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"Größte Flüchtlingsbewegung seit Ende des Zweiten Weltkriegs"
Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras ruft die EU zu Hilfe in der Flüchtlingskrise auf. Sein Land sei angesichts des Ansturms überfordert. Foto: afp
Griechenlands Premier Tsipras warnt vor Überforderung seines Landes - Bald sollen mehr als 100 000 Menschen in dem EU-Staat festsitzen

"Größte Flüchtlingsbewegung seit Ende des Zweiten Weltkriegs"

Flüchtlingsnot im Hafen von Piräus, Camps in Athen, Tumulte an der Nordgrenze: Griechenlands Premier Tsipras bittet die EU um Hilfe. Derweil Brüssel Unterstützung signalisiert, zeigt sich Berlin zugeknöpft.

02.03.2016
  • GERD HÖHLER

Schon der frühe Dienstagmorgen startet mit einem Hilferuf. Der Athener Fernsehsenders "Star TV" interviewt Premierminister Alexis Tsipras - und der Chef der sozialistischen Syriza-Partei ist vom Eskalationslevel bei Alarmstufe Dunkelrot angelangt: Die aktuelle Flüchtlingskrise "übersteigt die Kräfte Griechenlands", warnt er eindringlich. "Wir erleben die größte Flüchtlingsbewegung seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs." Sein Appell richtete sich gen Brüssel: Tsipras verlangt eine gerechte Verteilung der Schutzsuchenden. Jedes Land der EU müsse seinen Teil der Last tragen.

Ob die Botschaft ankommt? Die Staats- und Regierungschefs der EU wollen am kommenden Montag auf einem Sondergipfel gemeinsam mit der Türkei über die Flüchtlingskrise beraten. Vor dem Treffen in Brüssel will Tsipras am Freitag mit den Chefs der wichtigsten Oppositionsparteien über eine gemeinsame Linie sprechen. Im Fernsehinterview droht der Premierminister: Beim Gipfel werde er notfalls von seinem Vetorecht Gebrauch machen, wenn sich die EU nicht auf eine gerechte Verteilung der Flüchtlinge einigt. Tsipras fordert die Bildung einer gemeinsamen europäischen Küstenwache, um den Flüchtlingsstrom in der Ägäis zu stoppen.

Nach schnellen Gegenmaßnahmen klingt das nicht. Dabei wird die Lage der Flüchtlinge im Land immer chaotischer. Rund 30 000 Menschen sitzen schon zwischen den ostägäischen Inseln und der mazedonischen Grenze im Norden fest. Besonders kritisch ist die Lage am griechisch-mazedonischen Grenzübergang Idomeni. Hier warten etwa 8000 Menschen auf die Weiterreise nach Norden, darunter viele Familien mit Alten und Kindern. Mazedonien lässt aber pro Tag nur einige Dutzend Wartende durch. De facto ist die Grenze dicht.

Das führt zu Unmut. Etwa 100 Flüchtlinge fordern mit Sprechchören die Öffnung der Grenze. Am Vortag war es zu Ausschreitungen gekommen. Hunderte Flüchtlinge hatten versucht, den Grenzzaun niederzureißen. Die mazedonische Polizei schoss Blendgranaten und Tränengaskartuschen unter die Menschen. Schockierende Bilder von panischen, nach Luft ringenden Kindern gingen um die Welt.

Ein weiterer Brennpunkt ist Piräus. An diesem Dienstag treffen gut 1000 Flüchtlinge mit Fähren von den ostägäischen Inseln ein. Auf dem Hafengelände sind rund 5000 Menschen in Notunterkünften untergebracht. Hilfsorganisationen verteilen zwar Essen und Wasser, die Versorgung ist aber unzureichend. Die griechische Regierung wirkt total überfordert. Es scheint keinen Plan zu geben, wie man mit dem Ansturm fertigwerden kann. Dabei zeichnete sich seit Wochen ab, dass Griechenland mit seiner Politik des Durchwinkens nicht ewig würde weitermachen können.

Wie krass die Missstände sind, zeigt sich am Athener Viktoriaplatz. Rund 500 Flüchtlinge campieren unter freiem Himmel. Die Behörden glänzen durch Abwesenheit - bis auf eine starke Polizeipräsenz. Die Flüchtlinge sind auf die Hilfe der Anwohner angewiesen, die Lebensmittel und Getränke verteilen. Auch Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen (MSF) sind vor Ort. Viele Kinder sind nach den Nächten im Freien krank. "Wir stellen immer mehr Atemwegserkrankungen fest. Viele Kinder haben auch Magen- und Darminfektionen", sagte Constance Theisen von MSF.

Nun plant die Regierung sieben weitere Lager für etwa 20 000 Menschen an der Grenze. Nachdem Migrationsminister Ioannis Mouzalas erklärte, er rechne mit 50 000 bis 70 000 Flüchtlingen, geht man jetzt in Regierungskreisen davon aus, dass schon bald mehr als 100 000 Menschen in Griechenland festsitzen. Je die Hälfte könne in Pensionen und in neuen Aufnahmelagern untergebracht werden.

Für Unterbringung und Versorgung der Menschen hat Athen nach griechischen Medienberichten bei der EU Finanzhilfen von 470 Millionen Euro beantragt. Tsipras telefonierte am Montag mit Jean-Claude Juncker. Der EU-Kommissionspräsident habe Griechenland Unterstützung aus Brüssel zugesichert, hieß es in Regierungskreisen.

Angela Merkel (CDU) sendet hingegen weniger ermunternde Signale nach Athen. Die Kanzlerin lehnte es ab, Flüchtlingen zu übernehmen. Eine so dramatische Situation wie im Sommer 2015 in Ungarn sehe sie in Griechenland derzeit nicht. Dort gebe es viele Vorbereitungen, so seien die Hotspots schon errichtet. Außerdem gebe es Übernachtungsmöglichkeiten, die nun genutzt werden müssten, sagte Merkel. Alarmstimmung? Davon will Berlin noch nichts wissen.

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02.03.2016, 08:30 Uhr
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