4 Wheel Drive, die neue und angesagte Allstar-Band des Labels ACT, bot das Erwartete: Ganz viel Jazz mit Pop-Feinschliff. Intensive Balladen mit Nils Landgren als Sänger und an der Posaune, starke harmonische Präsenz sowie Ausbrecher ins Wilde und Freie durch Michael Wollny an den Tasten, routinierte Muskelspiele von Wolfgang Haffner an den Drums und Tiefton-Sensibilität von Lars Danielsson. Die großen Chartbreaker mal anders interpretiert, mit Vier-Star-Antrieb voraus.

Es ging bei dieser 32. Ausgabe der Jazztage aber auch genauso versiert, virtuos und deutlich aufwühlender. Etwa mit der Monika Roscher Bigband, die zwar noch immer ein jazziges Pulverfass ist, aber mitsamt der Leaderin derzeit in den komplexen Strukturen etwas festgefahren zu sein scheint. Die schienen das wirbelige Quartett „KUU!“ nicht zu beschweren. Verzwickter Gitarrenwahn von Kalle Kalima und Frank Möbus, Schlagzeug-Explosionen von Christian Lellinger und die Vokalpräsenz von Jelena Kuljic sorgten für Aha-Momente und Geistesblitze.

Tanzbares? Natürlich gab's auch das. Nicht nur am Ende des aufwühlenden Piano-Doppels von Marialy Pacheco und Omar Sosa. Auch Web Web hatten den Groove und kurzzeitig Joo Kraus mit im Boot. Und beim Auftritt der Londoner Afrobeat-Crew Kokoroko gab es bei den Besuchern sowieso kein Halten mehr. Angeführt von der Trompeterin Sheila Maurice-Grey wurde hier auch reichlich Soul und Dancehall in den Jazz gemischt. Fünf spektralfarbige Tage also, die man im Theaterhaus erleben durfte.

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Erstellt:
23. April 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
23. April 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 23. April 2019, 06:00 Uhr

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